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Horror in Chinas Ziegeleien: Hunderte Arbeitssklaven befreit - darunter 29 Kinder

Schläge, Hunger, kein Lohn: In China wurden innerhalb weniger Tage Hunderte Sklavenarbeiter aus Ziegeleien befreit - darunter auch Kinder. Menschenhandel ist im Boomland ein blühendes Geschäft.

Peking - Die chinesische Regierung scheint hartes Durchgreifen demonstrieren zu wollen - dieser Tage jedenfalls startete sie eine Großrazzia. In der zentralchinesischen Provinz Henan wurden 35.000 Polizisten mobilisiert, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Tausende Ziegeleien seien überprüft worden. Das Resümee ist erschütternd: Über 200 Arbeiter befreite die Polizei, die bis dahin schuften mussten wie Sklaven. Bei Schlägen, ohne Lohn, für Hungerrationen. Auch 29 Kinder waren dabei.

Arbeiter in einer Ziegelei in Shanxi: Schuften für Wasser und Brot
REUTERS

Arbeiter in einer Ziegelei in Shanxi: Schuften für Wasser und Brot

Die Arbeiter seien angeworben oder aber von Menschenhändlern angeboten worden, berichtet Xinhua. 120 Verdächtige seien festgenommen worden. Erst vergangene Woche waren in der Provinz Shanxi 31 vollkommen traumatisierte Sklavenarbeiter ebenfalls aus einer Ziegelei befreit worden - nach über einem Jahr Gefangenschaft. Sie hatten Verbrennungen am ganzen Körper und waren vollkommen abgemagert.

Gleichzeitig kursieren in den Medien dieser Tage erschütternde Berichte über entführte Kinder, die ebenfalls als Sklavenarbeiter gehalten werden. Die aus Henan stammenden Eltern vermisster Kinder hatten sich gemeinsam mit einem Journalisten auf die Suche gemacht - und 40 Kinder in Ziegeleien in Shanxi gefunden. Das jüngste war acht Jahre alt. Die Kinder seien von Menschenhändlern entführt und für 500 Yuan - umgerechnet 50 Euro - an die Ziegeleien verkauft worden, sagen die Eltern. Sie seien geschlagen worden und mussten hungernd 14 Stunden täglich Schwerstarbeit verrichten. Insgesamt hätten die Sklavenhändler den Recherchen zufolge rund 1000 Kinder entführt.

"Nicht das Olympische Image beschädigen"

Wollte man zynisch sein, könnte man sagen: Den Kindern, die eine internationale Organisation vor wenigen Tagen in Fabriken fand, wo Taschen und Briefpapier für die Olympischen Spiele hergestellt werden, ging es geradezu gut. Von Schlägen jedenfalls ist in den Berichten der Menschenrechtler nichts zu lesen - dafür allerdings von 14-Stunden-Schichten und einer Bezahlung, die gerade einmal die Hälfte des gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns betrug.

Ob dieser Vorfall der Auslöser für die jetzigen Razzien in den Ziegeleien war? Schließlich kann Peking Berichte über Menschenrechtsverletzungen gerade im Vorfeld des gigantischen Sportereignisses nicht gebrauchen. Nach dem peinlichen Vorfall jedenfalls versicherten die Verantwortlichen in China eiligst, Untersuchungen einzuleiten. Der Marketing-Direktor für die Olympischen Spiele, Chen Feng, berief sogleich Treffen mit den Managern der betroffenen Firmen ein. "Wir wollen nicht, dass sie das Olympische Image beschädigen", erklärte er und versprach, für die strikte Einhaltung von Arbeitsrechts- und Umweltstandards zu sorgen. Die Fabriken bestritten die Vorwürfe. "Wir werden unsere Untersuchungen weiterführen, bis wir die Wahrheit gefunden haben", erklärte Chen dem Anlass gemäß pathetisch.

Auch die zunehmenden sozialen Unterschiede mögen die Behörden dazu gebracht haben, endlich gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen vorzugehen. Denn an Millionen Fabrikarbeitern in China geht der Boom des Landes derzeit weitgehend vorbei - diese verarmten Massen könnten aber irgendwann zur ernsthaften Bedrohung für das Regime werden. So verleiht Premier Wen Jiaboa seiner Politik auch schon seit geraumer Zeit eine sehr soziale Note. Staatliche Medien berichten verstärkt über die oft unhaltbaren Bedingungen in chinesischen Fabriken. Der Aufruf der Väter aus Henan landete sogar in einer Online-Zeitung der Kommunistischen Partei.

Menschenrechtler sind allerdings skeptisch, ob sich die Situation für die Massen der Arbeiter grundsätzlich ändern wird. Die bisherigen sozialen Initiativen aus Peking seien halbherzig, sagt etwa Dirk Pleiter, China-Experte von Amnesty International, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Schließlich befindet sich die Regierung in der Zwickmühle: "Die Arbeitskosten für ausländische Unternehmen dürfen auf keinen Fall zu stark steigen." Schon als der chinesische Volkskongress bei seiner letzten Sitzung den Kündigungsschutz verbesserte, protestierte etwa die amerikanische Handelskammer lautstark.

Zum anderen sei "das, was die Zentralregierung will, und das, was die Provinzen wollen, nicht immer das gleiche", sagt Menschenrechtler Pleiter. Die engen lokalen Beziehungsgeflechte zwischen Unternehmern und Politik verhinderten oft, dass Initiativen der Zentralregierung ausreichend fruchten. So wurde auch die Fabrik mit den 31 Arbeitssklaven vergangene Woche erst gestürmt, als ein Arbeiter von Wächtern totgeschlagen worden war. Die Ziegelei gehörte dem Sohn des lokalen Parteichefs. Und die Väter aus Henan, die ihre Kinder in Shanxi suchten, verwies die Polizei lediglich auf die Zuständigkeit der jeweils anderen Provinz. "Die Sicherheit unserer Kinder ist alles für uns. Aber wer wird uns helfen?", heißt es in ihrer Petition deshalb. "Wenn die Provinzregierungen auf beiden Seiten die Verantwortung ablehnen, an wen können wir uns wenden?"

Immerhin, nach der jüngsten Großrazzia in den Ziegeleien erklärte der Polizeichef von Henan: "Wir müssen alles tun, um Menschenhandel zu bekämpfen." Vielleicht hilft er jetzt auch bei der Suche nach den vermissten Kindern.

ase/AFP/dpa

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