Ältester Familienbetrieb der Welt Ein Königreich für einen Erben

Es gilt als das älteste Familienunternehmen der Welt: Das japanische Gasthaus Hoshi Ryokan lockt seit dem Jahr 718 mit traditionellem Essen und heißen Bädern. Doch nun sorgt sich der 46. Erbe um das Überleben des Traditionsbetriebs.

Von , Tokio

Wieland Wagner

Jeden Morgen um viertel vor sieben schlägt Zengoro Hoshi, 76, den Gong. Dann hocken die Frühaufsteher unter seinen Hotelgästen auf Reisstrohmatten um ihn herum und lauschen andächtig den buddhistischen Lebensweisheiten, die er ihnen mit in den Tag gibt. Denn hier spricht immerhin der Nachkomme einer Firma, die Einzigartiges geschafft hat: fast 1300 Jahre lang als Familienbetrieb zu überleben.

Dass der Unternehmer sich auf den Buddhismus beruft, gehört zu den streng gehüteten Traditionen des Gasthauses in Awazu Onsen auf der Hauptinsel Honshu. Denn das Hoshi Ryokan verdankt seine Existenz einem Mönch. Er stieg 718 vom nahen Berg Hakusan ins Tal herab und entdeckte dieses Onsen, eine heiße Quelle, in der die Gäste des "Hoshi" auch heute noch Heilung und Entspannung suchen.

Seither wird diese ehrwürdige Herberge ohne Unterbrechung von der Familie Hoshi geführt. Zengoro Hoshi trägt als 46. Nachfahre denselben Vornamen, den jeder neue Chef wie einen Fürstentitel annimmt. Für den Patriarchen ist der Name historische Verpflichtung, aber zunehmend auch Last: Denn dieser Tage sorgt er sich, wie er Japans ältesten Familienbetrieb an die nächste Generation weiterreichen kann.

"Alles ist ständig im Fluss, alles ändert sich"

Hoshi hat graue Haare und trägt einen traditionellen blauen Kittel. Wenn der Buddhist über die Geschichte der Firma spricht, philosophiert er gern über das Wasser, in dem seine Gäste baden. Es sei ein Sinnbild für die vergängliche Existenz von Menschen und Firmen, sagt er. "Alles ist ständig im Fluss, alles ändert sich."

In der Gegenwart des Turbo-Kapitalismus verändert sich das geschäftliche Umfeld für das Hoshi Ryokan allerdings rasanter, als dem Senior lieb ist.

Zwar hat das Gasthaus schon viele Krisen und Katastrophen überstanden: Im Zweiten Weltkrieg wurden hier verletzte Soldaten einquartiert, die ihre Wunden mit der Heilkraft der heißen Quelle pflegten. 1961 brannte die Herberge dann fast ab, weil ein Gast mit brennender Zigarette eingenickt war.

Ein möglicherweise existenzieller Schicksalsschlag widerfuhr dem Familienbetrieb dann vor zwei Jahren: Im Alter von nur 46 Jahren starb der älteste Sohn Hiroshi plötzlich an Herzversagen.

Hoshi hatte den Junior jahrelang für die Rolle als 47. Zengoro trainiert - mit aller Strenge, die er für nötig hielt. Denn ein Hoshi muss nicht nur ein Haus mit 70 Zimmern und rund 3500 Gästen pro Monat führen, er muss nicht nur die traditionelle Küche überwachen und den kunstvollen Garten mit jahrhundertealten Bäumen, kleinen Flüssen und kostbaren Koi-Karpfen bewahren. Er muss auch die Geschichte des Hauses verkörpern. Und er muss ein moderner Geschäftsmann sein, der den nötigen Gewinn erwirtschaftet.

In den Jahren des Wirtschaftswunders gelang das dem Senior prächtig: Er riss alte Gebäudeteile ab und baute einen achtstöckigen Betonkasten an für die vielen Betriebsausflügler, die hier auf Spesen einkehrten. "Gefeiert wurde bis früh morgens, mit Reiswein und Karaoke."

Doch Anfang der Neunzigerjahre platzte die sogenannte Japan-Blase. Das Land kämpft seither mit der Deflation, dem schleichenden Verfall der Preise. Die Folge: Viele Firmenkunden des Hoshi Ryokan blieben weg, heutzutage checken vor allem Familien hier ein. Doch von denen kann Hoshi pro Übernachtung mit zwei Mahlzeiten oft nur noch bis zu 60.000 Yen verlangen, etwa 440 Euro. Das ist immer noch teuer, aber etwa halb so viel wie vor 20 Jahren, "unser Umsatz ist auf ein Viertel gesunken."

Zugleich musste Hoshi sein Personal von einst 350 auf 70 Mitarbeiter reduzieren. Er selbst arbeitet unermüdlich weiter, er gönnt sich keine Freizeit, er lebt für die Firma. Und dabei muss er sich nun eben auch der neuen Aufgabe widmen: den historischen Betrieb für die Zukunft neu zu bestellen.

Jüngere Gäste verlangen mehr Komfort als die traditionelle Klientel

Hoshi richtet seine Hoffnungen auf Hisae, seine unverheiratete Tochter. Sie ist die einzige seiner noch lebenden drei erwachsenen Kinder, die als Erbfolgerin für ihn infrage kommt. Er sagt: "Ich hoffe, sie entscheidet sich endlich, dann kann ich sie gründlich einarbeiten."

Die Auserwählte trägt ein dunkles Kostüm und hilft ihrem Vater bereits im Hintergrund. Sie bittet, ihr Alter nicht zu nennen. Und sie hört mit sichtbarem Unbehagen zu, wenn der Vater seine altmodischen Idealvorstellungen für den Fortbestand des Hauses erläutert. Ginge es nach ihm, würde sie heiraten. Ihren Ehemann würde er dann adoptieren, als 47. Zengoro. So verlangt es die Tradition.

Doch Hisae ist nicht nur eine treue Tochter. Sie ist auch eine moderne Japanerin, die offenbar selbst ihr Leben bestimmen möchte. Statt übers Heiraten spricht sie lieber darüber, wie das Gasthaus mehr jüngere Japaner anlocken könnte. Denn die verlangen oft mehr Komfort als die traditionelle Klientel: Statt auf Futons nächtigen sie lieber in Betten, statt Sake trinken viele lieber Wein.

Gleichzeitig erwarten die Gäste hier aber weiter das Ambiente von vor 1300 Jahren. Das Familien-Oberhaupt erwägt daher, das Hoshi Ryokan zu verkleinern, als traditionelle Luxus-Herberge. Als Beispiel zeigt er eine 150 Jahre alte Suite, in der schon mal ein kaiserlicher Prinz abstieg. Hier kann eine Übernachtung bis zu 200.000 Yen kosten, fast 1500 Euro.

In jedem Fall muss Hoshi die Tradition seines Hauses behutsam anpassen, damit dessen Geschichte nicht abbricht. Davon könnte als Erste Tochter Hisae profitieren - ihr wird der Vater wohl ein paar neue Freiheiten gewähren müssen.



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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
etrix27 17.05.2015
1. Gähnende Langeweile
auf allen Kanälen im Spiegel- Bald ist das Niveau der Bildzeitung erreicht- Gut, dass ich mein Abo bereits gekündigt habe.
EMU 17.05.2015
2.
---Zitat--- Ginge es nach ihm, würde sie heiraten. Ihren Ehemann würde er dann adoptieren, als 47. Zengoro. ---Zitatende--- Ein "Haben wir schon immer so gemacht" vom Feinsten. Kein Wunder, dass die Tochter sich sträubt.
bürger_dieses_landes 17.05.2015
3. War nicht eine chinesische Baufirma...
...das älteste bekannte noch existierende Unternehmen? Ich las mal, es gäbe sie noch, die Baufirma, die die chinesische Mauer errichtete?
orage 17.05.2015
4. Gähnende Langeweile
Zitat von etrix27auf allen Kanälen im Spiegel- Bald ist das Niveau der Bildzeitung erreicht- Gut, dass ich mein Abo bereits gekündigt habe.
Verwechseln Sie da nicht was? Was Die Bild-Zeitung macht, ist Sensationsjournalismus!
michaelXXLF 17.05.2015
5.
Zitat von EMUEin "Haben wir schon immer so gemacht" vom Feinsten. Kein Wunder, dass die Tochter sich sträubt.
Und das schon seit 1300 Jahren! :-) Das Nishiyama Onsen in Hayakawa in der Provinz Yamanashi soll nochmal 13 Jahre älter sein, die Familientradition dort ist aber wohl nicht immer ganz so streng eingehalten worden.
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