Mysteriöses Millionenerbe: Der Schatz der alten Dame

Von , New York

Sie starb mit 104 Jahren, nachdem sie jahrzehntelang abgetaucht war. Wer war die rätselhafte Millionenerbin Huguette Clark? Ein Jahr nach ihrem Tod versteigert Christie's jetzt die Juwelen der Glamour-Dame - und gewährt so erstmals Einblick in ihr geheimnisvolles Leben.

Clark-Juwelen: "Eine wahre Märchenkollektion" Fotos
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Tiefe Melancholie zeichnet ihr Gesicht. Das kann selbst die feine Garderobe nicht vertuschen: Pelzkragen, Topfhut, Perlenkette, Damenuhr, zwei Armbänder. Datum des Fotos: 11. August 1930. Kurz darauf zieht sie sich für immer aus der Öffentlichkeit zurück - verbunkert, verschwunden und bald vergessen, bis sie 2011 mit 104 Jahren stirbt.

Leben und Tod von Huguette Marcelle Clark sind bis heute geheimnisumwittert. New Yorks mysteriöseste Millionenerbin, die ihre letzten Jahrzehnte, von Hunderten Puppen umringt, in einer Krankenhaus-Suite dahindämmerte, nahm die Antworten auf so viele Fragen mit ins Grab. Warum tauchte sie unter? Was geschah damals? Wie reich war sie wirklich?

Diese Woche, knapp ein Jahr nach Clarks Tod, lüftet sich der Schleier - ein bisschen. Am Dienstag versteigert Christie's in New York den gesamten Schmucknachlass der alten Dame. Das Auktionshaus rechnet mit einem Erlös von bis zu zwölf Millionen Dollar: Diamanten, Rubine, Smaragde, Saphire - stumme Zeugen eines dauerhaften Rätsels, zuletzt gesehen vor 80 Jahren. Darunter die Perlenkette von jenem Foto von 1930, Mindestgebot: 20.000 Dollar.

Ein Klacks für Christie's, das 2011 Juwelen für rund 600 Millionen Dollar versteigerte. Doch der wahre Wert dieser Offerte liegt woanders.

"Dies ist einer der außerordentlichsten Momente in meiner 15-jährigen Karriere hier", sagt Rahul Kadakia, bei Christie's für Schmuck zuständig. Kadakia steht in der Christie's-Dependance am Rockefeller Center, wo Clarks Hinterlassenschaft in fünf Vitrinen funkelt, und rasselt deren berühmte Provenienz herunter. Tiffany, Cartier, Dreicer: "Ja, das war eine der besten Zeiten in der Schmuckfertigung."

Vater William Clark war der zweitreichste Mann Amerikas

Und eine der besten Zeiten in der US-Geschichte: anfang des 20. Jahrhunderts, als Huguette Clark ein Jungstar der Society hier war. Ihr Vater William Clark - Kupferbaron, Selfmade-Millionär, Spekulant, Senator - war einst der zweitreichste Mann Amerikas. Er besaß das Stück Bahnland, auf dem Las Vegas entstand. Dessen Bezirk heißt bis heute Clark County.

Die Clarks residierten in einem Palast an der Fifth Avenue. Doch es war nicht alles Gold. Wie die meisten reichen Familien - die Astors, die Guggenheims, die Vanderbilts - waren auch sie vom größten Desaster jener Ära betroffen, dem Untergang der "Titanic" vor exakt 100 Jahren: Huguettes Cousin Walter ertrank, seine Frau Virginia überlebte. "Den Schock von Mrs. Walter Clark kann sich keiner vorstellen", schrieb die "Salt Lake Tribune". "Sie hält sich unter den Umständen gut."

Mit seinem Tod 1925 hinterließ William Clark ein Vermögen. Huguette und ihre Mutter - ihre ältere Schwester Andrée war 1919 an Meningitis gestorben - zogen in eine etwas kleinere Zimmerflucht um: 42 Räume am Central Park, das größte Apartment dort. Die Debütantin tanzte, malte, spielte Geige. Es waren die "Roaring Twenties", die Goldenen Zwanziger.

Dabei stellte Clark eben jenen Schmuck zur Schau, der nun bei Christie's liegt. Ein Neun-Karat-Diamantring, heute mindestens sechs Millionen Dollar wert und das teuerste Objekt der Auktion. Armbänder mit Edelsteinen aller Couleur (je bis zu 500.000 Dollar). Smaragd- und Perlen-Ohrringe sowie ein Flaggenpin aus winzigen Diamanten (je ab 30.000 Dollar).

Die Stücke sind opulent, doch nicht zu protzig - und von höchster Qualität. Vor allem die rosa Diamanten sind selten und begehrt. Christie's hat sie für die Bieter inmitten verblichener Porträtfotos von Clark dekoriert, die sie teils stolz mit selbigen Preziosen zeigen. Auf einigen lacht sie unbeschwert. Auf anderen liegt Melancholie in ihrem Gesicht.

Mit 25 kapselte sie sich ab

Am Ende blieb die Schwermut. Clarks Ehe mit dem Sohn eines Ex-Geschäftspartners ihres Vaters hielt nur neun Monate. 1931, mit 25, kapselte sie sich ab - für den Rest ihres langen Lebens.

Mit ihr verschwanden die Juwelen, die Uhren, die Kleider, die Puppen, die sie sammelte. Sie schloss sich in dem Apartment am Central Park ein, mit ihrer Mutter und nach deren Tod 1963 allein, nur von wenigen Dienstboten hofiert. Selbst ihr späterer Anwalt Wallace Bock bekam sie nie zu Gesicht, sie kommunizierten durch eine angelehnte Tür.

Clark geriet in Vergessenheit. Kinderlos zog sie 1988 ins Doctors Hospital, später ins Beth Israel Medical Center auf der East Side. Dort lebte sie unter einer Reihe von Pseudonymen, ihre Tür wurde bewacht von bulligen Bodyguards.

Clarks Immobilien standen seither leer - das Apartment am Central Park, ein 100-Millionen-Dollar-Anwesen in Kalifornien, "Le Beau Château", jene 24-Millionen-Dollar-Villa in Connecticut, die Clark 1952 gekauft hatte.

Erst als Clark im Mai 2011 starb, erinnerte sich die Gesellschaft an sie. Die "New York Times" pries sie nostalgisch als "letztes Bindeglied zu New Yorks goldenem Zeitalter".

30 Millionen Dollar für die Pflegerin

Ihre Finanzen waren schon vor ihrem Tod Gegenstand eines Gerichtsstreits. Mit 99 Jahren hatte Clark ihr Testament geändert und alle Verwandten enterbt. Stattdessen vermachte sie rund 300 Millionen Dollar an wohltätige Stiftungen. Ihre philippinische Pflegerin Hadassah Peri bekam knapp 30 Millionen Dollar, ihre Patentochter Wanda Styka zwölf Millionen, ihr Anwalt Bock und ihr Buchhalter Irving Kamsler je 500.000 Dollar.

Clarks entfernte Familie hat das Testament angefochten. Die Juwelen, die jetzt versteigert werden, sind Teil des Erbstreits. Wer den Erlös bekommt, wird ein Gericht bestimmen.

Gleiches gilt für das Central-Park-Apartment, das für rund 55 Millionen Dollar angeboten wird - weit unter Preis. Die Maklerfirma Brown Harris Stevens, eine Christie's-Tochter, preist es als "zeitlos" und "Rohdiamant" an. Sprich: Die 1400 Quadratmeter, seit 1988 unbewohnt, müssen gründlich renoviert werden.

Was von dem Schmuck nicht gesagt werden kann. Die Stücke in den Christie's-Vitrinen, die mindestens die vergangenen 60 Jahre in einem Banksafe verbracht haben, sehen aus wie neu. "Eine wahre Märchenkollektion", sagt Kadakia.

Clark wurde im Familienmausoleum in der Bronx beigesetzt, neben ihren Eltern und ihrer Schwester Andrée - so einsam, wie sie zuletzt gelebt hatte: Nur die Angestellten des Bestattungsunternehmens waren zugegen.

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1.
Dosengabel 17.04.2012
Zitat von sysopSie starb mit 104 Jahren, nachdem sie jahrzehntelang abgetaucht war. Wer war die rätselhafte Millionenerbin Huguette Clark? Ein Jahr nach ihrem Tod versteigert Christie's jetzt die Juwelen der Glamour-Dame - und gewährt so erstmals Einblick in ihr geheimnisvolles Leben. Mysteriöses Millionenerbe: Der Schatz der alten Dame - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,827772,00.html)
Was macht man so viele Jahre mit so viel Puppen und so viel Kohle in einer Wohnung am Central Park?
2.
morpholyte 17.04.2012
@Dosengabel Schon mal etwas von schweren rezidivierenden (wiederkehrenden) Depressionen gehört ??
3.
Dosengabel 18.04.2012
Zitat von morpholyte@Dosengabel Schon mal etwas von schweren rezidivierenden (wiederkehrenden) Depressionen gehört ??
jetzt schon
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