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Hungerkrise: "Die Zeit der billigen Nahrungsmittel ist vorbei"

Milch, Butter, Reis: Weltweit steigen die Preise für Grundnahrungsmittel, der freie Markt kollabiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE fordert Finanzexperte Leslie Maasdorp eine schnelle Reform des Welthandels - sonst bekomme der Westen die Wut der Hungrigen zu spüren.

SPIEGEL ONLINE: Der "Economist" hat die weltweite Hungerkrise als "stillen Tsunami" beschrieben. Übertreibt das Magazin?

Maasdorp: Nein - im Gegenteil: Die Ursachen dieser Krise haben sich über Jahre hinweg entwickelt, niemand hat sie bemerkt. China hat beispielsweise in den letzten drei Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geführt, die inzwischen einfach mehr essen. Die Bezeichnung "stiller Tsunami" ist gut, weil sie beschreibt, dass die Krise groß ist und nicht ignoriert werden kann.

Finanzexperte Maasdorp: "Es gibt im Agrarbereich keinen funktionierenden Markt"
Barclays Capital

Finanzexperte Maasdorp: "Es gibt im Agrarbereich keinen funktionierenden Markt"

SPIEGEL ONLINE: Aber die chinesische Bevölkerung wächst nicht erst seit gestern. Trotzdem sind allein in den letzten drei Jahren die Lebensmittelpreise um 75 Prozent gestiegen.

Maasdorp: Das liegt vor allem an den Energiepreisen, die sich massiv verteuert haben. Dadurch werden auch die Transportkosten teurer. Außerdem sind gerade in den vergangenen drei Jahren erstmals im großen Stil Biokraftstoffe aus Lebensmitteln hergestellt worden.

SPIEGEL ONLINE: Und es wurde massiv an den Rohstoffmärkten spekuliert ...

Maasdorp: Das stimmt. Der verstärkte Handel mit Rohstoffen ist einer der Hauptfaktoren für die drastisch gestiegenen Lebensmittelpreise.

SPIEGEL ONLINE: Der pakistanische Finanzminister hat sogar gesagt, die Spekulanten wollten die Entwicklungsländer ruinieren ...

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Maasdorp: Politiker versuchen immer, einen Verantwortlichen für Probleme zu finden. Ich halte die Reaktion mancher asiatischer Länder trotzdem für falsch. Es ist sehr kurzfristig gedacht, die eigenen Märkte zu schließen und den Export von Reis oder anderen Nahrungsmitteln zu verbieten. Das wird nicht gegen Spekulationen helfen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es gerade jetzt so interessant, mit Rohstoffen zu spekulieren?

Maasdorp: Weil die Krise real ist: Jeden Tag finden Aufstände und Demonstrationen statt, allein in über 30 Ländern gab es Ausschreitungen. Das kann der Markt nicht ignorieren. Dabei protestieren die Menschen nicht gegen die Lebensmittelknappheit, sondern gegen die unerschwinglichen Preise. Lebensmittelpreise tragen enorm zur Inflation bei, darauf reagieren Regierungen und Zentralbanken und senken die Zinsen - und das beeinflusst das Wachstum.

SPIEGEL ONLINE: Ist es ethisch überhaupt vertretbar, mit Nahrungsmittelrohstoffen zu spekulieren?

Maasdorp: Ach, wissen Sie, über Lebensmittelpreise ist seit Jahrhunderten spekuliert worden. Jeder Farmer macht lange vor dem Ende der Saison die Preise mit seinen Abnehmern aus. Die Märkte sind auch dazu da, diese Preissignale weiterzugeben und einzuordnen. Sie können jetzt nicht die Finanzmärkte dafür verantwortlich machen, dass die Lebensmittelpreise gestiegen sind. Die Frage ist eher, wie das Finanzsystem reagieren soll.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Preis für Reis oder Mais hat sich nur so extrem verteuert, weil spekuliert worden ist.

Maasdorp: Ja - weil der Markt nicht funktioniert. Normalerweise führt eine verstärkte Nachfrage erst zu höheren Preisen, dann aber auch zu einer höheren Produktion und damit langfristig zu sinkenden Preisen. Das ist im Agrarbereich anders.

SPIEGEL ONLINE: Hier regulieren sich die Märkte nicht mehr selbst?

Maasdorp: Nein, denn es gibt keinen freien Markt. Nirgendwo sonst haben Sie so viele Preiskontrollen, Handelsbeschränkungen und Subventionen. Die europäischen Bauern arbeiten nur, weil sie Subventionen vom Staat kriegen - denn sonst würde es sich für sie nicht lohnen.

SPIEGEL ONLINE: Bislang wollten die westlichen Industrienationen an diesem System nichts ändern, warum sollten sie das jetzt tun?

Maasdorp: Weil die politischen Eliten das Ausmaß der Krise erkannt haben. Zwar betrifft die Lebensmittelkrise die Menschen in den reichen Ländern erst mal wenig ...

SPIEGEL ONLINE: ... sie müssen lediglich ein paar Cent mehr für Milch und Brot ausgeben ...

Maasdorp: ... in Entwicklungsländern ist es dagegen eine Frage von Leben und Tod.

SPIEGEL ONLINE: Es mag zynisch klingen, aber auch das war bisher noch nicht unbedingt ein Grund für die westlichen Länder zu handeln.

Maasdorp: Jetzt schon - denn sie bekommen ein massives Sicherheitsproblem. Die Ausschreitungen werden sich häufen und sich irgendwann auch gegen die Symbole des Kapitalismus richten: gegen westliche Firmen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das den Industrieländern klar?

Maasdorp: Ja, ich glaube, ihnen ist das Ausmaß der Krise absolut klar. Das zeigen alle Statements von Politikern und Regierungschefs. Welche konkreten Maßnahmen sie ergreifen, wird sich zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre ein Paradigmenwechsel.

Maasdorp: Den benötigen wir auch. Aber nicht nur auf politischer, sondern auch auf technologischer Ebene: Wir brauchen Innovationen im Agrarsektor, mit denen wir die Effektivität steigern können. Und da müssen wir auch über gentechnisch veränderte Pflanzen nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Das Welternährungsprogramm hat vor ein paar Wochen das genaue Gegenteil gefordert: zurück zur nicht-industrialisierten, bedarfsorientierten Landwirtschaft.

Maasdorp: Das ist umstritten: Andere Experten vertreten die These, dass große Agro-Firmen wie etwa in Brasilien sehr viel mehr aus dem Land herausholen können. Viele afrikanische Länder seien auf Grund ihrer kleinbäuerlichen Landwirtschaft auf das Produktivitätsniveau von vor 50 Jahren zurückgefallen. Egal, ob man diese These teilt oder nicht, klar ist: Die Produktivität muss erhöht werden. Hier erreichen oft 40 Prozent einer Ernte erst gar nicht den Markt.

SPIEGEL ONLINE: Aber zerstören nicht gerade die großen Firmen die lokalen Strukturen?

Maasdorp: Nein. Was einen immens schädlichen Einfluss hat, sind Preiskontrollen und Exportbeschränkungen. Denn es gibt für lokale Bauern keinerlei Anreiz zu produzieren, wenn Lebensmittel für weniger Geld von außen ins Land kommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber genau das machen ja die westlichen Industrieländer: Sie schotten ihre eigenen Märkte ab und verlangen gleichzeitig von den ärmeren Ländern, sich zu öffnen.

Maasdorp: Ja, denn die Landwirte haben eine immens starke Lobby und üben einen enormen Druck auf die westlichen Regierungen aus. Trotzdem glaube ich, dass der Zeitpunkt, genau diese Strukturen neu zu verhandeln, noch nie besser war als im Moment - der Krise sei Dank.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn ein erster notwendiger Schritt?

Maasdorp: Wir müssen die weltweite Nachfrage koordinieren, etwa durch eine Welternährungsbank. Außerdem muss schleunigst das Welternährungsprogramm erweitert werden - die hohen Preise haben dramatische Folgen für ärmere Haushalte.

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir uns nicht einfach damit anfreunden, dass die Phase der billigen Lebensmittel endgültig vorbei ist?

Maasdorp: Das streiten die meisten Experten ab - was mich als Ökonom wundert. Denn die Faktoren, die Lebensmittel teuer machen, werden bleiben: Klimawandel, Energiepreise, das Wachstum der Weltbevölkerung. Ich bin überzeugt: Die Zeit der billigen Nahrungsmittel ist vorbei.

Das Interview führte Susanne Amann.

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