Ende der Subventionen Was wurde aus dem Steinkohlebergbau?

2007 besiegelte die schwarz-rote Koalition das Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland. Mehr als ein Jahrzehnt später werden die zwei verbliebenen Zechen schließen. Manch ein Betroffener kann es immer noch nicht fassen.

Claus Hecking

Aus Ibbenbüren berichtet


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Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Der Förderkorb, der Thorsten Loschnat jeden Arbeitstag in sein unterirdisches Revier befördert, hat bessere Zeiten erlebt. Es rüttelt und rattert und rumpelt, als der Stahlkäfig am Seil hinabgelassen wird: Hunderte Meter tief durch ein schwarzes Nichts. Festhalten kann man sich nur an Stahlketten, die von der Decke hängen.

Fünf Minuten soll die Fahrt des Aufzugs durch den Nordschacht des Steinkohlebergwerks von Ibbenbüren dauern. Sie fühlt sich länger an. Der Boden des engen Käfigs vibriert, das Druckgefühl auf den Ohren wird stärker. Und die Luft riecht irgendwie stechend, künstlich, ungesund.

Der Förderkorb hält, die Tür geht auf. Sohle 6 - sechste Bergwerksebene, 1288 Meter unter Normalnull. Loschnats Welt. Kunstlicht, ein mehrere Meter breiter Stollen, Männer mit grünen Helmen, Schutzbrillen, von Kohlestaub befleckten Gesichtern, Schienbeinschützern und dicken Stiefeln.

"Glückauf", sagt Loschnat zu einem anderen Kumpel und haut ihm auf die Schulter. Das ist keine Folklore: Hier unten in der Zeche RAG Anthrazit Ibbenbüren am Nordostrand des Münsterlandes sagen alle "Glückauf" statt "Hallo". Alle sagen Du zueinander. Und sie geben sich Untertage-Spitznamen. Loschnat heißt Loschi. Noch.

Seit 30 Jahren fährt der 47-jährige Bergmann unter Tage. In Bergkamen, in Ahlen, jetzt in Ibbenbüren. Aber bald ist alles vorbei. An einem Tag Ende 2018 wird Loschi zur letzten Seilfahrt in den Förderkorb steigen, hinaufrumpeln in die Jedermann-Welt und fortan nur noch Herr Loschnat sein. Für immer. Denn vom 1. Januar 2019 an wird die Bundesrepublik Deutschland aufhören, die heimische Steinkohleförderung zu subventionieren. Dann ist Schicht im Schacht. In Ibbenbüren und in Bottrop, den letzten beiden deutschen Zechen. Endgültig.

Endlich.

Claus Hecking

Der Abschied zieht sich hin, seit sechs Jahrzehnten. Loschnat war noch nicht geboren, da war der deutsche Steinkohlebergbau schon wirtschaftlicher Unsinn. 1957 hatte die Krise begonnen: Die Halden im Ruhrgebiet türmten sich immer höher, die Bergwerke wurden ihr Zeug nicht mehr los. Importierte Kohle war viel preiswerter.

Die heimische Förderung war bereits damals irre aufwendig: 1960 etwa mussten die deutschen Kumpel durchschnittlich in mehr als 600 Metern Tiefe arbeiten; in anderen Ländern wie Australien wird der schwarze Stoff bis heute im Tagebau gewonnen. Reihenweise machten in den Sechzigerjahren deutsche Zechen dicht.

200 Milliarden Euro an Subventionen

Doch die Kohleindustrie war noch nicht am Ende: längst nicht. Bosse und Gewerkschafter verbündeten sich miteinander. Sie mobilisierten ihre Leute, schlossen enge Bande mit der Politik: allen voran mit der SPD, aber auch mit der CDU. Und die Volksvertreter ließen die Energieverbraucher und Steuerzahler die Zeche zahlen.

SPIEGEL ONLINE, Statista

Zuerst schufen die verantwortlichen Politiker mit dem Kohlepfennig einen Aufschlag auf den Strompreis. Und als das Bundesverfassungsgericht 1994 die Abgabe als verfassungswidrig verbot, wurde das Geld den öffentlichen Haushalten entnommen. Rund 200 Milliarden Euro habe die Subventionierung des Steinkohlebergbaus die Steuerzahler gekostet oder werde sie noch kosten, sagt der Energieökonom Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung: "Es ist ökonomischer Irrsinn, 1200 Meter unter der Erde Kohle abzubauen."

In Ibbenbüren, einem der tiefsten Kohlebergwerke Europas, geht es sogar noch weiter hinab: bis auf 1500 Meter Tiefe. Es ist ein irrwitziger Aufwand, den schwarzen Stoff heraus- und hinaufzuholen. Jedes Mal, wenn der Betreiber RAG einen neuen Abbaubereich in Angriff nahm, mussten Hunderte Meter lange Tunnel in den Fels gebohrt, gebaut, gesichert werden. Kilometerlang sind die Bandanlagen zum Abtransport der Kohle. Hunderte Kilometer lang sind all die Versorgungs- und Entsorgungsleitungen für Luft, Druckluft, Strom oder Wasser.

Zeit hat hier unten eine andere Dimension

Ein paar Schritte entfernt vom Förderkorb auf Sohle 6 ist ein kleiner Untertage-Bahnhof. Hier sitzen gerade ein paar Kumpel mit ihren Broten beim "Buttern" zusammen, dem zweiten Frühstück untertage. An der Grubendecke hängt eine abgenutzte "Dieselkatze", eine Einschienen-Hängebahn. Diese Gefährte befördern Mensch und Material durch die Stollen.

Zeit hat hier unten eine andere Dimension. Da die Kohleflöze oft kilometerweit vom Bahnhof entfernt sind, braucht Loschi schon mal eine halbe Stunde, bis er die Abbauorte erreicht. Dort im sogenannten Streb, einem Querstollen zwischen zwei Tunneln, rattern mit Meißeln bestückte Maschinen an Führungsketten am Flöz entlang: die sogenannten Kohlehobel schälen die schwarzen Brocken aus dem Gestein. Förderbänder transportieren den Rohstoff ab.

Laut ist es, staubig, oft 30 bis 35 Grad heiß - und auch feucht, denn ständig versprühen die Maschinen Wasser, um den Staub zu binden. Die Menschen müssen oft dabei sein, um zu kontrollieren, zu reparieren, manchmal verbringen sie Stunden unter der Staubmaske. "Da ist es wie in den Tropen, nur ohne Sonne und Musik", sagt Loschi. "Nach acht Stunden ist der Akku leer."

Wie einfach ist der Steinkohleabbau dagegen in anderen Weltregionen. In Australien etwa liegen viele Flöze viel näher unter der Oberfläche. Im Tagebau können sich riesige Schaufelradbagger in die Erde fressen, Tausende Tonnen Material pro Stunde bewegen. Während australische Kraftwerkskohle 2016 auf dem Weltmarkt im Schnitt rund 64 Euro pro Tonne kostete, liegen die Produktionskosten in Ibbenbüren - offiziell - bei 150 Euro je Tonne. Die RAG, Betreiber der letzten beiden deutschen Zechen, verkauft die Kohle zu Weltmarktpreisen an den Versorger RWE und andere Abnehmer, die Verluste trägt der Steuerzahler. In Ibbenbüren kostete 2015 jede geförderte Tonne den Staat im Schnitt mehr als 100 Euro je Tonne.

Anfang 2007, ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Kohlekrise, beschloss Angela Merkels rot-schwarze Bundesregierung den Ausstieg, gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen und dem Saarland. Sozialverträglich sollte er sein. Und man ließ sich Zeit: Erst Ende 2018 sollte die letzte Zeche geschlossen werden.

Ökonom Frondel hat kein Verständnis für den Kompromiss: "Für mich war es unfassbar, dass nach fünf Jahrzehnten Zuschussgeschäft noch einmal ein weiteres Jahrzehnt lang Subventionen gezahlt werden."

Thorsten Loschnat hat ebenfalls kein Verständnis - dafür, dass es zu Ende geht: "Ich war geschockt, dass die uns kaltlegen. Wenn einem das weggenommen wird, könnte man heulen." Er liebt die raue, kameradschaftliche Männerwelt unter der Erde: "Hier hilft jeder jedem. Wo sonst gibt es das noch?"

"Mein Vater und mein Großvater sind auch unter Tage gegangen"

Als er 1987 nach der Schule eine Lehrstelle suchte, stand es schon schlecht um den deutschen Steinkohlebergbau. Trotzdem fing Loschnat unter Tage an. "Alle haben damals gesagt: Es wird schwer, aber es ist zu schaffen. Mein Vater und mein Großvater sind auch unter Tage gegangen. Da war klar, das mache ich auch." Als dann 2007 der Ausstieg beschlossen wurde, überlegte er nur kurz, den Beruf zu wechseln: "Ich habe gesehen, dass ich das Ende schaffen würde." Will heißen: den Ruhestand mit 49.

Viele Kollegen gehen schon jetzt. Sie haben Anspruch auf Anpassungsgeld. Diese Sonderleistung zur Überbrückung der Zeit bis zur Rente gewährt der Staat nur ausgedienten Beschäftigten im Steinkohlebergbau.

"Es ist unfassbar, wie weich die Bergleute gelandet sind", kritisiert Frondel. Persönlich sei das jedem zu gönnen. Aber die Allgemeinheit müsse den Ausstieg teuer bezahlen: mit rund 70 Milliarden Euro Subventionen, die nach 2006 noch einmal angefallen seien. "Die Lobby ist extrem verquickt mit der Politik", sagt Frondel.

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2015 bekam die RAG staatliche Absatzbeihilfen von 1,095 Milliarden Euro. Macht pro Beschäftigtem im Schnitt rund 128.000 Euro Subventionen. Der Kohlekompromiss ist eine teure Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Bergleute.

"Hier fällt kein Kumpel ins Bodenlose", sagt Marc Schrameyer (SPD), der Bürgermeister von Ibbenbüren. Nach der Schließung werden zunächst etwa 350 Mitarbeiter die Grube ausräumen und sie für die Flutung von 2020 an vorbereiten; danach werden noch ein paar Dutzend Mitarbeiter dauerhaft die Wasserhaltung und den Zustand der Schächte überwachen. Alle Ausgeschiedenen seien gut durch Pension oder Anpassung abgesichert, sagt der Bürgermeister. Manche suchen sich auch wieder neue Jobs. Schrameyers Vater etwa war selbst einst Bergmann - und eröffnete danach einen Betrieb zur Installation von Solaranlagen.

"Ich werde die Kameradschaft hier vermissen"

Die Region hat den Strukturwandel früh eingeleitet und sich unabhängig von der Zeche gemacht. Heute liegt die Arbeitslosenquote unter fünf Prozent. "Wenn das Bergwerk dichtmacht, geht hier keine Lampe aus", sagt Schrameyer. "Im Gegenteil: Wir haben die Chance, 70 Hektar Gewerbefläche nutzbar zu machen." Seit 1961 habe die Kohlewirtschaft keinen Cent Gewerbesteuer bezahlt.

Angst vor dem Ende der Kohleförderung haben hingegen viele Bewohner der Grundstücke oberhalb der Stollen. Denn bislang steht die RAG für Bergschäden gerade: etwa, wenn sich der Boden absenkt und Risse in den Häusern verursacht. Was, wenn die Stollen geflutet werden und das Wasser den Boden wieder hochdrückt? Reichen die Rückstellungen der RAG für künftige Bergschäden aus? Oder muss der Steuerzahler einspringen? Die im Zuge des Kohlekompromisses gegründete RAG-Stiftung trägt zwar die sogenannten Ewigkeitskosten wie das ständige Abpumpen von Grubenwasser. Sie steht aber nicht für Bergschäden gerade.

Thorsten Loschnat hat diese Sorgen nicht. Er will heim ins Ruhrgebiet ziehen, wenn die Ibbenbürener Zeche ihren Betrieb einstellt. "Ich werde die Kameradschaft hier vermissen", sagt Loschi, als er in der Warteschlange für den Zwölf-Uhr-Korb nach oben steht. "Wenn ich könnte, würde ich noch mal unter Tage anfangen."



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
spmc-12355639674612 18.06.2017
1. Es ist ein Fehler,
Die Gruben verfallen zu lassen. Falls man die Steinkohle irgendwann wieder benötigen sollte, wird sowohl das Knowhow fehlen als auch die Stollen nicht mehr zugänglich sein.
eunegin 18.06.2017
2. Braunkohle - geht's noch dreckiger??
Steinkohle ist das eine, aber was mich sehr erstaunt/schockiert ist -nach der Grafik- der extrem hohe Anteil an Braunkohle in unserem Energiemix.
ich_sach_ja_nur 18.06.2017
3. Aktueller Bezug
Sehr interessanter Artikel mit einigen Parallelen zum aktuellen Geschehen. So ehrenvoll die Erhaltung einer Industrie, einer ganzen Branche zugunsten einiger weniger (im Vergleich zur Gesamtbevölkerung) Arbeitnehmer ist, so sehr geht es doch zu Lasten der Allgemeinheit. Damals im Steinkohlebergbau, heute im der Automobilindustrie! Wurde damals der Bergbau gefördert auf Teufel komm raus, hat heutzutage die Autolobby die Zügel in der Hand, wirft immer noch dicke PS-Boliden auf den Markt und hat die Entwicklung energiesparender und E-Motoren verschleppt. Wenn man sich dann noch vorstellt, dass Donald Trump (sofern er überhaupt Bücher liest) womöglich das Buch “Heaven & Hell“ von Dr. Ian Plimer gelesen hat, ist klar warum Trump vom Pariser Klimaabkommen ausgetreten ist und den Klimawandel negiert. (Ian Plimer ist übrigens Australier, und der dort so billige Kohlebergbau dürfte eine Grundlage dafür sein, dass Plimer Kohlestrom favorisiert und Erneuerbare Energien verteufelt ...)
xgerry 18.06.2017
4. Re: Es ist ein Fehler
Kohle aus 1200 m fördern zu können? Ich glaube das gehört eher zur Kategorie "Unnützes Wissen".
rumpelstilzchen1980 18.06.2017
5.
So spektakulär der Abbau auch ist, der laufende Betrieb ist wirklich eindrucksvoll, so richtig ist der Ausstieg angesichts der massiven Folgeschäden in der Region. Wir werden nie so viel Kohle fördern, wie wir an Energie benötigen umd den Landstrich anschließend zu sichern. Das Ruhrgebiet wird irgendwann untergehen und sich in eine mehr oder weniger giftige Seenplatte verwandeln, wenn wir nicht ewig weiterpumpen.
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