ICE-Städtchen Montabaur: Bremsen für den Aufschwung

Von Nils-Viktor Sorge, Montabaur

Von Tempo 300 auf 0 in 120 Sekunden: Geschäftsreisende sind regelmäßig genervt, wenn der ICE im 12.500-Einwohner-Städtchen Montabaur stoppt. Einst hatten Lokalpolitiker den Halt erzwungen - nun erlebt das Provinznest einen regelrechten Boom.

Marc Fischer ist ganz oben angekommen. Seit kurzem residiert der Co-Chef der Unternehmensberatung Emc² in der fünften Etage eines modernen Geschäftshauses mit viel Glas und Stahl. Von seinem Büro hat der Ex-McKinsey-Partner freie Sicht in drei Himmelsrichtungen - standesgemäß für eine Firma, die zahlreiche Dax- und MDax-Konzerne betreut. Fischer überblickt fast die gesamte Stadt. Die hat indes nur 12.500 Einwohner, heißt Montabaur und liegt mitten im Westerwald.

ICE-Bahnhof in Montabaur: 33 Mal am Tag hält hier der Superzug der Deutschen Bahn
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ICE-Bahnhof in Montabaur: 33 Mal am Tag hält hier der Superzug der Deutschen Bahn

"Ich bin die Standortentscheidung sehr rational angegangen", sagt Fischer trocken. "Die Argumente haben für Montabaur den Ausschlag gegeben." Ein Schloss, jede Menge Fachwerkhäuser und ganz viel Natur - so präsentiert sich Montabaur seinen Besuchern. Doch Standortargument Nummer eins thront auf dem Damm knapp 20 Meter über der Stadt: Der ICE-Bahnhof.

Vor fünf Jahren, am 27. Juli 2002, wurde der Bahnhof eröffnet, seitdem hält der Superzug der Deutschen Bahn 33 mal am Tag auf der Fahrt zwischen Köln und Frankfurt/Wiesbaden in der Kreisstadt. Die ist dadurch zum Vorort der beiden Ballungsgebiete geworden, die Fahrzeit beträgt in beide Richtungen nur etwa 40 Minuten.

Die beiden Flughäfen lassen sich sogar in weniger als einer halben Stunde erreichen. "Wenn der ICE hier nicht wäre, wären wir nach Frankfurt oder Wiesbaden gegangen", sagt Fischer. "Der Bahnhof ist ein echtes Asset."

So ist der Unternehmensberater einer von zahlreichen Geschäftsleuten, die es jüngst in die Mittelgebirgsidylle verschlagen hat. Das Gewerbegebiet mit dem Namen "ICE-Park" rund um den Bahnhof boomt, an die 600 Arbeitsplätze sind laut Wirtschaftsförderungsgesellschaft in den vergangenen drei Jahren allein dort entstanden.

Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sprudeln

Gebaut wurde auf der grünen Wiese. Bislang stehen hier zwei Büroriegel, die ein wenig wie Fremdkörper wirken. Doch nebenan wächst bereits ein ellipsenförmiger Achtgeschosser empor, der Baukran dreht sich tagein tagaus.

Montabaur erntet die ersten Früchte der Hartnäckigkeit, mit der die Lokalpolitiker den ICE-Stopp einst erkämpften. "Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind zuletzt um ein Viertel gestiegen", sagt Bürgermeister Klaus Mies (CDU).

Mies erinnert sich noch gut, wie sein Vorgänger und Parteifreund Paul Possel-Dölken vor 16 Jahren den damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Rudolf Scharping (SPD) beackerte, sich für den Stopp im Westerwald stark zu machen. "Bei jeder Gelegenheit bat mein Vorgänger ihn, das Bahnhofsthema zur Chefsache zu machen", sagt Mies.

Possel-Dölkens Projekt stieß zunächst selbst in den eigenen Reihen auf Unverständnis. Doch die Landesregierung griff das Thema auf und drohte schließlich Bahn und Bund, den Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Köln und Frankfurt zu blockieren. Von "Erpressung" war die Rede.

Selbst die Bahn spricht von einer Erfolgsgeschichte

Doch zum Entsetzen mancher Verkehrs-Strategen bekam Montabaur tatsächlich seinen Bahnhof - obwohl dem nur wenige Kilometer entfernten Limburg (43.000 Einwohner) ebenfalls einer versprochen worden war. Beide Haltepunkte wurden Symbol für deutsche Kleinstaaterei, in der Provinzfürsten in die Verkehrsplanung hineinfunken, um die Interessen ihres Sprengels durchzuboxen.

Mittlerweile aber spricht sogar die Deutsche Bahn bei Montabaur von einem "würdigen ICE-Halt" und einer "Erfolgsgeschichte". Statt der ursprünglich prognostizierten 300 Passagiere steigen fast 3000 täglich ein und aus.

Ob die abrupten Stopps auf dem Lande betriebswirtschaftlich sinnvoll sind oder nicht - die vom Niedergang der Keramikindustrie gebeutelte Westerwälder Region blüht durch den Bahnhof merklich auf. Die Arbeitslosenquote liegt in Montabaur bei unter fünf Prozent, das ist einer der niedrigsten Werte in Rheinland-Pfalz. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten legt beharrlich zu.

Und selbst in den weiteren Umkreis des Bahnhofs lassen sich Firmen leichter locken, berichtet Wilfried Noll, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung des Westerwaldkreises. So ist die Friedhelm-Loh-Gruppe (Elektrotechnik) mittlerweile mit drei Werken in der Gegend und beschäftigt 300 Leute.

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