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Im Namen der Terrorabwehr: Kein Hotdog für Hussein

Von , New York

Schlechte Zeiten für Husseins und Mohammeds in den USA. Wer diese Vornamen trägt, gerät automatisch in den Blick der Terrorfahnder. Das hat bizarre Auswirkungen - etwa bei der Anmietung einer Wohnung, beim Kauf eines Fitnessgeräts - oder bei Heißhunger auf Hotdogs.

New York - Ein Haus zu besitzen, sagt Tom Kubbany, sei "der amerikanische Traum". Der Kalifornier schuftete hart dafür, rackerte gleich in zwei Jobs, sparte, zahlte seine Schulden ab. Schließlich wähnte er sich am Ziel: Ein neues Kreditprogramm stellte ihm und seiner Frau Nancy ihr erstes Eigenheim in Aussicht, im idyllischen Arcata nördlich von San Francisco.

Shopping in den USA: Verdächtige Namen vermiesen das Einkaufsvergnügen
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Shopping in den USA: Verdächtige Namen vermiesen das Einkaufsvergnügen

Doch dann erteilte die Hypothekenberaterin ihnen plötzlich eine Abfuhr: "Wir werden das nicht weiter verfolgen." Als die Kubbanys nachhakten, fanden sie sich in einer Realsatire wieder: Kubbanys zweiter Vorname Hassan, so die Analyse seiner Kreditwürdigkeit durch die Kreditagentur TransUnion, stehe auf einer Terroristenliste der US-Regierung - als Alias für Ali Saddam Hussein al-Tikriti, den angeblich dritten Sohn des irakischen Ex-Diktators.

"Es war surreal", erinnert sich Kubbany. "Alles lief in Zeitlupe ab. Ich dachte mir: Moment mal, das ist doch albern. Das ist ein Witz."

Es war kein Witz. Die fragliche Terrorliste ist die "List of Specially Designated Nationals and Blocked Persons" (SDN) des Office of Foreign Assets Control (OFAC), einer Abteilung des US-Finanzministeriums zur Kontrolle internationaler Geldtransaktionen. Dort, auf Seite 46, findet sich auch folgender Eintrag: "Al-Tikriti, Ali Saddam Hussein (alias Hassan), geboren 1980 oder 1983 im Irak, Nationalität Iraker, Sohn von Saddam Hussein al-Tikriti."

Über 6000 verdächtige Namen

Natürlich ist Tom Kubbany nicht Husseins verschwundener Sohn. Er ist weder 1980 noch 1983 geboren, sondern 1949 - in Detroit. Er war noch nie im Irak. Die Hypothekenberaterin kümmerte das alles nicht, sie blieb hart. Die Kubbanys besorgten sich schließlich anderswo ein Darlehen, aber das Erlebnis hat sie desillusioniert. "Was uns passiert ist, ist eine Schande", sagt Kubbany. "Dies ist nicht das Amerika, in dem ich aufgewachsen bin."

In der Tat: Dies ist das Amerika nach 9/11. Und die Kubbanys sind nicht die einzigen, denen so was widerfährt. Immer mehr Amerikaner, so hat die Juristengruppe Lawyers' Committee for Civil Rights (LCCR) in San Francisco ermittelt, geraten unverschuldet ins Netz der Terrorfahnder. Und zwar bei den alltäglichsten Aktionen: beim Häuser- oder Autokauf, bei Kreditanträgen, beim Abschluss einer Versicherung, selbst bei der Jobsuche.

Das LCCR hat allein in Kalifornien "mindestens ein Dutzend" von Fällen dokumentiert, bei denen allein die zufällige Übereinstimmung eines Vornamens gereicht habe, um als terrorverdächtig diskreditiert zu werden - von Banken, Autohändlern, Versicherungen, Vermietern, Arbeitgebern. "Eine wachsende Zahl von Amerikanern wird stigmatisiert", sagt die Rechtsanwältin Shirin Sinnar, die Autorin des LCCR-Berichts, und erinnert dabei an die Zeiten des McCarthyismus in den USA.

Die berüchtigte SDN-Liste - die Bürgerrechtsorganisation ACLU nennt sie "die schwarze Liste" - existierte schon lange vor dem 11. September 2001. Ihre erste Version stammt von 1994 und wurde unter Bill Clinton angelegt. Ihr Zweck war es, globalen Terror- und Drogennetzen den Geldhahn zuzudrehen. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington wurde die Liste jedoch verschärft und wesentlich ausgeweitet. Ihre aktuelle Version vom 7. März 2006 ist 262 Seiten lang und enthält über 6000 Namen mutmaßlicher Terroristen, Drogendealer und Organisationen.

"Soldaten im Krieg gegen den Terror"

Nur eine Handvoll davon sind Amerikaner. Osama bin Laden steht auf Seite 62. Der Clan des jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic findet sich dort ebenso wie die Familie des früheren liberianischen Diktators Charles Taylor, inklusive Gattin und Ex-Gattin.

Auch deutsche Staatsbürger sowie Firmen und Organisationen mit Sitz in Deutschland sind vertreten. Etwa die Hamas-nahe Gruppe Al-Aqsa Charitable Foundation, die oft mit al-Qaida in Verbindung gebracht wird und hier mit einer Postadresse in Aachen genannt ist.

Auf Druck des Finanzministeriums wird die Liste in den USA aber immer mehr auch von ganz gewöhnlichen Geschäften genutzt, um Kunden zu durchleuchten - und abzuweisen. "Wir erwarten, dass US-Firmen alles in ihrer Macht tun, das Gesetz einzuhalten", erklärte Ministeriumssprecherin Molly Millerwise dazu.

So empfiehlt die Chicagoland Apartment Association - ein Vermieterbund, der 110.000 Wohnungen in Chicago verwaltet - allen Hausbesitzern, Mieter über die SDN-Liste zu "screenen". Ansonsten drohte "pro Verstoß" eine Strafe von 1,1 Millionen Dollar.

"Vermieter und Hausverwalter, ob Sie es wissen oder nicht, Sie sind als Soldaten im Krieg gegen den Terror rekrutiert worden", schrieb die US-Anwaltskanzlei Friedman & Ranzenhofer kürzlich in ihrem "Legal Survival Newsletter". "Sie haben die Pflicht, den Terrorismus zu bekämpfen. Eine Missachtung dieser Pflicht könnte Haft- und Geldstrafen zur Folge haben."

Kein Heimtraining für Hussein

Auch die Kreditagentur TransUnion, die in mehreren Fällen genannt wird, hat bestätigt, dass ihre Berichte OFAC-Hinweise enthalten könnten. Für deren Interpretation seien jedoch die Klienten selbst verantwortlich, ergänzte TransUnion-Sprecherin Colleen Tunney-Ryan.

Aetna, eine der größten US-Krankenversicherungen, gleicht die Unterlagen aller ihrer über 15 Millionen Versicherten schon länger regelmäßig mit der SDN-Liste ab. Die Versicherung Blue Cross Blue Shield in Michigan tut dasselbe seit Jahren mit Patienten wie Angestellten, wenn auch bisher ohne konkretes Ergebnis. Der Konzern sei "rechtlich dazu verpflichtet", erklärte eine Sprecherin.

So weit, so gut. Doch das Vorherrschen allgemein gebräuchlicher Namen auf der SDN-Liste - Mohammed, Ali, Abdul, Carlos, Sanchez, Lopez - führt nun nach LCCR-Ermittlungen oft dazu, dass Unbescholtene ins Fadenkreuz geraten, nur weil sie einen ähnlichen Namen tragen.

Zum Beispiel ein kalifornisches Ehepaar, das sich auf Pump ein Laufband zum Heimtraining habe kaufen wollen. Die Bank Wells Fargo habe die Kreditgenehmigung um drei Tage verzögert, weil der Vorname des Mannes Hussein war.

Bei Missachtung 30 Jahre Haft

Saad Ali Muhammad, ein Schwarzer aus Chicago, fand sich durch seinen Nachnamen mit der SDN-Liste verwickelt. Er merkte das nach Angaben seines Anwalts Kamran Memon aber erst, als er einen Chevrolet kaufen wollte und TransUnion ihn mit dem Vermerk "OFAC" abstempelte. In einem ähnlichen Fall in Illinois, berichtet die Bürgergruppe Muslim Rights, sei einem Mann namens Hussein unter Hinweis auf die SDN-Liste der Kauf eines Autos verweigert worden - "selbst wenn er Cash gezahlt hätte".

Der Schwarze Mohammed Ali aus Sacramento tappte den LCCR-Akten zufolge in die Falle, als er beim Bargeldversand Western Union 50 Dollar abholen wollte. Western Union habe ihm das Geld unter Hinweis auf die SDN-Liste verweigert. First Data, der Mutterkonzern von Western Union, hat nach eigener Auskunft 150 Mitarbeiter zur SDN-Prüfung im Einsatz.

"Das Gesetz ist lächerlich", sagte der Anwalt Tom Hudson der "Washington Post". Zum Verbot groß angelegter Terror-Geldwäsche gedacht, verbietet es inzwischen jegliche Geschäfte mit Personen, dessen Namen auch nur irgendwie auf der SDN-Liste auftauchten. Selbst der Verkauf von Hotdogs und Brötchen sei illegal.

Denn das Finanzministerium droht mit argen Konsequenzen, sollte einem doch einmal ein echter Schurke durch die Lappen gehen. Wer mit einer SDN-Person Handel treibt, riskiert 30 Jahre Haft sowie Strafen von bis zu zehn Millionen Dollar. Western Union zahlte nach Angaben des "Wall Street Journal" allein in den ersten drei Jahren nach 9/11 elf Millionen Dollar Strafe für mangelhafte OFAC-Aufsicht.

Besuch von der "Daily Show"

"Denken Sie daran", warnt das Ministerium in einem OFAC-Merkblatt, "dass es gravierende Folgen haben kann, wenn Ihre Bank ein Zielkonto (etwa das eines Terroristen) nicht identifiziert oder blockiert." Will heißen: Strafaktionen gegen die jeweilige Bank und negative Schlagzeilen.

Das Ministerium selbst aktualisiert die SDN-Liste in unregelmäßigen Abständen "nach Bedarf und Notwendigkeit" - meist, indem es neue Namen dazufügt. Seit Jahresbeginn 2007 wurden 54 Namen ergänzt, einer geändert - und nur sechs entfernt. Ministeriumssprecherin Millerwise räumte zwar "Probleme" mit der Liste ein, verwies aber auf die Website ihres Hauses, die ausreichend Hilfestellung leiste.

Doch während die OFAC-Website seitenlange Tipps für Wirtschaft und Banken parat hält ("kontaktieren Sie zur Verifizierung die OFAC-Hotline unter 1-800-540-6322"), bleibt die Hilfe für bedrängte Bürger auffallend dürftig. Im Bereich "häufig gestellte Fragen" befasst sich nur eine einzige Frage - die allerletzte - mit dem Problem falscher Identifizierungen: "Wie kann ich die OFAC-Warnung aus meinem Kreditreport entfernen?" Die Antwort ist ebenso dürftig: Der Kunde möge sich mit eventuellen Korrekturwünschen direkt an die Kreditagenturen wenden - ein Vorgang, der erfahrungsgemäß Monate dauert.

Die Leidensgeschichte von Tim Kubbany, des Hypothekenbewerbers aus Nordkalifornien, hatte indes doch noch eine positive Note. Die populäre TV-Satiresendung "Daily Show" stattete ihm einen Besuch ab. Das Team überfiel ihn in seinem neuen Haus, tat so, als suchte es nach "Massenvernichtungswaffen", und schmiss dazu sogar Mobiliar aus dem Fenster. Kubbany war ganz hin und weg: "Das ist das Beste, das mir außer meiner Hochzeit und dem Kinderkriegen je passiert ist."

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