Immobilienboom Finanzkrise vertreibt Spekulanten aus Dubai

Jahrelang blickte die Welt neidisch auf Dubai, doch auch den Golfstaat hat die Krise hart getroffen. Also Schluss mit Luxuswohnungen und Kunstinseln? Keineswegs, sagt Immobilienunternehmerin Inga Bruns - aber die Geschäfte werden seriöser.

Von Esther Wiemann


Hamburg - Wenn Inga Bruns von Dubai spricht, gerät sie schnell ins Schwärmen: "340 Tage Sonne, feine Sandstrände, kaum Bürokratie" - für einen Werbespot könnte das Emirat die 32-Jährige direkt vom Fleck weg engagieren. Vor fünf Jahren ging die Unternehmerin nach Dubai. Enorme Renditen in der Immobilienbranche lockten Investoren aus aller Welt. Auch Inga Bruns.

Unternehmerin Inga Bruns: Crash war unvermeidbar
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Unternehmerin Inga Bruns: Crash war unvermeidbar

Wenn die blonde Frau mit dunklem Hosenanzug, weißer Bluse und Perlenohrringen erzählt, fühlt man sich in das Emirat am Persischen Golf versetzt. "Jede Woche ist die Straßenführung eine andere", erzählt sie. "Es herrscht eine unheimliche Aufbruchsstimmung". Inga Bruns ist die Geschäftsführerin eines Fonds-Anbieters, der in Dubai aktiv ist. In vier Fonds wird ein Projektvolumen von rund 150 Millionen Euro verwaltet. Zurzeit hält sie sich in Hamburg auf, will sich mit Investoren treffen. Dabei kann sie es kaum erwarten, wieder zurück nach Dubai zu kommen.

Eigentlich erstaunlich, denn so mancher Immobilienunternehmer suchte dort das Weite. Im Herbst 2008 kam die weltweite Krise im Golfstaat an. Viele Länder schauen seitdem mit Schadenfreude auf das arabische Emirat. Jahrelang war Dubais Wachstum nicht zu bremsen. Eine Traumkarriere: Vom ärmlichen Beduinenstaat über Nacht zum Land der Superlative - mit ehrgeizigen Bauprojekten wie künstlichen Palmeninseln und höchstem Turm der Welt. Finanziert mit Petro-Dollars. Nun bleiben Investoren aus. Das Ende des Booms?

Alles übertrieben, sagt Inga Bruns, jetzt ganz Geschäftsfrau: "Im Gegenteil. Der Crash war unvermeidbar, ist sogar heilsam." Jetzt könne Dubai nachhaltig wachsen. Also Krise gegen Größenwahn?

Es ist gar nicht lange her, da gab es noch riesige Profite im Immobiliengeschäft. Wohnanlagen, Türme und Etagen wurden auf dem Papier hin und her geschoben - bevor nur ein Stein gemauert war. "Investoren zahlten zehn Prozent an und verkauften dann so schnell und teuer wie möglich", sagt Bruns. Die Preise explodierten: Bei Spekulationsobjekten sei pro Quadratmeter rund fünfmal mehr gezahlt worden, als bei Bestandsimmobilien.

"Wir geben uns mit einer niedrigen Rendite zufrieden"

Schon während der Bauzeit hätten Gebäude mehrfach den Eigentümer gewechselt. Im Herbst vergangenen Jahres seien die Preise für diese Immobilien um bis zu 50 Prozent gefallen, 60 Prozent der geplanten Bauvorhaben seien gestrichen oder verschoben worden, schätzt Bruns. Pech für die, die kurz vor dem Zusammenbruch des Marktes auf ihren Kaufoptionen sitzen blieben.

Glück für Bruns, die seit zwei Jahren mit geschlossenen Fonds in Bestandsimmobilien investiert hat, also in Gebäude, die fertig gebaut sind. Geschlossene Fonds sind längerfristige Beteiligungen an Unternehmen - den Anlegern gehört dabei ein Teil der Immobilie. Ein Geschäft mit hohem Risiko. "Wir haben frühzeitig auf ein konservatives Modell gesetzt und uns mit einer niedrigeren Rendite zufrieden gegeben", sagt Bruns. Eigene Immobilienprojekte blieben die Ausnahme.

Konkurrenten loben das Geschäftsmodell. "Nur in Bestandsimmobilien zu investieren - diese Rechnung kann aufgehen", sagt ein Immobilienunternehmer, der seit Jahren in Dubai aktiv ist. Entscheidend sei allerdings, wann man eingestiegen sei. "In der Hochphase waren die Preise doppelt so hoch wie heute." Wer hingegen einen günstigen Zeitpunkt gewählt habe, könne mit Bestandsimmobilien gut zehn Prozent Rendite erwirtschaften - pro Jahr.

Banklehre, BWL-Studium, Beratungsfirma

Zwar hat die Krise auch Bruns' Unternehmen getroffen - aber längst nicht so stark wie andere Anbieter. "Unsere Immobilien sind vermietet - die meisten noch für eine Laufzeit von zwei Jahren", sagt die junge Frau. Das Unternehmen wachse sogar.

Bruns hat mit 32 Jahren viel erreicht. Geboren und aufgewachsen in Göttingen, dann Lehre zur Bankkaufrau. Nach dem BWL-Studium arbeitete sie bei der Beratungsfirma Deloitte im Fondsbereich. Irgendwie reichte das nicht, sie wollte was Eigenes probieren, stieg bei World of Fonds ein und ging nach Dubai. Sie selbst wohnt dort in einem Hotelappartment.

"Ich habe als Jugendliche mit meinen Eltern drei Jahre in Äthiopien gelebt", sagt Bruns. Vielleicht sei sie deswegen auf die Idee gekommen, etwas im Ausland zu machen. Dabei waren ihre Eltern am Anfang skeptisch. Eigentlich, sagt Bruns, dachten sie, ich mache die typische Wirtschaftsprüferkarriere. Dass ein Geschäftspartner mit ihr als junger Frau in einem arabischen Land partout nicht verhandeln will, hat sie bisher nicht erlebt. Im Gegenteil: "Ich werde immer sehr charmant behandelt", sagt die 32-Jährige - und erzählt von Ausritten mit Araberpferden in die Wüste.

Für sie steht fest: Dubai hat seine Zukunft noch vor sich. "Einige Investoren werden sicherlich gehen, aber es werden auch wieder viele neue ins Land kommen." Dubai sei Drehscheibe für den internationalen Handel: Wesentliches Standbein werde künftig die Touristik- und Logistikbranche sein, mit neuem Flughafen und größeren Tiefseehäfen, sagt Bruns.

"Klar wirkt manches etwas protzig", räumt sie ein: "Die Araber wollen eben, dass die Welt auf sie schaut." Die Regierung müsse außerdem dafür sorgen, dass der Immobilienmarkt transparenter wird. Aber "The Palm" - mehrer künstliche Inseln - sei doch ein tolles Projekt. Andere Immobilienprofis sehen das ähnlich. Die alles entscheidende Frage sei aber, wie sich die Preise in Dubai künftig entwickeln. "Und das weiß aktuell niemand", sagt ein Insider.

Inga Bruns selbst hat sich noch einiges vorgenommen - zum Beispiel eine Doktorarbeit über Dubais Immobilienmarkt. Demnächst soll sie sogar für die Wahl der 100 arabischen Top-Unternehmer nominiert werden.



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