Indischer Airline-Milliardär Goyal "Der Standard in Europa verfällt, bei uns wächst und wächst er"

Noch kennen ihn wenige außerhalb Indiens, doch das will er ändern: Naresh Goyal, Dollar-Milliardär aus dem Punjab, wagt mit seiner Airline die Expansion nach Europa. Das effiziente Management der Lufthansa gilt ihm als Vorbild – beim Service will er sie übertrumpfen.

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Brüssel - Auf einmal kann man ihn nicht mehr sehen. Er ist verschwunden hinter all den Fotografen, den Fernsehfilmern und ihren Kameras, die sich auf ihn richten. Es sind einfach zu viele, die ihn umringen, sicher zwei Dutzend. Und Naresh Goyal ist eine kleine Person, ein Mann um die 1,65.

Flug-Unternehmer Goyal in Brüssel: Hofiert wie ein Fürst
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Flug-Unternehmer Goyal in Brüssel: Hofiert wie ein Fürst

Vom Pulk eingeschlossen, drückt er den roten Show-Effekt-Knopf in der Mitte des Raumes - und alle schauen erstmal anderswo hin, an Goyal vorbei. An den Fenstern des Gate B40 am Brüsseler Flughafen rauschen die schwarzen Vorhänge hinab, geben den Blick aufs Rollfeld frei. Eine fabrikneue Boeing 777 fährt da, dahinter ein A330, ebenso neu. Aus ihren Cockpitfenstern weht die indische Flagge. Musik, Pathos, ein Moderator beschwört den Moment.

Viele Zuschauer blicken ernsthaft ergriffen, drängen an die Fenster, fotografieren. Naresh Goyal kann sich erlauben, jetzt für ein paar Minuten im Hintergrund zu stehen. Es ist ohnehin sein Tag, die 400 Gäste sind seinetwegen hier. Es ist der Tag, an dem seine Firma Jet Airways nach Europa drängt.

Ausgerechnet in einer Minusbranche Milliardär

Der 57-Jährige musste lange hinarbeiten auf Augenblicke wie diesen. Inzwischen aber wird seine Lebensgeschichte in der indischen Presse weitergereicht wie Folklore - meist mit einem Tonfall des "Das könnt auch ihr schaffen, mit Fleiß und Ideen". Goyal wurde als Sohn eines Schmuckhändlers im Punjab geboren, doch sein Vater starb früh. Als Teenager kam er zum Onkel, arbeitete in dessen Reisebüro in Neu-Delhi. Drei Jahre lang nächtigte er auf dem Fußboden der Firma.

Mit 25 gründete er seine eigene Reisebüro-Kette, Jetair, das Geld dafür lieh ihm die Mutter. Kaum hatte Indien den Flugmarkt liberalisiert, stieg er ein ins Airline-Geschäft. Am Anfang, erzählt die Legende, legte Goyal auch mal mit Hand an, wenn es darum ging, die Flugzeugtoiletten zu putzen.

Dann, mit Mitte 50, gelang ihm das fast Unmögliche: Er wurde Milliardär, ausgerechnet in der Minusbranche Luftfahrt. Denn Anfang 2005 ging Jet Airways an die Börse von Bombay. Die Firma stand für die scheinbar grenzenlosen Chancen des Mobilitätsmarktes Indien - und viele Aktionäre griffen zu. Der Börsengang war zwölffach überzeichnet, ein Sensationserfolg. Goyal gehören noch immer 80 Prozent seiner Firma.

Jet Airways ist heute die größte private Flugfirma Indiens, erweitert seine Flotte gerade um 20 Langstreckenjets. Und ab dem 5. August will Jet eben auch von Brüssel in die Welt fliegen - zu Zielen wie Bombay und Neu-Delhi, New York und Toronto. "Wir erwarten, dass auch Deutsche aus Düsseldorf oder Köln nach Brüssel kommen, um mit uns zu reisen", sagt Goyal SPIEGEL ONLINE. Strecken nach Chicago und Los Angeles sind geplant.

Der Premier wirbt höchstselbst

Als Goyal vergangene Woche sein neues "Europa-Drehkreuz" eröffnete, strömte Politprominenz herbei: Der indische Luftfahrtminister Praful Patel pries den Aufschwung seines Landes. Der belgische Regierungschef Guy Verhofstadt höchstselbst hielt eine Rede so voller Werbung, dass Jet Airways ihn eigentlich bezahlen müsste dafür. In der VIP-Lounge am Gate wurde Goyal hofiert wie ein Fürst.

Zum einen zeigt das, wie unwichtig Brüssel als Luftfahrtstadt bisher war. Nach der Pleite der heimischen Sabena steht der Flughafen gigantisch angeschwollen da, ein Monument verrückter Pläne und gescheiterter Hoffnung. Am Terminal B sind die meisten Flugsteige verwaist. Brüssel brauchte Jet Airways.

Der Rummel am Gate B40 zeigt zum anderen: Indien wird in Belgien als kommende Großmacht der Wirtschaft gesehen - und Goyal, einer ihrer Botschafter, hat noch einiges vor. Gerade erst hat er für 500 Millionen Dollar den heimischen Wettbewerber Sahara geschluckt, er will ihn in einen Billigflieger mit Namen Jetlite verwandeln. Seiner Premiummarke Jet Airways hat Goyal vor kurzem eine neue Optik verpasst, die auffällig der Lufthansa ähnelt.

Sein Ziel: "Eine der Top-Fünf-Airlines weltweit"

Der Jet-Aktienkurs liegt heute niedriger als beim Börsengang 2005. Die Schulden sind gewachsen, aggressive Konkurrenten wie Kingfisher Airlines nehmen Jet in der Heimat Marktanteile ab. Um den Sahara-Kauf, die neuen Flugzeuge, die neuen Routen zu finanzieren, braucht Jet eine Kapitalerhöhung. Geplant ist ein Volumen von 400 Millionen Dollar noch dieses Jahr.

Doch Goyal denkt weiter, und er denkt global. "Zu einer der fünf besten Fluggesellschafen" will er Jet machen - und auf Augenhöhe mit Emirates oder Cathay Pacific führen, zumindest bei der Servicequalität. Fürs Management hat er sich Knowhow aus Europa eingekauft. Jet Airways wird von Wolfgang Prock-Schauer gesteuert, einem Österreicher, und von Werner Borchert, einem Deutschen. Sie arbeiten in Bombay. Goyal ist mit Frau und Kindern längst nach London gezogen, residiert dort in einem Stadthaus mit Stuckfassade und Blick auf den Regent's Park.

Als Goyal vor seinen Gästen in Brüssel ans Mikrofon trat, begann er entschuldigend: "Ich bin kein guter Redner, ich bin nur ein Dorfjunge." Der erste Teil birgt einen Kern von Wahrheit. Der zweite Teil stimmt schon lange nicht mehr.



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