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Industriekrise: EU überrascht von Ausmaß und Tempo der Rezession

Die Wirtschaftskrise erfasst alle Industriebranchen - und das in enormem Tempo: Die EU-Kommission ist einem Zeitungsbericht zufolge überrascht über die Dimension des Abschwungs. Der europäische Geschäftsklimaindex ist so niedrig wie noch nie in seiner 25-jährigen Geschichte.

Berlin/Brüssel - Die Aussichten für die europäische Wirtschaft verschlechtern sich rapide: Die EU-Kommission hat einem Zeitungsbericht zufolge wegen der Konjunkturkrise schwere Einbrüche in allen Industriesektoren festgestellt. Ausmaß und Geschwindigkeit der Krise seien völlig neu, zitiert die "Financial Times Deutschland" ("FTD") EU-Industriekommissar Günter Verheugen.

Industrieanlage: Produktions- und Absatzeinbrüche in vielen Sektoren
DDP

Industrieanlage: Produktions- und Absatzeinbrüche in vielen Sektoren

Eine der "FTD" vorliegende interne Analyse beschreibt anhand von Beispielen aus dem verarbeitenden und dem Baugewerbe massive Produktions- und Absatzeinbrüche. Der seit 1985 von der EU-Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen erstellte Geschäftsklimaindex ist demnach auf das niedrigste Niveau seit seiner Einführung gefallen.

Vor allem die Autoindustrie wird von der anhaltenden Kreditklemme hart getroffen. "Der allgemeine Zugang zu Krediten spielt für die Autoindustrie eine wichtige Rolle, da 60 bis 80 Prozent der Privatwagen in Europa mit Krediten gekauft werden", heißt es in der EU-Analyse.

In der Stahlindustrie sehen die Experten der EU-Kommission Auftragseinbrüche von 43 bis 57 Prozent. Hinzu kämen eine aggressive Verkaufspolitik chinesischer Hersteller und Abschottungstendenzen vieler außereuropäischer Länder.

Für Lebensmittelherstellung und -sicherheit könne die Wirtschaftskrise verheerende Folgen haben, warnt die EU außerdem. Die Kombination aus fallenden Preisen für Agrarprodukte und erschwertem Zugang zu Krediten dürfte die Landwirtschaft der ärmsten Staaten beeinträchtigen und Preisschwankungen verschärfen.

Streit um Protektionismus

Angesichts der massiven wirtschaftlichen Probleme sucht die EU nach Lösungsansätzen. Die Staats- und Regierungschefs kommen am 1. März zu einem außerordentlichen Gipfel zur Wirtschafts- und Finanzkrise in Brüssel zusammen. Das erklärte der EU-Ratspräsident und tschechische Ministerpräsident Mirek Topolanek am Mittwoch. Bei dem Treffen soll das Vorgehen der 27 Mitgliedsländer zur Stützung des Bankensektors und der Konjunktur abgestimmt werden.

Topolanek hob die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens hervor. Der europäische Binnenmarkt sei das "Vehikel, um uns aus der Krise zu führen", sagte er. Solidarität und Zusammenhalt in der EU seien nötiger denn je, ergänzte Kommissionspräsident José Manuel Barroso, mit dem sich Topolanek zuvor beraten hatte. Der kurzfristig anberaumte Sondergipfel soll Beschlüsse für den regulären EU-Gipfel am 19. und 20. März in Brüssel vorbereiten.

Der Sondergipfel dürfte sich auch mit der Haltung der EU-Staaten zu protektionistischen Maßnahmen beschäftigen. "Manche Mitgliedstaaten verlangen nach mehr Protektionismus und andere nach einem Einhalten der Regeln" des europäischen Binnenmarktes, sagte Topolanek. "Wir sollten ein Gleichgewicht finden."

Am Montag hatte Frankreich milliardenschwere Staatshilfen für seine Automobilindustrie angekündigt und dies an den Erhalt von Produktionsstätten im Inland geknüpft. Tschechien, wo unter anderem die Gruppe PSA Peugeot Citroën ein Werk unterhält, zählt zu den Kritikern der als protektionistisch gebrandmarkten Politik.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will die französischen Milliardenhilfen für die Autoindustrie auf dem EU-Sondergipfel zur Sprache bringen. Im europäischen Binnenmarkt müssten gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen, sagte Merkel am Mittwoch nach dem Antrittsbesuch des neuen belgischen Ministerpräsidenten Herman van Rompuy in Berlin.

Die Stimmung in der europäischen Wirtschaft bleibt unterdessen weiter schlecht. Wie das Münchner Ifo Institut am Mittwoch mitteilte, sackte der Stimmungsindikator für den Euro-Raum im ersten Quartal 2009 zum sechsten Mal in Folge von 50,8 Punkten im Vorquartal auf 45,8 Punkte ab. Dabei handelte es sich um einen historischen Tiefststand.

suc/Reuters/ddp/AFP/dpa

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Forum - Protektionismus vs. Globalisierung?
insgesamt 563 Beiträge
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1.
Frank Wagner, 05.02.2009
Und wieder ein extremes Beispiel für die Doppelzüngigkeit des Westens. Da wurde über Jahrzehnte der Freihandel als allein selig machendes Modell mit großem Druck in die letzte Ecke der Welt getrieben, Millionen von Menschen und ganze Länder dafü ins Elende getrieben und nun wo das Pendel zurück schlägt soll all das nicht mehr gelten ? Das wir der Glaubwürdigkeit des Westens und besonders der USA einen weiteren schweren Schlag versetzten. Die Frage ist, ob wir es uns heute noch leisten können es uns mit Staaten wie China, Indien und Co auf diese Weise zu verscherzen.
2. Die Depression, der Wunsch der Linken
Der Pragmatist 05.02.2009
Zitat von sysopAngesichts der schweren Wirtschaftskrise denken Staaten weltweit über die Abschottung ihrer Märkte nach. Heimische Unternehmen und Arbeitsplätze sollen so geschützt werden. Kann der Wirtschafstpatriotismus die Konjunkturprobleme lösen?
Der erste Schritt zur weltweiten Depression! Die Globalisierung der letzten Jahre hat viele Millionen Menschen aus bitterer Armut in ein fast ertraegliches Leben befoerdert. Natuerlich goennen die ewig Linken, die immer gegen die Globalisierung hetzten, es diesen armen Menschen in Asien und Latainamerika nicht, das sie ploetzlich zum ersten Male in ihrem Leben etwas Geld in der Tasche haben.
3.
Volker Gretz, 05.02.2009
Zitat von Frank WagnerUnd wieder ein extremes Beispiel für die Doppelzüngigkeit des Westens. Da wurde über Jahrzehnte der Freihandel als allein selig machendes Modell mit großem Druck in die letzte Ecke der Welt getrieben, Millionen von Menschen und ganze Länder dafü ins Elende getrieben und nun wo das Pendel zurück schlägt soll all das nicht mehr gelten ? Das wir der Glaubwürdigkeit des Westens und besonders der USA einen weiteren schweren Schlag versetzten. Die Frage ist, ob wir es uns heute noch leisten können es uns mit Staaten wie China, Indien und Co auf diese Weise zu verscherzen.
Aber China macht doch genau das. Sie können dort nur etwas verlaufen, wenn sie einen bestimmten Prozentsatz dort auch herstellen.
4.
Pinarello, 05.02.2009
Zitat von Der PragmatistDer erste Schritt zur weltweiten Depression! Die Globalisierung der letzten Jahre hat viele Millionen Menschen aus bitterer Armut in ein fast ertraegliches Leben befoerdert. Natuerlich goennen die ewig Linken, die immer gegen die Globalisierung hetzten, es diesen armen Menschen in Asien und Latainamerika nicht, das sie ploetzlich zum ersten Male in ihrem Leben etwas Geld in der Tasche haben.
Ach so, der neue "Messias" Barak Obama ist demnach ein ewig Linker und Globalisierungsgegner. Sieh an sieh an, wer hätte das vom Messias gedacht? Übrigens, die armen Menschen in Asien und Lateinamerika sind immer noch arm, es wurden nur die paar Reichen noch unermeßlich reicher, siehe China die systematische Ausbeutung der rund 200 Mio Wanderarbeiter, die Vorfälle mit den Sklavenarbeitern in den Ziegeleien ist ja noch bekannt, wurde wohl nur beendet weil die Olympischen Spiele in Peking vor der Tür standen. Da geht es den normalen Menschen in Deutschland ja nicht anders, auch hier wurden die Menschen immer ärmer, siehe Agenda 2010 und Lohndumping der lezten 10-15 Jahren, Ergebnis: die stärkste Volkswirtschaft Europas ist seit 10 Jahren nichtin der Lage, eine stabile Binnenkonjunktur aufzubauen, was die 40 Jahre vorher der Fall war. Allerdings die Reichen wurden noch reicher, die hatten genug Geld um es im internationalem Finanzkarusell zu verballern, die Rechnung zahlt jetzt wieder, richtig der arme Bürger mit seinen Steuern und rapider Geldentwertung.
5.
katastrophen_michel 05.02.2009
Zitat von Der PragmatistDer erste Schritt zur weltweiten Depression! Die Globalisierung der letzten Jahre hat viele Millionen Menschen aus bitterer Armut in ein fast ertraegliches Leben befoerdert. Natuerlich goennen die ewig Linken, die immer gegen die Globalisierung hetzten, es diesen armen Menschen in Asien und Latainamerika nicht, das sie ploetzlich zum ersten Male in ihrem Leben etwas Geld in der Tasche haben.
Genau, darum geht die Schere zwischen reich und arm auch immer weiter auseinander, besonders in den von Ihnen zitierten Regionen. Wenn Sie natürlich einen Farbfernseher als eine besondere Errungenschaft ansehen, meinen Glückwunsch. Globalisierung ja, aber bitte für alle. http://www.youtube.com/watch?v=6E6M3Wsyhro Nehmen Sie mir es bitte nicht übel, aber der Name Realitätsverlust würde meiner Meinung nach besser zu Ihnen passen.
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