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Industriespionage: Alles, nur keine Polizei!

Sie sind Unternehmensberater der besonderen Art: Ex-Geheimdienstler jagen für Unternehmen Wirtschaftsspione und Erpresser - ohne dass Polizei und Justiz davon erfahren. Zum Einsatz kommen dabei häufig Methoden am Rande der Legalität.

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Corbis

Wenn Robert Richter, der in Wahrheit anders heißt, nach seinem Beruf gefragt wird, sagt er: "Unternehmensberater". Ungewöhnlich für einen Unternehmensberater wirkt allerdings Richters Standardausrüstung: schwarzer Armeerucksack, Sturmmaske, Schlagstock und Pfefferspray sowie ein Koffer mit Nachtsichtgeräten, Minikameras und anderem Spionagewerkzeug. Robert Richter betreibt die Sicherheitsfirma ManagerSOS. Er offeriert "diskrete Lösungen für Unternehmer", die von Erpressung, Wirtschaftskriminalität, Spionage, Datendiebstahl, Image- und Rufschädigung betroffen sind.

Jedes fünfte Deutsche Unternehmen ist Studien zufolge schon einmal Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden. Wie hoch der Schaden ist, der so jährlich durch Spionage, Produktpiraterie und Erpressungen entsteht, lässt sich allerdings nicht genau beziffern - denn in den meisten Fällen erfahren weder offizielle Behörden noch die Öffentlichkeit davon.

Unternehmer, die sich bei Robert Richter melden, rufen ganz bewusst nicht die Polizei an - aus Angst, vielleicht selbst zum Ziel von Ermittlungen zu werden oder durch eine Indiskretion einen öffentlichen Skandal zu provozieren.

Richter und sein Team klauten die 31 Ferraris einfach zurück

Ein klassischer Fall: Ein Manager ist in Asien auf Dienstreise und geht mit seinen Geschäftspartnern dort ins Bordell. Kaum ist er wieder zu Hause, wird er mit peinlichen Fotos erpresst und soll Schweigegeld zahlen. Zur Polizei will er nicht, schließlich soll die Ehefrau nichts mitbekommen, und auch die Firma will die Sache gern so diskret wie möglich aus der Welt schaffen. So kommen Richter und seine Mitarbeiter ins Spiel, eine weltweit agierende Truppe aus ehemaligen Elite-Soldaten, Ex-Geheimdienstlern und Ex-Polizisten, die die Erpressung vor Ort "abstellen".

Wie genau? Das möchte Robert Richter lieber nicht erzählen. Er hat auch schon einem Autozwischenhändler geholfen, dem 31 Ferraris gestohlen worden waren. Richter und sein Team spürten die Wagen in Moskau auf - und klauten sie einfach zurück.

Die Firmen kaufen bei Robert Richter also nicht nur Diskretion und Geheimdienst-Knowhow ein, sondern auch den Vorteil, dass er in einer rechtlichen Grauzone agiert und ausreichend Leute kennt, die bereit sind, die Grenzen dieser Zone auch zu überschreiten.

Der Sicherheitsspezialist Klaus Leiner wiederum hält nicht viel von der Grauzonentaktik mancher Kollegen. Auch er kümmert sich nach seiner Offizierskarriere beim Militärischen Abschirmdienst nun privatwirtschaftlich um Erpressungen, Entführungen und Wirtschaftsspionage - allerdings in erster Linie analytisch und nicht mit Sturmhaube und Nachtsichtgerät.

Leiner setzt bei seiner Arbeit klare Prioritäten: "Die Polizei muss den Täter fassen unter Berücksichtigung der Belange des Unternehmens. Meine Sache ist es, die Belange des Unternehmens zu berücksichtigen unter dem Aspekt, den Täter auch mit zu fassen - und das ist ein gewaltiger Unterschied."

Vor einiger Zeit hatte Leiner einen Fall von Produktpiraterie zu lösen. Ein Kunde hatte auf einer Fachmesse ein von ihm entwickeltes Maschinenbauteil bei einem Mitbewerber entdeckt und vermutete, dass einer seiner Mitarbeiter den Prototyp heimlich an die Konkurrenz verkauft hatte. Leiner und sein Team konnten den Spion mit Hilfe von gezielter Videoüberwachung schnell überführen. Doch anstatt den Mann anzuzeigen, luden sie die Geschäftsführung des Konkurrenzunternehmens ein und führten das gesammelte Videomaterial vor. "Da war natürlich Stille im Saal", erzählt Leiner. "Wir haben den Herren klargemacht, dass es hier unter Umständen um eine Strafsache gehen könnte: Ausspähung und Geheimnisverrat. Und was es bedeuten würde, wenn das in der Branche bekannt würde." Anschließend unterschrieb die Firma einen Vertrag, in dem sie sich verpflichtete, alle Patente zurückzugeben, alle mit der Ermittlung verbundenen Kosten und Honorare zu übernehmen, dem Unternehmen eine Entschädigung zu zahlen sowie den überführten Spion nach seiner Entlassung nicht einzustellen. Damit war der Fall für beide Seiten erledigt.

Unternehmen sind nicht verpflichtet, derartige Vorfälle anzuzeigen, und so wird auch schon mal ein Wirtschaftsspion mit goldenem Handschlag und besten Zeugnissen entlassen, solange dadurch die ganze Angelegenheit geheim bleibt und das Firmenimage keinen Schaden nimmt. Ob der nächste Arbeitgeber solch eines korrupten oder illoyalen Mitarbeiters dadurch geschädigt wird, ist dem Unternehmen erst einmal egal. Hauptsache, man hat das Problem ohne Polizei und damit ohne Öffentlichkeit erledigt. So entsteht eine Paralleljustiz, die für überführte Täter aber auch erhebliche Nachteile haben kann: Rechtstaatliche Standards, wie das Aussageverweigerungsrecht oder die Möglichkeit, einen Anwalt hinzuzuziehen, werden ohne polizeiliche Ermittlungen oftmals schlicht übergangen.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum viele Unternehmen private Sicherheitsspezialisten dem Gang zur Polizei vorziehen: Der Sicherheitsexperte kann unbürokratisch und flexibel über Landesgrenzen hinweg agieren und sich auf ein gutes Netzwerk stützen, "auf einflussreiche Leute mit langen Armen", wie Leiner sagt. Gerade in osteuropäischen Ländern sei das Ermitteln schwierig und der Weg über Auswärtiges Amt oder BKA-Verbindungsoffiziere oftmals viel zu langwierig. "Man braucht ein bisschen Handgeld in diesen Ländern, dann gehen viele Dinge einfach schneller", so Leiner.

Die Effizienz und Diskretion, die Sicherheitsexperten wie Leiner und Richter bieten, lassen sich die Unternehmen einiges kosten. Richters Tagessätze starten bei 1500 Euro.

Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Die Vollstrecker. Wer für Unternehmen die Probleme löst", das am 13. Februar erscheint.

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