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Inflations-Teufelskreis: Europa droht Ölpreisschub durch Zinserhöhung

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Die Rekordteuerung beim Öl treibt die Inflation rasant nach oben - jetzt erhöht die Europäische Zentralbank in einer Notaktion den Leitzins auf 4,25 Prozent. Das könnte kontraproduktiv sein: Denn je mehr Geld aus dem Dollar-Raum abfließt, desto höher steigt der Ölpreis.

Hamburg - Früher war alles noch einfach und klar: Bei schwacher Konjunktur pumpten die Notenbanken frisches Geld in den Markt, bei hoher Inflation schraubten sie die Zinsen nach oben. Gemäß diesem Mechanismus arbeitete die amerikanische Federal Reserve nach dem 11. September 2001, ebenso wie die Europäische Zentralbank während der Kreditkrise.

Rohstoffbörse in New York: Den Scheichs ist der Zins egal
REUTERS

Rohstoffbörse in New York: Den Scheichs ist der Zins egal

Heute ist alles anders. Weltweit lässt das Wirtschaftswachstum nach, und trotzdem springen die Verbraucherpreise in die Höhe. In den USA ist bereits die Rede von Stagflation - also Stagnation bei gleichzeitiger Inflation (siehe Kasten). In Europa ist das Problem nicht ganz so dramatisch, trotzdem steckte die EZB in einer Zwickmühle: Sollte sie die Zinsen anheben oder senken?

An diesem Donnerstag haben sich die Banker um EZB-Chef Jean-Claude Trichet entschieden: Sie erhöhten den Leitzins im Euro-Raum um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent. Als Grund führte die Zentralbank die hohe Inflation an - die Gefahr durch sie sei größer als die eines konjunkturellen Abschwungs.

Das Problem dabei: Die Inflation in Europa ist nicht hausgemacht. Sie wurde importiert - über die hohen Energiepreise. Kein anderes Produkt hat die allgemeine Teuerung so befeuert wie Öl. Und dagegen ist die EZB machtlos: Den Scheichs in Saudi-Arabien ist das europäische Zinsniveau egal.

Schlimmstenfalls könnte Öl sogar teurer werden. Der Grund ist einfach: Je höher die Zinsen im Euro-Raum sind, desto mehr Geld fließt aus den USA ab. Das wiederum drückt den Kurs des Dollar. An den internationalen Rohstoffbörsen wird jedoch in der US-Währung gehandelt - und das heißt: Ein schwacher Dollar treibt den Ölpreis in die Höhe.

Der Zusammenhang war im vergangenen Jahr gut zu beobachten - Ölpreis und Euro-Kurs stiegen parallel (siehe Grafik). Im Umkehrschluss bedeutet dies: Dollar runter, Öl rauf.

"Die Märkte fürchten, dass Trichet die Zinsen in Europa weiter anheben könnte", sagt Peter Beutel von der US-Brokerfirma Cameron Hanover in der "New York Times". "Das würde den Druck auf den Dollar erhöhen - und den Ölpreis stützen."

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Besonders deutlich wurde dies am 6. Juni. An diesem Tag hatte Trichet die am heutigen Donnerstag vollzogene Zinserhöhung mit ungewohnt klaren Worten angekündigt. Daraufhin schoss der Ölpreis innerhalb weniger Stunden um rund zehn Dollar nach oben. Es war der größte Kurssprung in der Geschichte der Rohstoffbörsen.

Und die Entwicklung dürfte weiter gehen. Denn die amerikanische Fed wird ihre Zinsen aller Voraussicht nach konstant halten, um die schwache US-Konjunktur nicht zusätzlich zu gefährden. Dagegen plant die EZB womöglich schon weitere Zinserhöhungen - ihr Hauptziel ist schließlich die Bekämpfung der Inflation. Das heißt: Der Zinsabstand zwischen dem Dollar- und dem Euro-Raum wird vermutlich noch größer, der Kurs der amerikanischen Währung fällt.

Was dies für die Rohstoffmärkte bedeutet, erklärte kürzlich Chakib Khelil, der Präsident der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec): Demnach hat ein Absinken des Dollar gegenüber dem Euro von ein bis zwei Prozent einen Anstieg des Ölpreises um acht Dollar zur Folge. Der Wechselkurs sei mittlerweile der "Hauptgrund" für die Teuerung beim Öl, sagte Khelil.

Stimmt dies, dann ist noch lange keine Entspannung in Sicht. Im Gegenteil: Die Opec erwartet in diesem Sommer einen Ölpreis von bis zu 170 Dollar. Aktuell kostet ein Fass rund 145 Dollar.

Steuert die Weltwirtschaft in eine Rezession?

Dabei verschärfen die Scheichs den Effekt noch ihrerseits. Denn je weniger die US-Währung wert ist, desto mehr Dollar verlangen sie für ihr Öl. Ihre Milliardeneinnahmen tauschen sie jedoch in Euro, um sie in den EU-Staaten anzulegen - mit entsprechenden Folgen für den Wechselkurs: Er verschiebt sich weiter zu Gunsten des Euro.

Für die Europäer bedeutet dies einen Teufelskreis: Je höher der Ölpreis, desto stärker steigt die Inflation. Je stärker die Inflation, desto eher hebt die EZB die Zinsen an. Je höher die Zinsen im Euro-Raum, desto schwächer der Dollar. Und je schwächer der Dollar, desto höher der Ölpreis. Einziger Trost für die Deutschen: Ein starker Euro macht Ölimporte tendenziell billiger.

Noch schlimmer wird es, wenn man die Aktienmärkte mit betrachtet. Denn hohe Energiepreise und steigende Zinsen belasten die Kurse massiv. "Die Anleger schauen sich nach Alternativen um", sagt Manfred Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Fündig werden sie auf den Rohstoffmärkten."

Mit anderen Worten: Je tiefer die Aktienkurse fallen, desto attraktiver werden Investitionen in Öl. Die Folge: Der Preis steigt.

Einziger Ausweg aus dem Dilemma: Der Verbrauch muss drastisch sinken. "Die Angebotsseite kann den Ölmarkt kurzfristig nicht beeinflussen", sagt Experte Horn. Schließlich gebe es nirgendwo einen Hahn, den man einfach nur aufdrehen müsste. "Eine Veränderung ist ausschließlich über die Nachfrageseite möglich." Das heißt: Erst wenn Bürger und Unternehmen ihren Ölbedarf reduzieren, kann der Preis sinken.

Von alleine wird das jedoch kaum passieren. Bewegung kommt wohl erst dann in den Markt, wenn die Konjunktur einbricht. "Spätestens wenn die Weltwirtschaft in die Rezession rutscht, wird der Ölpreis fallen", sagt Gregor Eder, der Leiter des Industrieländer Research bei der Dresdner Bank. Aus heutiger Sicht sei ein tiefgreifender Abschwung zwar nicht zu erwarten. "Aber je teurer Öl ist, desto wahrscheinlicher wird das."

So paradox es klingt: Damit der Ölpreis sinkt, müsste er zunächst weiter steigen.

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