Von Michael Kröger
Düsseldorf/Berlin - Für den Personalengpass im Hamburger Airbus-Werk hat Gerhard Puttfarcken eine einfache Erklärung. Die mangelnde Beweglichkeit der deutschen Ingenieure sei ein Grund dafür, so lamentierte der Airbus-Deutschland-Chef, dass Flugzeugbauer keine geeigneten Kandidaten für rund 500 offene Stellen finde. "Wir sind selbst erstaunt darüber, welche Flexibilitätsbarrieren es in Deutschland gibt. Einige Menschen wollen nicht von Süddeutschland nach Norddeutschland umziehen", sagte Puttfarcken im Interview mit der "Welt".
Beim Verband Deutscher Ingenieure begegnet man den Anwürfen mit mildem Spott. "Natürlich würde ich sofort die Chance ergreifen, wenn Herr Puttfarcken mir ein Angebot machte", sagt der Geschäftsführer des VDI-Landesverbandes Hessen, Gerd Weyrauther. Aber nun - er sei 62 und fühle sich deshalb von dem Aufruf nicht angesprochen. Was die Mitglieder seines Verbands angehe, bestehe die Möglichkeit, dass Arbeitgeber wie Porsche, DaimlerChrysler oder Siemens ebenso attraktive Karrierechancen böten, so dass ein Umzug in den hohen Norden nicht nötig sei.
Deutlicher schon wird VDI-Sprecher Michael Schwartz. "Man kann die Schuld nicht bei den Ingenieuren suchen, das ist ein falscher Ansatz. Anders als in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes sind es bei den technischen Berufen die Arbeitgeber, die um Mitarbeiter buhlen müssen, denn es gibt genügend attraktive Stellen und viel zu wenige qualifizierte Bewerber".
Kein Ende des Negativtrends in Sicht
Es sind rund 18.000, um etwas genauer zu sein. Exakt lässt sich die Zahl nicht bestimmen - sie wird täglich größer. Allein in den vergangenen zwölf Monaten ist die Zahl der unbesetzten Stellen um 30 Prozent gestiegen.
Und ein Ende des Negativtrends ist nicht abzusehen: Jährlich verlassen zurzeit etwa 30.000 Absolventen die Universitäten und Fachhochschulen. Dem stehen zunächst einmal 40.000 Ingenieure gegenüber, die aus dem Beruf ausscheiden. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach qualifizierten Bewerbern rasant an, weil gerade die Hightech-Branchen einen Nachfrageboom erleben. Allein die Unternehmen, die sich auf optische Technologien spezialisiert haben, verzeichnen pro Jahr ein Wachstum von 20 Prozent. Der Mangel an Ingenieuren könnte dazu führen, dass die Deutschen auf diesem zukunftsweisenden Gebiet den Anschluss verlieren.
Die Kraftwerkssparte von Siemens hat bereits konkret unter dem Personalmangel zu leiden. Zu Beginn des Jahres musste der Konzern einen Auftrag für ein Kraftwerk plus Meerwasserentsalzungsanlage aus Saudi-Arabien im Wert von 1,8 Milliarden Euro zum Teil an externe Dienstleister weitergeben, weil im eigenen Hause die Fachkräfte fehlten.
An der Misere ist die Wirtschaft nicht ganz unschuldig. Jahrelang haben Konzerne wie DaimlerChrysler, Siemens oder Bayer ihrer Forschungsausgaben zurückgefahren. Zurzeit halten sie gerade einmal das Niveau der späten achtziger Jahre. Ex-DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp hatte sogar der Vision seines Vorgängers Edzard Reuter vom integrierten Technologiekonzern offensiv eine Absage erteilt - technische Berufe, so lautete die implizite Botschaft, haben in Deutschland keine große Zukunft.
Auch der Zusammenbruch der New Economy trug nicht eben zur Verbesserung des Ansehens der technischen Berufe bei. Auch wenn es weniger Ingenieure sonder eher Manager waren, die die Anleger mit übertriebenen Versprechungen gelockt hatten.
Geringes Ansehen des Ingenieurberufs
Die Entwicklung ging nahtlos einher mit der Veränderung der Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Noch nie besaßen technische Berufe so geringes Ansehen. Neue Technologien, wie etwa Bio-, Gen- und Informationstechnik stoßen sogar auf unverhohlene Skepsis. Die Zurückhaltung reicht bis in die Schulen. Fächer wie Mathematik, Physik und Chemie sind beinahe zu Außenseiterfächern verkommen, Technik wird anders als etwa in Großbritannien oder Frankreich überhaupt nicht gelehrt.
Die langfristigen Auswirkungen kommen erst jetzt in voller Härte zur Geltung: Die Abiturienten wenden sich in erster Linie sozialwissenschaftlichen Fächern zu. Die Ingenieurswissenschaften müssen bereits um jeden Bewerber kämpfen.
Die Situation lässt wenig Hoffnung auf eine schnelle Änderung. "Mentalitätswechsel vollziehen sich extrem langsam", erklärt Harald Legler vom niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung, der zusammen mit Kollegen eine Studie zur technologischen Leistungsfähigkeit erstellt hat. Speziell die geringe Qualifikation der Schüler in den mathematischen Fächern hält er für ein echtes Problem. "Kurzstudiengänge mit Bachelor-Abschlüssen nützen wenig, wenn die Abiturienten nicht rechnen können. Um das zu ändern, braucht es ebenfalls viel Zeit".
Bis es soweit ist, wird Airbus-Deutschland-Chef Puttfarcken auf geeignete Bewerber im Ausland ausweichen müssen. Umtriebig wie er ist, hat er bereits mit der Einwerbung begonnen. "In Schweden haben wir bei Saab Ingenieure gefunden. Auch in England, Italien und Spanien sind wir unterwegs", sagte Puttfarcken.
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