Ingenieursmangel: Sag mir, wo die Tüftler sind

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Zu wenig Ingenieure? Das könnte ein Symptom für eine boomende Wirtschaft sein. Doch der Mangel ist kein akutes konjunkturelles Problem - er hat eine lange Vorgeschichte. Die Industrienation Deutschland droht den Anschluss zu verlieren.

Düsseldorf/Berlin - Für den Personalengpass im Hamburger Airbus-Werk hat Gerhard Puttfarcken eine einfache Erklärung. Die mangelnde Beweglichkeit der deutschen Ingenieure sei ein Grund dafür, so lamentierte der Airbus-Deutschland-Chef, dass Flugzeugbauer keine geeigneten Kandidaten für rund 500 offene Stellen finde. "Wir sind selbst erstaunt darüber, welche Flexibilitätsbarrieren es in Deutschland gibt. Einige Menschen wollen nicht von Süddeutschland nach Norddeutschland umziehen", sagte Puttfarcken im Interview mit der "Welt".

Ingenieur: Zahl der unbesetzten Stellen um 30 Prozent gestiegen
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Ingenieur: Zahl der unbesetzten Stellen um 30 Prozent gestiegen

Beim Verband Deutscher Ingenieure begegnet man den Anwürfen mit mildem Spott. "Natürlich würde ich sofort die Chance ergreifen, wenn Herr Puttfarcken mir ein Angebot machte", sagt der Geschäftsführer des VDI-Landesverbandes Hessen, Gerd Weyrauther. Aber nun - er sei 62 und fühle sich deshalb von dem Aufruf nicht angesprochen. Was die Mitglieder seines Verbands angehe, bestehe die Möglichkeit, dass Arbeitgeber wie Porsche, DaimlerChrysler oder Siemens ebenso attraktive Karrierechancen böten, so dass ein Umzug in den hohen Norden nicht nötig sei.

Deutlicher schon wird VDI-Sprecher Michael Schwartz. "Man kann die Schuld nicht bei den Ingenieuren suchen, das ist ein falscher Ansatz. Anders als in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes sind es bei den technischen Berufen die Arbeitgeber, die um Mitarbeiter buhlen müssen, denn es gibt genügend attraktive Stellen und viel zu wenige qualifizierte Bewerber".

Kein Ende des Negativtrends in Sicht

Es sind rund 18.000, um etwas genauer zu sein. Exakt lässt sich die Zahl nicht bestimmen - sie wird täglich größer. Allein in den vergangenen zwölf Monaten ist die Zahl der unbesetzten Stellen um 30 Prozent gestiegen.

Und ein Ende des Negativtrends ist nicht abzusehen: Jährlich verlassen zurzeit etwa 30.000 Absolventen die Universitäten und Fachhochschulen. Dem stehen zunächst einmal 40.000 Ingenieure gegenüber, die aus dem Beruf ausscheiden. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach qualifizierten Bewerbern rasant an, weil gerade die Hightech-Branchen einen Nachfrageboom erleben. Allein die Unternehmen, die sich auf optische Technologien spezialisiert haben, verzeichnen pro Jahr ein Wachstum von 20 Prozent. Der Mangel an Ingenieuren könnte dazu führen, dass die Deutschen auf diesem zukunftsweisenden Gebiet den Anschluss verlieren.

Die Kraftwerkssparte von Siemens hat bereits konkret unter dem Personalmangel zu leiden. Zu Beginn des Jahres musste der Konzern einen Auftrag für ein Kraftwerk plus Meerwasserentsalzungsanlage aus Saudi-Arabien im Wert von 1,8 Milliarden Euro zum Teil an externe Dienstleister weitergeben, weil im eigenen Hause die Fachkräfte fehlten.

An der Misere ist die Wirtschaft nicht ganz unschuldig. Jahrelang haben Konzerne wie DaimlerChrysler, Siemens oder Bayer ihrer Forschungsausgaben zurückgefahren. Zurzeit halten sie gerade einmal das Niveau der späten achtziger Jahre. Ex-DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp hatte sogar der Vision seines Vorgängers Edzard Reuter vom integrierten Technologiekonzern offensiv eine Absage erteilt - technische Berufe, so lautete die implizite Botschaft, haben in Deutschland keine große Zukunft.

Auch der Zusammenbruch der New Economy trug nicht eben zur Verbesserung des Ansehens der technischen Berufe bei. Auch wenn es weniger Ingenieure sonder eher Manager waren, die die Anleger mit übertriebenen Versprechungen gelockt hatten.

Geringes Ansehen des Ingenieurberufs

Die Entwicklung ging nahtlos einher mit der Veränderung der Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Noch nie besaßen technische Berufe so geringes Ansehen. Neue Technologien, wie etwa Bio-, Gen- und Informationstechnik stoßen sogar auf unverhohlene Skepsis. Die Zurückhaltung reicht bis in die Schulen. Fächer wie Mathematik, Physik und Chemie sind beinahe zu Außenseiterfächern verkommen, Technik wird anders als etwa in Großbritannien oder Frankreich überhaupt nicht gelehrt.

Die langfristigen Auswirkungen kommen erst jetzt in voller Härte zur Geltung: Die Abiturienten wenden sich in erster Linie sozialwissenschaftlichen Fächern zu. Die Ingenieurswissenschaften müssen bereits um jeden Bewerber kämpfen.

Die Situation lässt wenig Hoffnung auf eine schnelle Änderung. "Mentalitätswechsel vollziehen sich extrem langsam", erklärt Harald Legler vom niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung, der zusammen mit Kollegen eine Studie zur technologischen Leistungsfähigkeit erstellt hat. Speziell die geringe Qualifikation der Schüler in den mathematischen Fächern hält er für ein echtes Problem. "Kurzstudiengänge mit Bachelor-Abschlüssen nützen wenig, wenn die Abiturienten nicht rechnen können. Um das zu ändern, braucht es ebenfalls viel Zeit".

Bis es soweit ist, wird Airbus-Deutschland-Chef Puttfarcken auf geeignete Bewerber im Ausland ausweichen müssen. Umtriebig wie er ist, hat er bereits mit der Einwerbung begonnen. "In Schweden haben wir bei Saab Ingenieure gefunden. Auch in England, Italien und Spanien sind wir unterwegs", sagte Puttfarcken.

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Forum - Engpass - zu wenig deutsche Top-Kräfte?
insgesamt 482 Beiträge
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1.
gekaf, 06.06.2006
---Zitat von sysop--- Airbus sucht für die Produktion in Hamburg händeringend Ingenieure - und findet in Deutschland zu wenig Fachkräfte. Zu unflexibel oder zu schlecht ausgebildet? Können deutsche Techniker mit internationalen Standards nicht mehr mithalten? ---Zitatende--- Ich würde die Frage umformulieren. Können deutsche Firmen mit dem internationalen Standard nicht mehr mithalten ? Diese Fragestellung würde auch die differenzierte Haltung von wissenschafts- und technologiebegeisterten Jungingenieuren zu deutschen Industriefirmen erklären. Einmal abgesehen von den bezahlten Gehältern und den Aufstiegsmöglichkeiten.
2. Unflexible Unternehmen
kahpunkt, 06.06.2006
---Zitat von Airbus Manager--- Aber wir sind selbst erstaunt darüber, welche Flexibilitätsbarrieren es in Deutschland gibt. Einige Menschen wollen nicht von Süddeutschland nach Norddeutschland umziehen ---Zitatende--- Ich bin erstaunt, welche Flexibilitätsbarrieren es in Deutschland gibt. Einige Unternehmen in Norddeutschland sind offensichtlich nicht in der Lage, in Süddeutschland Ingenieurbüros einzurichten.
3.
ELWOOD, 06.06.2006
Wer die Stellenangebote auf Airbus' Website studiert, wird zum einen feststellen, daß überwiegend FH-Ingenieure gesucht werden. Bewerber mit Abschlüssen einer Technischen Universität, Promovierte oder Bewerber mit längerer Berufserfahrung scheinen "aussen vor" zu sein. Sucht Airbus wirklich nach TOP-Kräften oder eher nach "formbaren" Jungingenieuren? Zum anderen ist das inzwischen zum Standard gewordene Online-Bewerbungsverfahren sehr umständlich und hält dem Vergleich mit dem Angebot anderer Großarbeitgeber kaum stand. Darüber hinaus werden Bewerbungen nicht bestätigt und erst nach Wochen beantwortet, was ich persönlich unprofessionell finde. Vielleicht ein Einzelfall. Das Klima für Top-Ingenieure und -Wissenschaftler in Deutschland ist insgesamt nicht gerade "Sonnenschein, Regenbogen und Schmetterling". Als gut ausgebildete Person mit Flexibilität schaut man sich natürlich zusätzlich zum Zeitvertrag in Hamburg auch die durchaus attraktiven Angebote im Ausland an. EB
4. Typisch Deutsch
Mark Stein 06.06.2006
Die freie Marktwirtschaft basiert auf Angebot und Nachfrage. Nicht gleich ein Thema "kaputt fragen", lieber Sysop - typisch deutsch! Wenn die Nachfrage groesser ist als das Angebot, dann muss man eben die Arbeitsplaetze bei Airbus besser bezahlen und den Umzug nach Hamburg mit einem Einstellungsbonus verlockender machen. Man muss sich schon fragen wofuer die Topmanager ein Topgehalt in die Tasche stecken. Fuer's herumjammern und das indirekte Drohen Arbeitsplaetze in Ausland zu verlagern http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,419749,00.html sollten die verantwortlichen Manager eigentlich entlassen werden. Arbeitsplatzplanung ist ja nicht gerade erst gestern erfunden worden.
5. Pech!
exil am strand, 06.06.2006
---Zitat von sysop--- Airbus sucht für die Produktion in Hamburg händeringend Ingenieure - und findet in Deutschland zu wenig Fachkräfte. Zu unflexibel oder zu schlecht ausgebildet? Können deutsche Techniker mit internationalen Standards nicht mehr mithalten? ---Zitatende--- Das Management einer Firma, die zu Recht wie wild F&E und Marketing arbeiten läßt, aber dann nicht rechtzeitig die Produktionsplanung in die Hand nimmt, ist deutlich unflexibel, zu schlecht ausgebildet, kann im internationalen Geschäft schon auf mittlere Sicht kaum mehr mithalten und sollte darum dringend ausgetauscht werden. Im Ernst: Es mutet schon sehr lachhaft an, wie deutsche Journalisten immer wieder auf die Quartalsjammerei der Unternehmen und noch mehr ihrer Verbände hereinfallen, die immer wieder und textbausteinmäßig „händeringend Ingenieure suchen". Mal ein wenig nachzugucken, was hinter diesen allfälligen Tiraden steckt, kommt kaum einer Redaktion noch in den Sinn. Vermutlich stellte sich dann heraus, daß es schlicht um die Höhe der Gehälter geht. Für einsachtzig machen Deutsche natürlich bei ihren Lebenshaltungskosten den Buckel nicht krumm. Und wer von einem süddeutschen Häuslebauer mit Familie erwartet, daß er weit unter Preis verkauft, um in den verregneten Norden zu ziehen, der will ohnehin nur die Einstellung der Dritteweltkräfte öffentlich legitimieren, deren Minderlöhne in der Fünfjahresplanung bereits betoniert sind. Grüße vom Strand!
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