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Initiative Tierwohl: Schweinerei im Kühlregal

Von "enorm"-Autorin Katrin Zeug

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Homepage der "Tierwohl"-Kampagne: Weltverbesserung oder PR?

Wie lassen sich die Lebensbedingungen von Tieren in der Massentierhaltung verbessern? Indem man Billigfleisch beim Discounter kauft, behauptet eine Initiative von Einzelhandel und Landwirtschaft. Kritiker sind empört.

Es ist eine interessante Logik, die die Initiative Tierwohl vertritt: Wer den gequälten Masttieren in Deutschland zu einem besseren Leben verhelfen möchte, der solle Fleisch kaufen. Und zwar bei Aldi, Lidl, Kaufland, Rewe, Penny, Edeka, Netto oder Kaiser's Tengelmann. "Der Kauf dieser Produkte", so heißt es auf der Internetseite von Tierwohl, trage dazu bei, "unser gemeinsames Ziel zu erreichen: die Standards in der Nutztierhaltung in Deutschland aktiv, flächendeckend und Schritt für Schritt weiter zu verbessern."

Das Image der Fleischbranche bröckelt seit Jahren. Die Verkaufszahlen von Fleisch und Wurst befinden sich zwar noch auf einem hohen Niveau, doch sie sinken leicht. Das soll sich ändern. Die Initiative, gestartet Anfang des Jahres von Bauern, Schlachtbetrieben und Einzelhändlern, rät zum Kauf bei Supermarktketten, die bisher weniger für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung bekannt waren als für billige Preise - und die einen Fleischmarktanteil von 85 Prozent im Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland abdecken.

Gefunden in
Ihr Versprechen: Kauft der Kunde ein Kilo Schweinefleisch oder Geflügel, zahlt der Einzelhändler vier Cent in einen Fonds. Aus diesem Fonds wiederum fließt Geld an Bauern, die die Lebensbedingungen ihrer Schweine und Hühner verbessern. Zum Beispiel, indem sie ihren Tieren mehr Platz oder - zusätzlich zum Kraftfutter - etwas Heu geben. Die ersten Bauern machen bereits mit, ab Herbst soll das Fleisch ihrer Tiere in den Kühlregalen liegen.

Doch es gibt Kritik an der freiwilligen Aktion von Fleischbranche und Einzelhandel - die übrigens nicht zu verwechseln ist mit der sehr ähnlich klingenden, aber eigenständigen Tierwohlinitiative des Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt. Auch wenn viele Kritiker die Branchenlösung als kleinen Schritt in die richtige Richtung anerkennen, sehen sie darin doch überwiegend ein "Feigenblatt der Industrie", eine bloße Schönheitskorrektur, die grundlegende Missstände bestehen lässt: Weder die Tiermast an sich noch die Preispolitik der Supermarktketten ändere sich durch die Initiative.

Luise Molling, die bei der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch zum Thema Tierschutz arbeitet, sagt sogar: "Das Beste an der Initiative Tierwohl ist, dass die Branche damit zugegeben hat, dass es ein Problem gibt."

Hier die wichtigsten Punkte der Kritiker:

  • Intransparenz
    Seit Anfang des Jahres schon fließen die vier Cent pro Kilo Fleisch in den Fonds. Welches Fleisch nun aber von teilnehmenden Betrieben kommt, kann der Kunde nicht erkennen. Ein Siegel oder eine andere Kennzeichnung wird es nicht geben. Patrick Klein von der Initiative Tierwohl begründet das so: "Der Markt mit seiner komplexen Zulieferkette macht ein Labeling auf breiter Ebene schwierig, weil jeder Betrieb der Kette teilnehmen müsste. Auch würde das Rückverfolgen viel Geld kosten, das wir lieber direkt für das Tierwohl ausgeben."

    Viele kritisieren diese Intransparenz. "So ist keine Wahlfreiheit und keine Honorierung von mehr Tierschutz durch den Verbraucher möglich", sagte zum Beispiel der niedersächsische Agrarminister Christian Meyer der "taz".

  • Zu lasche Kriterien
    Um teilnehmen zu können, müssen Betriebe den Antibiotikaverbrauch ihrer Tiere analysieren lassen, Tageslicht in den Ställen garantieren und jährlich das Stallklima überprüfen. Zusätzlich müssen sie sich für mindestens eine weitere Maßnahme entscheiden: Entweder bieten sie den Tieren zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben oder "ständigen Zugang zu Raufutter" wie Heu oder Stroh, mit dem sich die Tiere beschäftigen können. Entscheiden sich die Betriebe für noch mehr Maßnahmen, etwa für zusätzlichen Auslauf oder eine Liegefläche mit weicher Unterlage, bekommen die Bauern weitere Prämien pro Schlachttier. "Unser System ist sehr flexibel und lässt Spielraum für die unterschiedlichsten Arten von Engagement zu - ohne Existenzgrundlagen zu gefährden", sagt Patrick Klein von Tierwohl.

    Doch gerade diese Niedrigschwelligkeit wird kritisiert. Die Maßnahmen gingen kaum über die gesetzlichen Vorschriften hinaus, heißt es. Zehn Prozent mehr Platz zum Beispiel bedeutet für eine 110-Kilo-Mastsau, der per Gesetz ein Quadratmeter zusteht, zusätzlichen Raum in der Größe eines Aktendeckels. Das Kastrieren ohne Betäubung oder das Beschneiden der Schwänze sind nach wie vor erlaubt.

  • Zu wenig Geld im Fonds
    85 Millionen Euro jährlich sollen für das Wohl von Schweinen und Geflügel zusammenkommen. Insgesamt haben sich die Supermärkte verpflichtet, 255 Millionen Euro bis Ende 2017 in den Fonds zu zahlen. Nach Angaben von Tierwohl reiche das, um jedes Jahr rund zwölf Millionen Schweine artgerechter zu halten - rund 20 Prozent der jährlich in Deutschland geschlachteten Tiere. Profitieren würden auch voraussichtlich 300 Millionen Hähnchen und 15 Millionen Puten.

    Ginge es jedoch nach den Bauern, würden mehr als doppelt so viele von ihnen bei der Initiative mitmachen. Rund 4600 Betriebe haben sich angemeldet und sind zu einem großen Teil sogar in Vorleistung gegangen. Doch statt den Fonds aufzustocken, entschied am Ende das Los darüber, welche Betriebe finanziell unterstützt werden - die anderen müssen warten. Pläne, die Abgabe von vier Cent zu erhöhen, gibt es nicht.

  • Freiwilligkeit
    Es ist ein beliebtes Mittel der Industrie, durch freiwilliges Engagement verpflichtende Gesetze zu verhindern. Tier- und Verbraucherschützer fordern darum strengere gesetzliche Vorgaben. Patrick Klein von der Initiative Tierwohl hält härtere Gesetze für "nicht notwendig". Man sehe ja am Engagement der Bauern, dass es auch freiwillig gehe.

    Luise Molling von Foodwatch sieht das anders: "Mit vier Cent pro Kilo Fleisch kann man keine Wende bei der Tierhaltung bewirken, dafür aber einen großen Imagegewinn." Man gebe damit dem Verbraucher ein gutes Gefühl, so dass er guten Gewissens weiter das Pfund Fleisch für zwei Euro kauft, den Tieren bringe das fast nichts. "So lange die gesetzlichen Standards so sind wie sie sind, wird der Wettbewerb immer auf Kosten der Tiere gehen. Bei der Initiative geht es mehr ums Image und darum, Gesetze zu verhindern, als um eine nachhaltige Verbesserung."

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Lokal einkaufen
Malshandir 24.10.2015
Am besten ist, man kauft vor Ort ein und sieht wie die Tiere leben. Das mag teurer sein, ist aber gesuender.
2. Vier Cent sie zu knechten
davemciroy 24.10.2015
Schlichtweg lachhaft. Die gesetzlichen Regelungen sind sowieso viel zu wenig, da die Regierung sich überhaupt nicht traut etwas für Tiere, oder den Planeten zu tun, wenn es gegen große Industrien geht. Kauft gleich Bio-Fleisch (die Anforderungen für "Bio" sind aber auch zu lasch)! Da kommt es da an, wo ohnehin schon mehr für das Wohl gemacht wird. Diese 4 Cent hier sind pure Heuchelei, und jeder, der meint damit was Gutes zu tun ist unterbelichtet.
3. Zumal...
floydpink 24.10.2015
das Fleisch beim Discounter deutlich teuerer ist, als man glaubt. Stichwort: Flüssigwürzung. Hab' jetzt auf die Schnelle nur dies gefunden: http://www.stern.de/tv/wasser-im-fleisch--wie-die-fleischindustrie-kuenstlich-volumen-schafft-3252586.html aber darüber gibt es genug Berichte. Man wird schlicht betrogen.
4. Tja
Bueckstueck 24.10.2015
In der Frage der industriellen Massentierquälerei - wo Deutschland die Weltspitze vertritt - hält man den Bürger wohl zu Recht für dumm wie Brot, wenn man so eine Kampagne startet und sicherlich Erfolg damit hat, jedoch anders als man das dem Konsumenten suggeriert. Wie es anders und zwar besser geht, zeigt ein Nachbar im Süden.
5. Nicht nur beim FLEISCH kauf ist denken angesagt, jeder Konsum....
sikasuu 24.10.2015
.... HIER stützt ganze Ketten von Ausbeutungen, -wirkungen! . Gleich ob es das T-Shirt für 2.50€, die Jeans für 10 oder 150€... das Smartphone usw ioder das Kg Fleisch st..... . Über die Haltungs-, Produktions- und Arbeitsbedingungen KANN sich jeder, wenn er will, heute ziemlich einfach informieren. . Aber da geht es ja bloss um Menschen ganz weit weg und nicht um so kuschelige treu guckende Kälbchen, suesse Schweinchen usw. . Das UNSRER Wohlstand unsere "Geiz ist Geil" Mentalität nur mit massiver Ausbeutung an anderen Stellen, von anderen Menschen auf dieser "kleinen blauen Kugel" möglich ist, sollte auch dem letzen Konsumenten klar sein. . Das irgendwo solche "Teile" so "billig vom Band fallen" ohne das jemand/viele putzen, verpacken, die Dreckarbeit für einen Hungerlohn machen.... kann man nur dann annehmen, wenn man geübt ist "hochgradig" zu verdrängen!
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