Insiderhandel Millionenschwindel beim Austernschmaus

Die Wall Street staunt über den größten Insiderskandal seit den wilden achtziger Jahren: Ein weitverzweigtes Netz aus Bankern und Brokern soll sich mit Firmeninterna über 15 Millionen Dollar erschwindelt haben. Mittendrin in der Affäre: UBS, Bear Stearns und Morgan Stanley.

Von , San Francisco


Es begann mit Austern. In der Oyster Bar, dem weltberühmten Fischkeller in der New Yorker Grand Central Station, wo Bluepoint-Austern, Mahi Mahi und Merlot aus dem Napa Valley serviert werden: Hier nahm seinen Anfang, was die Justiz als "einen der weitreichendsten Fälle von Insiderhandel" bezeichnet, den die Wall Street seit den berüchtigten achtziger Jahren erlebt hat.

Morgan-Stanley-Gebäude am New Yorker Times Square: Um Schadensbegrenzung bemüht
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Morgan-Stanley-Gebäude am New Yorker Times Square: Um Schadensbegrenzung bemüht

Es begann mit Austern - und einem Privatkredit. 25.000 Dollar schuldete Mitchel Guttenberg, ein Direktor bei der US-Vertretung der Schweizer Großbank UBS, seinem alten Kumpel Erik Franklin, einem Hedgefonds-Manager fürs Brokerhaus Bear Stearns. 2001 war das, und die Freunde einigten sich bei besagtem Treffen in der Oyster Bar auf einen Deal: Um das Darlehen abzuzahlen, würde Guttenberg Franklin mit Insider-Informationen versorgen - Analysten-Empfehlungen, Ratings und andere Kostbarkeiten aus dem Hause UBS.

Bald wucherte das klandestine Komplott zu einem enormen Spinnennetz, in das nicht nur ein gutes Dutzend Ganoven verstrickt waren, sondern auch drei der altehrwürdigsten Namen an der Wall Street: UBS, Bear Stearns und Morgan Stanley. "Relevante Einheiten", so heißen die in der 33-seitigen Anklage, die die US-Börsenaufsicht SEC jetzt gegen die Drahtzieher des Megaschwindels einreichte. Schlechtere PR kann man sich kaum vorstellen.

Festnahme im Morgengrauen

Am dümmsten sehen dabei die Schweizer aus, die im Mittelpunkt dieses Netzes saßen und unter deren Augen das Ganze jahrelang ungehindert ablief. Kein Wunder, dass sie bei der SEC, wiewohl vereinfachend, längst von der "UBS-Verschwörung" sprechen - zum Entsetzen der Top-Banker in Zürich, die sich als unschuldige "Opfer" des Skandals sehen.

Insiderhandel hat Tradition. Doch diese Saga ist so atemberaubend, dass sie den legendären Betrügereien gleichkommt, die Oliver Stone 1987 mit seinem Kultthriller "Wall Street" verfilmte. Dies, staunte SEC-Chefvollstrecker Scott Friestad, sei "einer der größten Insiderhandel-Fälle seit Ivan Boesky und Dennis Levine". Das will was heißen: Trader Boesky ("Gier ist gesund") und Banker Levine waren damals die Erfinder des Insiderhandels - bis ein junger Staatsanwalt namens Rudy Giuliani ihrem Treiben ein rüdes Ende setzte.

Und wie damals fand auch der UBS-Fall jetzt sein unvermeidbar rüdes Ende. Am Donnerstag im frühen Morgengrauen nahmen FBI-Beamte Guttenberg, 41, in seiner Wohnung auf der Upper East Side Manhattans fest und führten ihn in Handschellen ab. In Jeans und Sweatshirt erschien er später vor dem Haftrichter, der ihn erst erst gegen eine Kaution von einer halben Million Dollar freiließ.

Vertrauliche E-Mails weitergereicht

Noch tags zuvor war Guttenberg zur Arbeit erschienen - so ahnungslos waren seine Chefs. Doch das war sein vorerst letzter Tag bei UBS: Guttenberg, sagte Banksprecher Doug Morris pikiert, weile fortan in "unbezahltem Urlaub".

Guttenberg war Exekutivdirektor und Kundenmanager in der Research-Abteilung von UBS. Seit 2001 saß er auch im Investment Review Committee (IRC). Dieses Gremium, das jeden Morgen um elf Uhr tagt, prüft die Empfehlungen der UBS-Analysten und segnet diese ab, bevor sie an die Öffentlichkeit gelangen: Upgrades, Downgrades et cetera.

Beste Voraussetzungen für Guttenberg, sich (und andere) zu bereichern. Seine oft marktbewegenden Beschlüsse kommunizierte das Ratings-Komitee zunächst intern, per E-Mail an rund 80 UBS-Mitarbeiter und strikt vertraulich. Doch Guttenberg kommunizierte sie prompt an Franklin, 39, der ein Trader für den Bear-Stearns-Hedgefonds Lyford Cay war.

Cash in der "Doritos"-Tüte

Ein Beispiel: Am 3. Dezember 2001, so die Anklage, habe Guttenberg seinem Freund ein Downgrade der US-Versicherung Allstate durch UBS vorab gesteckt. Lyford Cay habe daraufhin sofort 10.000 Allstate-Aktien im Leerverkauf abgestoßen und dann, als UBS das Downgrade am nächsten Tag bekannt gab und Allstates Kurs einbrach, gewinnbringend zurückgekauft. Illegaler Gewinn dabei: 10.100 Dollar.

Das allein klingt natürlich nicht nach viel. Doch Guttenberg und Franklin haben nach Rechnung der SEC über die Jahre Tausende solcher Deals eingefädelt, darunter mit Ratings für solch renommierte Konzerne wie Lexmark, U.S. Bancorp, Union Pacific, Marsh & McLennan, Mellon, CVS, Amgen und Whole Foods. Guttenbergs Geldschulden bei Franklin seien so schnell getilgt worden; danach habe sich das Duo die Profite geteilt. Insgesamt seien bei der Aktion mehr als 15 Millionen Dollar zusammengeschwindelt worden.

Anfangs hätten sie ihre Informationen noch bei direkten Treffen ausgetauscht. Später hätten sie Wegwerf-Handys und verschlüsselte SMS benutzt, um ihre Spuren zu vertuschen. Große Summen Cash hätten, wie außerdem zu hören war, diskret in einer Tüte mit "Doritos"-Tortillachips den Besitzer gewechselt.

150.000 Dollar Schweigegeld

Es dauerte nach Erkenntnissen der Fahnder nicht lange, bis sich andere Banker in das lukrative Spielchen einklinkten. Etwa Robert Babcock, 33, und Ken Okada, 31, zwei Bear-Stearns-Kollegen Franklins, die einen Teil der Insider-Gewinne auf ihre Privatkonten umgeleitet hätten. Dumm auch für Bear Stearns: Unter den Investoren, die indirekt an der Abzocke mitverdient haben sollen, hätten sich auch "gewisse hochrangige Mitarbeiter" des Hauses befunden, heißt es in der SEC-Anklage.

2002 verließ Franklin Bear Stearns und schloss sich einem anderen Hedgefonds an, Chelsey Capital. Im Jahr darauf eröffnete er seinen eigenen Hedgefonds (Q Capital). Die ganze Zeit habe er, dank der Guttenberg-Tipps, weiter rechtswidrige Millionen gescheffelt.

Guttenberg wiederum fand demzufolge einen weiteren Komplizen in seinem Freund David Tavdy, 38, einem Broker für diverse kleinere Firmen, der allein sechs Millionen Dollar an Insider-Gewinnen eingesackt haben soll. So habe Tavdy an einem Tag 20.000 Dollar durch einen Guttenberg-Tipp über Goldman Sachs verdient. Als zwei Kollegen Tavdys Wind von der Sache bekamen, seien sie mit 150.000 Dollar Schweigegeld mundtot gemacht worden.

Die Florida-Connection

So kompliziert wurde die Sache schließlich, dass Staatsanwalt Michael Garcia jetzt bei der Pressekonferenz eine große Grafik aufstellte, um das Geflecht darzustellen - eine Grafik, die die US-Zeitungen dankbar abmalten. Und darauf fand sich dann auch Morgan Stanley.

Das Unternehmen ist über den Bear-Stearns-Broker Babcock in diese Räuberpistole verstrickt. Babcock bekam nämlich noch von anderer Seite Insiderwissen zugeschanzt: von Marc Jurman, 31, einem Broker aus Florida. Der wiederum bezog seine Informationen von der Morgan-Stanley-Juristin Randi Collotta, 30, und deren Gatten Christopher Collotta, 34.

Zum Beispiel über die Übernahme des Software-Unternehmens Macromedia durch seinen Rivalen Adobe im April 2005. Collotta habe davon vorher gewusst und diese Information an Jurman gegeben. Jurman habe sich allein dadurch um 30.000 Dollar bereichert und Babcock um 75.000 Dollar. Pikantes Detail: Randi Collotta war bei Morgan Stanley ausgerechnet für die SEC-Kontakte zuständig.

"Wie ein Kardinal mit Prostituierten"

Aufgeflogen ist die Sache erst durch Erik Franklins Schwiegervater, über dessen Konto Hunderttausende Dollar geflossen seien. Dies kam der SEC komisch vor, und sie begann dem Geld nachzuspüren. Unter anderem, indem sie "kooperative Zeugen" engagierte, Gespräche mit den Verdächtigen heimlich mitzuschneiden.

Insgesamt hat die SEC namentlich elf Personen angeklagt, außerdem die Hedgefonds Chelsea Capital und Q Capital sowie die Daytrading-Firma Jasper, für die David Tardy arbeitete. Die Staatsanwaltschaft flankierte das mit weiteren Strafanklagen. Vier haben sich bereits schuldig bekannt, darunter Franklin; Guttenberg beharrte vor dem Haftrichter auf seiner Unschuld. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihnen pro Anklagepunkt je 20 Jahre Haft und erhebliche Geldstrafen.

Die Wall-Street-Häuser reagierten geschockt - und bemühen sich nun um Schadensbegrenzung. Doch das Unheil ist längst angerichtet. "Dieser Fall ist ein dickes blaues Auge für die Wall Street", kommentierte die "Business Week". "Eine SEC-Verbindungsfrau bei Morgan Stanley", entgeistert sich auch der Ökonom John Coffee von der Columbia University in New York. "Das ist, als erwische man einen Kardinal in der Kirche mit Prostituierten."

Nur eine Partei scheint die Sache mit Humor zu nehmen. Die "Oyster Bar" hat kurzfristig ihre Speisekarte geändert. Neu im Tagesmenu: "Broker gegrillt, mit scharfer Sauce" nebst "Aktientipps". Deren Preis: "Unbezahlbar."



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