Insolventer Autobauer: Fiat steigt bei Chrysler ein

US-Präsident Obama verkündet die Entscheidung persönlich: Chrysler beantragt Insolvenz und bekommt Fiat als neuen Anteilseigner. Im Gegenzug kassiert der kriselnde US-Autobauer noch einmal drei Milliarden Dollar Staatshilfen. Konzernchef Nardelli tritt zurück.

Washington - Warme Worte klingen anders: "Chrysler ist ein Stützpfeiler der amerikanischen Industrie", sagte US-Präsident Barack Obama auf einer Pressekonferenz zur Zukunft des maroden Autobauers, "ein Stützpfeiler allerdings, der immer schwächer wurde." Chrysler habe notwendige Reformen "zu langsam" durchgeführt. Es sei aber sein "Job als Präsident", ein wettbewerbsfähiges Unternehmen zu formen, sagte Obama - und keinen siechen Konzern, "basierend auf einer endlosen Menge an Steuergeldern".

Präsident Obama: "Schwächelnder Stützpfeiler der US-Industrie"
AFP

Präsident Obama: "Schwächelnder Stützpfeiler der US-Industrie"

Chrysler beantragte kurz nach der Pressekonferenz offiziell die Einleitung des Insolvenzverfahrens. Obama sagte in seiner kurzen Ansprache, dieser Schritt sei "kein Zeichen von Schwäche". Chrysler werde aus dem Verfahren gestärkt und konkurrenzfähig hervorgehen.

Profiteur der Insolvenz ist Fiat: Der italienische Autohersteller steigt bei dem insolventen US-Konzern ein. Beide Unternehmen hätten eine entsprechende Einigung erzielt, sagte Obama. Chrysler wird dafür weitere drei Milliarden Dollar an US-Staatshilfen erhalten, Entlassungen und Werksschließungen soll es während des Insolvenzverfahrens nicht geben. Fiat werde zunächst mit 20 Prozent bei Chrysler einsteigen und den Anteil später auf 35 Prozent aufstocken. Die Mehrheit bei Chrysler kann Fiat aber erst übernehmen, wenn der US-Konzern die Staatshilfen zurückgezahlt habe. Fiat habe zugesagt, seine Technologie einzubringen und neue Fahrzeuge zu entwickeln.

Chrysler-Chef Robert Nardelli kündigte kurz nach der Obama-Rede seinen Rücktritt an. Zwar habe ihn die amerikanische Regierung nicht darum gebeten, er halte den Beginn des Insolvenzverfahrens aber selbst als geeigneten Zeitpunkt um abzudanken, sagte Nardelli dem TV-Sender CNBC. Nach dem Fiat-Einstieg werde Chrysler von einem neunköpfigen Vorstand geführt, der den neuen Konzernchef bestimmen werde. Die Mitglieder des neuen Vorstands werden laut Nardelli zu zwei Dritteln von der US-Regierung bestimmt und zu einem Drittel von Fiat.

Im Drama um Chrysler beginnt damit ein neues Kapitel. Wochenlang wurde über die Rettung des siechen US-Konzerns verhandelt. Chrysler stritt mit der US-Regierung über Sanierungskonzepte, rang vier großen Gläubigerbanken Zugeständnisse zu milliardenschweren Umschuldungen ab, hielt der mächtigen Autogewerkschaft UAW die blanke Kehle hin - und machte Zugeständnisse an Fiat.

Das alles hat nun am Ende nichts genützt. Jetzt ist Amerikas drittgrößter Autobauer doch noch an seinen Schulden erstickt. Zuletzt ging es um die Umschuldung von 6,9 Milliarden Dollar - und um gut 40 Hedgefonds, die zusammen für etwa 30 Prozent dieses Betrags stehen. Das US-Finanzministerium hatte den Gläubigern 2,25 Milliarden Dollar in bar geboten, berichtet der TV-Sender CNN unter Berufung auf einen Regierungsbeamten. Im Gegenzug hätten sie auf ihre Ansprüche verzichten müssen. Doch die Hedgefonds sperrten sich, sie forderten 2,5 Milliarden und ließen den Deal platzen.

Obama monierte auf seiner Pressekonferenz am Donnerstagabend, "eine kleine Gruppe von Investoren" habe die Rettung Chryslers vereitelt.

Chrysler steht nun eine Blitz-Insolvenz nach Kapitel 11 des US-Konkursrechts bevor (siehe Infobox). Der Gläubigerschutz ermöglicht es dem Unternehmen, seinen Betrieb zunächst aufrechtzuhalten und zu sanieren, ohne die Forderungen der Gläubiger bedienen zu müssen. Nur 30 bis 60 Tage soll Chrysler unter Gläubigerschutz arbeiten, erklärte ein Sprecher des Weißen Hauses.

Daimler bekräftigt vollständige Trennung von Chrysler

Der Autobauer Daimler bekräftigte kurz nach Bekanntgabe der sich abzeichnenden Insolvenz noch einmal seine vollständige Trennung von Daimler. Man habe mit der endgültigen Trennung von Chrysler sogar einen Beitrag zur Restrukturierung des US-Herstellers geleistet, ließ der deutsche Autokonzern mitteilen.

Die Beziehung zwischen Chrysler und Daimler beschränke sich seit Anfang der Woche auf eine Kunden-Lieferanten-Beziehung. "Das bedeutet im Falle von Chapter 11: Daimler wird wie jeder andere Lieferant behandelt."

Am Montag hatte der Premiumhersteller nach einem monatelangem Streit bekanntgeben, auch seinen Chrysler-Restanteil von 19,9 Prozent an den Mehrheitseigner Cerberus abzugeben.

Dass die Rettung Chryslers an der Unnachgiebigkeit einiger Gläubiger gescheitert ist, sollte auch General Motors Chart zeigen, den größten der drei US-Autobauer, eine Warnung sein: Auch dort fahren derzeit Gläubiger auf Kollisionskurs - und Obama hält dagegen.

ssu/AFP/AP/dpa/ddp/Reuters

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Krise der Autoindustrie 2008/09
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Chryslers Modellgeschichte: Muscle Cars und Minivans