Insolventer Chiphersteller Qimonda-Pleite provoziert Kritik an EU und Management

Die abrupte Qimonda-Insolvenz entfacht Streit über die Schuldfrage. Die CDU beschuldigt die EU, nicht genug Hilfe geleistet zu haben - das Land Sachsen und die IG Metall werfen dem Management des Chipherstellers Konzeptlosigkeit vor. 4600 Deutsche bangen jetzt um ihren Job.


Dresden/München - Die Ankündigung der Qimonda-Insolvenz kam überraschend - doch es dauerte kaum zwei Stunden, bis die verschiedenen Seiten damit begannen, sich gegenseitig die Schuld zuzuweisen.

Qimonda-Zentrale in Dresden: Kein zukunftsfähiges Konzept vorgelegt
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Qimonda-Zentrale in Dresden: Kein zukunftsfähiges Konzept vorgelegt

Die sächsische CDU gibt der EU die Mitschuld am Scheitern von Qimonda. "Ich hätte mir mehr Hilfe von der Europäischen Union gewünscht. Leider wurde offenbar in Brüssel die Bedeutung des Dresdner Chipindustriestandortes für Europa nicht erkannt", sagte CDU-Fraktionschef Steffen Flath am Freitag in Dresden.

"Das Aus von Qimonda ist ein schwerer Schlag für die Chipindustrie in Dresden, es bedeutet aber nicht das Ende für den Mikroelektronikstandort Sachsen", sagte Flath und äußerte sich damit so wie zuvor schon die FDP. Lukrative Bereiche wie die Forschungs- und Entwicklungsabteilung Qimondas sollten gerettet werden.

Nach monatelangen Rettungsversuchen hat der Chiphersteller Qimonda Insolvenz angemeldet. Der Antrag wegen Zahlungsunfähigkeit sei am Freitagmorgen eingereicht worden, sagte eine Sprecherin des Amtsgerichtes München. Zum Insolvenzverwalter wurde Michael Jaffé bestellt. Von der Qimonda-Pleite sind in Deutschland nach Unternehmensangaben rund 4600 Mitarbeiter betroffen.

Den Halbleiterkonzern Infineon trifft die Pleite hart. Das Unternehmen werde Rückstellungen über einen niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag bilden, teilte Infineon am Freitag in München mit. Man gehe jedoch nicht davon aus, vor dem Ende des Geschäftsjahres im September Zahlungen leisten zu müssen.

IG Metall wirft Qimonda-Chefs Versagen vor

Wer tatsächlich Schuld an der Qimonda-Pleite ist - darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Während die Sachsen-CDU die EU beschuldigt, wettern IG Metall und das Bundesland Sachsen vor allem gegen das Qimonda-Management.

"Eine schier endlose Serie von Managementfehlern hat den Speicherchiphersteller Qimonda in die Insolvenz geführt", sagte der bayerische IG-Metall-Bezirkschef Werner Neugebauer. "Grob fahrlässig haben die Manager eine ganze Technologie am Standort Deutschland gegen die Wand gefahren, ausbaden müssen es jetzt wieder einmal die Mitarbeiter."

Neugebauer forderte die Bundesregierung sowie die bayerische und sächsische Landesregierung auf, sich um die Rettung möglichst vieler Arbeitsplätze zu bemühen und die Speicherchip-Hochtechnologie in Deutschland zu erhalten. "Die bereits sehr weit fortgeschrittenen Rettungskonzepte müssen unter den neuen Bedingungen intensiviert werden", sagte er.

Neugebauer kritisierte, bereits bei der Ausgliederung von Qimonda aus dem Mutterkonzern Infineon habe die Gewerkschaft darauf verwiesen, dass das Tochterunternehmen zu klein und nicht überlebensfähig sei. Den Managern sei es auch in den folgenden Jahren nicht gelungen, einen Partner oder Investor zu finden. Hinzu gekommen sei ein eklatanter Mangel an marktgerechter Produktentwicklung.

Sachsen bemängelt Konzeptlosigkeit

Auch der sächsische Wirtschaftsminister Thomas Jurk warf dem Qimonda-Management Fehler vor. "Ich bedaure zutiefst, dass es Qimonda nicht geschafft hat, eine geschlossene Finanzierung auf die Beine zu stellen", sagte der SPD-Politiker am Freitag in Dresden. Er hoffe, dass das Insolvenzverfahren genutzt werde, "um die innovative Speichertechnologie in Dresden zu halten". Das Land stehe "wie bisher mit unseren Fördermöglichkeiten zur Seite, wenn ein Investor ein überzeugendes Konzept vorlegt", sagte Wirtschaftsminister Jurk.

Die Linke erhob Vorwürfe gegen die sächsische Regierung und vor allem gegen Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Mit einer Übernahme von Anteilen habe es die Möglichkeit zur Rettung des Unternehmens gegeben, sagte Fraktionschef André Hahn. Dies wäre auch für die Banken ein Signal gewesen, das Unternehmen zu erhalten.

Qimonda ist wegen Überproduktion und des weltweiten Preisverfalls bei Speicherchips in einer finanziellen Schieflage. Bis zuletzt wurde über Staatshilfen für die Tochter des Chipherstellers Infineon verhandelt. Daran waren außer Sachsen auch das Land Bayern und der Bund beteiligt.

Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass Qimonda bei einem Krisengespräch in Berlin Mitte der Woche zusätzlich zu einem bereits geplanten Hilfspaket von 325 Millionen Euro überraschend einen Finanzbedarf von weiteren 300 Millionen Euro anmeldete. Sachsen wollte sich an dem Hilfspaket mit einem Kredit über 150 Millionen Euro beteiligen.

Qimonda will Betrieb nicht einstellen

Die Infineon-Tochter will ihren Betrieb trotz Insolvenz aufrechterhalten. Der Vorstand sehe "gute Chancen", die zur Neuausrichtung notwendigen finanziellen Mittel in Verhandlungen mit potentiellen Geldgebern und Investoren zu bekommen, teilte das Unternehmen mit.

Der Vorstand sei bestrebt, wesentliche Unternehmensteile im Rahmen der Insolvenz zu sanieren. "Wir gehen davon aus, dass wir unseren Geschäftsbetrieb mit Unterstützung des vorläufigen Insolvenzverwalters sowie unserer Mitarbeiter im Sinne unseres Restrukturierungsprogramms fortführen können", sagte Vorstandschef Kin Wah Loh.

Qimonda-Papiere verloren im Frankfurter Parketthandel deutlich und lagen am Morgen bis zu 60 Prozent im Minus. Die Aktien des Chipherstellers sind in New York notiert. Sie waren am Vorabend um 28 Prozent auf 26 US-Cent abgestürzt. Die Aktien des Qimonda-Aktionärs Infineon gaben am Morgen um knapp acht Prozent nach.

ssu/AP/dpa/ddp/Reuters



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