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Insolvenz: BenQ-Chef fordert Handykauf aus Solidarität

Nach der Pleite der deutschen BenQ-Werke appelliert ihr Chef an Politiker und Verbraucher, zur Rettung der bedrohten Arbeitsplätze beizutragen. Jeder Kauf eines BenQ-Handys helfe den 3000 Mitarbeitern, behauptet er. Derweil hat SPD-Chef Beck dem Siemens-Chef Kleinfeld ins Gewissen geredet.

München - Es gehe darum, die 3000 Mitarbeiter zu schützen, die im vergangenen Jahr "Ungeheures geleistet" hätten, betonte der Manager Clemens Joos bei einer Pressekonferenz in München. Dazu könnten die Bundes- und Landesregierungen beitragen, aber auch die Konsumenten. Jeder Verkauf eines Handys komme "unmittelbar" BenQ mobile und seinen Mitarbeitern zugute. Es gebe noch sehr viel Know-how in dem Unternehmen, das in den nächsten Monaten gesichert werden müsse.

Deutscher BenQ-Chef Joos: "Sehr davon überrascht"
REUTERS

Deutscher BenQ-Chef Joos: "Sehr davon überrascht"

BenQ mobile hatte am Freitag Insolvenz beantragt, nachdem der taiwanesische Mutterkonzern der deutschen Tochter wegen anhaltender Verluste den Geldhahn zugedreht hatte. BenQ hatte das Unternehmen erst im vergangenen Jahr von Siemens erworben.

Joos: Zusagen zurückgenommen

Joos sagte, seiner Meinung nach sei die Restrukturierung von BenQ mobile zu 70 Prozent abgeschlossen gewesen. Das Unternehmen habe mittlerweile "sehr wettbewerbsfähige" in Deutschland hergestellte Geräte auf dem Markt. Die gesamte Belegschaft habe sich darauf gefreut, im Weihnachtsgeschäft auch die Früchte der Arbeit der vergangenen Monate zu ernten.

BenQ mobile sei "sehr davon überrascht" worden, dass die Muttergesellschaft "trotz vorheriger Zusagen" die Restrukturierungsaufwendungen nicht mehr aufbringen wolle.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Martin Prager betonte auf derselben Pressekonferenz, eine Insolvenz müsse nicht das Ende eines Unternehmens bedeuten. Die Voraussetzungen, zunächst bis Ende Dezember weiter produzieren zu können, seien gut. Zu den Aussichten, das Unternehmen über das Jahresende hinaus zu retten, lasse sich derzeit noch nichts sagen. "Das Unternehmen muss ab 1. Januar profitabel sein, sonst kann es der Insolvenzverwalter nicht fortführen."

Nötig sei dafür ein Käufer, der sich zutraue, das Geschäft weiterzuführen. "Ob wir den kriegen, wird die Zukunft zeigen", sagte Prager. Er sei aber bereits "von Leuten angesprochen worden, die mit uns Gespräche führen wollen".

Joos sagte, bei einem Verkauf zwecks Fortführung könne er sich auch Teillösungen vorstellen. Die Servicegesellschaften und andere Teile seien sehr stark. Prager will allerdings zunächst versuchen, das Unternehmen als Paket zu verkaufen: "Für den Insolvenzverwalter ist eine Gesamtlösung ideal. Wir brauchen einen Käufer, der sich zutraut, das weiterzuführen."

Joos verteidigte Siemens gegen den Vorwurf der Gewerkschaften, die Handysparte mit dem Verkauf an BenQ kaltblütig ans Messer geliefert zu haben. "Ich weiß, dass Siemens damals befürchtet hat, dass das passiert, was jetzt passiert ist - und das war nicht gewünscht!" sagte Joos, der früher bei Siemens gearbeitet hatte. Prager sagte, ob es Ansprüche gegenüber Siemens gebe, beschäftige ihn nicht: "Das ist bei mir nicht auf dem Radar."

Beck wendet sich an Siemens

Die Patentsituation ist dem Insolvenzverwalter zufolge "verworren". Ein Teil der Patente sei auf das insolvente deutsche Unternehmen angemeldet, ein Teil auf BenQ in Taiwan, ein Teil auf beide. Auf die Frage, ob sich mit den verfügbaren Patenten das Geschäft weiterführen lasse, habe er noch keine Antwort.

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck hat sich in den Fall eingeschaltet. Er habe mit dem Vorstandschef des früheren Eigentümers Siemens, Klaus Kleinfeld, telefoniert und von ihm auch Zusagen erhalten, sagte Beck auf einer SPD-Konferenz in Berlin. Kleinfeld habe ihm unter einem Rechtsvorbehalt zugesagt, dass Siemens den von Entlassung bedrohten BenQ-Mitarbeitern auch finanziell helfen wolle.

Geprüft werden solle auch, ob diese Mitarbeiter in Siemens-Firmen übernommen werden könnten. Nach Becks Worten muss die Insolvenz in geordnete Bahnen geführt werden. Siemens habe für seine ehemaligen Mitarbeiter weiterhin Verantwortung.

Linkspartei-Chef Lothar Bisky hat die BenQ-Pleite als ein Negativbeispiel der Globalisierung kritisiert. Das Vorgehen des taiwanesischen Elektronik-Konzerns und von Siemens sei "gemein und hinterhältig", sagte Bisky in Hannover. "Man kann den großen Unternehmen nicht glauben, ihnen geht es nur um die Rendite". Die Hintergründe der Pleite der früheren Siemens Handy- Sparte müssten aufgeklärt werden. Die betroffenen Beschäftigten verdienten solidarische Unterstützung.

Siemens zahlte mehr als bekannt an BenQ

Nach einem Zeitungsbericht hat Siemens-Chef Klaus Kleinfeld BenQ bei der Übernahme der Handy-Sparte sogar noch deutlich mehr Geld bezahlt als bisher angenommen. Als der Siemens-Chef im Juni vorigen Jahres BenQ öffentlich als Partner präsentiert habe, seien noch nicht alle vertraglichen Einzelheiten unterschrieben gewesen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" unter Berufung auf Unternehmenskreise. Daraufhin hätten die Taiwaner Siemens förmlich erpresst und einen kräftigen Aufschlag gefordert. Um sein Gesicht zu wahren und das Geschäft nicht platzen zu lassen, habe Kleinfeld "Geld nachschießen" müssen.

Im Konzernabschluss 2005 ist dies dem Blatt zufolge im Kleingedruckten nachzulesen. Den Verlust aus dem Verkauf der Handy-Sparte beziffere Siemens dort auf 546 Millionen Euro; "hiervon sind 413 Millionen Euro direkt BenQ zuzuordnen", zitiert die "FAS". Zudem sei im Jahr 2006 mit weiteren "Nettozahlungsmittelabflüssen von etwa 500 Millionen Euro" zu rechnen. Bisher war stets von einer Mitgift von etwa 300 Millionen Euro an BenQ die Rede. Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer bezifferte den Betrag zuletzt auf 350 Millionen Euro.

itz/ddp/AP/dpa/afp

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