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Intelligente Stromzähler: Waschen, wenn die Sonne scheint

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Intelligenter Stromzähler: Strom aus dem Netz beziehen, wenn er besonders günstig ist Zur Großansicht
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Intelligenter Stromzähler: Strom aus dem Netz beziehen, wenn er besonders günstig ist

Die Waschmaschine wartet mit dem Schleudern, bis der Strom billig ist: Dank der Energiewende werden intelligente Stromzähler und Haushaltsgeräte plötzlich zur Schlüsseltechnologie. Aber was ist mit dem Datenschutz?

Hamburg - Helmut Poggensee hebt sein graues Handy in die Luft und macht eine Kunstpause. "Vor zwanzig Jahren konnte sich noch niemand vorstellen, dass wir mal von überall telefonieren können. Jetzt hat jeder so ein Teil. Genauso wird es auch mit Smart Meters sein." Folgt man der Analogie des 66-Jährigen, ist der graue Kasten mit der Digitalanzeige neben seiner Haustür in Hamburg-Wilhelmsburg das Nokia 3210 unter den Stromzählern. Hässlich, klobig - aber der Beginn einer technischen Revolution.

Ein sogenannter Smart Meter, also ein intelligenter Zähler, soll Strom aus dem Netz beziehen, wenn dieser besonders günstig ist. Ist es dem Verbraucher egal, ob seine Waschmaschine um sechs oder um zehn Uhr läuft, kann er so seine Stromkosten senken.

Vor allem aber sollen die Zähler ein Grundproblem der Energiewende lösen: Windkraftwerke und Solarzellen produzieren nicht unbedingt dann den meisten Strom, wenn Haushalte ihn brauchen. Bis 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energien nach dem Plan der Bundesregierung von derzeit rund 20 auf 35 Prozent steigen, bis 2050 sogar auf 80 Prozent. Doch dass irgendwann Millionen Verbraucher nachts aufstehen, um Spülmaschine und Trockner anzuschalten, ist kaum vorstellbar. Nur wenn die Zähler den Verbrauch teilweise eigenständig steuern, kann der Stromverbrauch der deutschen Haushalte an das neue Energiezeitalter angepasst werden.

"Das ist aber Zukunftsmusik", sagt Eric Kallmeyer von Vattenfall. Um mit Geräten zu kommunizieren, müssten nicht nur die Zähler weiterentwickelt werden, sondern auch entsprechende Haushaltsgeräte angeboten werden. Die Branche kommt aber erst langsam in Gang. Bisher gehe es beim Smart Metering vor allem um Transparenz für die Verbraucher: Der Zähler, den der Hamburger Energieversorger im Rahmen eines Pilotprojekts kostenlos im Haus von Helmut Poggensee installiert hat, ermöglicht eine auf fünf Minuten genaue Ablesung des Stromverbrauchs - auch über das Internet.

Kaum jemand interessiert sich für eine Auswertung des Stromverbrauchs

Vorerst müssen die Kunden das Stromsparen also selbst in die Hand nehmen. Helmut Poggensee, selbst Elektriker in Rente, tut das mit Begeisterung: "Nach 20 Jahren haben wir uns endlich eine neue Mikrowelle angeschafft. Die verbraucht einen Bruchteil der alten", erklärt der Mann mit dem sorgfältig über den Kopf gekämmten grauen Haar stolz. Und sein Teewasser kocht der Hamburger nun mit dem elektrischen Wasserkocher statt auf dem Herd.

So fleißig wie der Rentner verfolgen nur wenige ihren Stromverbrauch. Studien zufolge wünscht sich zwar eine große Mehrheit der Stromkunden eine exakte Aufschlüsselung ihres Verbrauchs. Doch von den 10.000 Haushalten, die Vattenfall in ein entsprechendes Projekt im Märkischen Viertel in Berlin einband, nahmen nur 800 überhaupt die Möglichkeiten zur Visualisierung ihres Verbrauchs in Anspruch. "Wir geben nur die Plattform, die Analyse muss der Kunde durchführen", sagt Vattenfall-Experte Kallmeyer .

Bald aber könnten die Daten, die bisher noch nicht mal die Verbraucher selbst abfragen, auf unerwünschtes Interesse stoßen. Wer sich auskennt, kann von den Verbrauchskurven ablesen, wann der Fernseher lief oder für die Dusche warmes Wasser erhitzt wurde. Kämen Arbeitgeber in den Besitz der Daten, könnten sie beispielsweise nachfragen, warum der Angestellte während seiner zwei Wochen Krankheit offenbar kaum daheim war. Und das Finanzamt würde vielleicht interessieren, wie die hohe Stromrechnung mit dem niedrigen in der Steuererklärung angegebenen Einkommen bezahlt werden kann.

"Sehr gute Datenschutzansätze"

Katharina Schlender, Expertin für intelligente Stromzähler beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz, teilt diese grundsätzlichen Bedenken nicht. Das aktuelle Schutzprofil, das das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) den Herstellern der Stromzähler vorschreibt, "enthält schon sehr gute Datenschutzansätze". Durch die Vorgaben sei sichergestellt, dass nur jene Zugang zu der Dokumentation des Stromverbrauchs erhalten, die sie für die Abrechnung benötigen, sagt Schlender.

Auch Ulrich Greveler, Datenschutzexperte an der Hochschule Rhein-Waal, sieht beim Datenschutz von Smart Meters große Fortschritte. 2011 noch hatte Greveler in einer Studie gezeigt, wie einfach die damaligen Stromzähler auszulesen waren. Das neue Schutzprofil schreibe den Herstellern der Stromzähler nun aber die verschlüsselte Übertragung vor, womit die Daten vor Hackern zum Beispiel sehr sicher seien. Handlungsbedarf sieht Greveler eher bei der Speicherung: Die Daten zu Abrechnungszwecken würden binnen Minuten übertragen. "Der Gesetzgeber muss Druck auf die Energieversorger ausüben, sie auch nicht länger zu speichern", sagt der Informatikprofessor.

Helmut Poggensee sieht diese Gefahr ohnehin ganz gelassen. "Was kann man denn daraus wirklich ablesen?", fragt er und wedelt mit dem Zettel, auf dem die Verbrauchskurve für sein Häuschen steht. "Aus jedem Durchschlag einer Überweisung erfährt man mehr über mich."

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insgesamt 373 Beiträge
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1. Eine weitere Gängelung
nana22 15.04.2013
Ich gehe lieber spazieren wenn die Sonne scheint. Wer will schon sein Leben nach den günstigsten Stromtarifen ausrichten müssen.
2. Und..
bob27.3. 15.04.2013
Zitat von sysopDPADie Waschmaschine wartet mit dem Schleudern, bis der Strom billig ist: Dank der Energiewende werden intelligente Stromzähler und Haushaltsgeräte plötzlich zur Schlüsseltechnologie. Aber was ist mit dem Datenschutz? http://www.spiegel.de/wirtschaft/intelligente-stromzaehler-sollen-spitzen-beim-energieverbrauch-glaetten-a-893910.html
..das Ganze gekoppelt mit einer Photovoltaik Anlage auf dem Dach kann man richtig Strom und Geld sparen!
3. so ein bloedsinn
Nonvaio01 15.04.2013
Zitat von sysopDPADie Waschmaschine wartet mit dem Schleudern, bis der Strom billig ist: Dank der Energiewende werden intelligente Stromzähler und Haushaltsgeräte plötzlich zur Schlüsseltechnologie. Aber was ist mit dem Datenschutz? http://www.spiegel.de/wirtschaft/intelligente-stromzaehler-sollen-spitzen-beim-energieverbrauch-glaetten-a-893910.html
denn der Endnutzer hat immer den gleichen Strompreis, die einzigen die profitiren sind die Konzerne, die geben den preis aber nicht an den Kunden weiter. In Irland haben wir den nacht Tarif, da ist der Strom billiger, Waschmaschine und Geschirrspueler sowie Heisswasserbeuler laufen bei mir nur nachts.
4. Unsinn
meinmein 15.04.2013
Ich zahle 30 Euro im Monat für Strom.Was kann ich da noch sparen, bloß weil ich meine Wäsche nachts schleudere? Man spart am meisten, wenn man sich nicht jeden Technikmist anschafft. Mit Konsumverzicht in allen Bereichen spart man Hunderte.
5. klar, schleudern
ctwalt 15.04.2013
wen interessiert schon die deutlich höhere Stromaufnahme beim Wasser aufheizen......
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