Internationaler Vergleich Deutsche Arbeitskosten klettern kaum

Von wegen Spitzenreiter: Die Arbeitskosten in Deutschland steigen im EU-Vergleich wenig und liegen nur noch im Mittelfeld. Das ist das Ergebnis einer Studie der gewerkschaftsnahen Stiftung IMK. Von dem unternehmernahen Institut der deutschen Wirtschaft kommt Kritik.


Düsseldorf - Für die einen ist es ein Problem, für die anderen schlicht wünschenswert: Im vergangenen Jahr seien die Arbeitskosten in Deutschland nur um 1,1 Prozent gestiegen, teilte das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) heute in Düsseldorf mit. Gleichzeitig habe der Zuwachs in der EU im Schnitt bei 2,9 Prozent gelegen. Damit setze sich ein seit Mitte der neunziger Jahre anhaltender Trend fort. "Eine deutsche Spitzenstellung bei den Arbeitskosten, wie sie bisweilen behauptet wird, ist nicht zu erkennen", erklärte Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des IMK.

Ein Containerschiff beim Beladen: "Niedrige Arbeitskosten beflügeln den Export"
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Ein Containerschiff beim Beladen: "Niedrige Arbeitskosten beflügeln den Export"

Wie der internationale Vergleich ergab, liegt Deutschland bei den Arbeitskosten insgesamt in der privaten Wirtschaft mit 26,70 Euro je Stunde im Mittelfeld. An der Spitze stehen Dänemark und Schweden mit durchschnittlich 32,50 Euro, es folgen Luxemburg, Belgien und Frankreich, wo Arbeitgeber im Schnitt ebenfalls jeweils über 30 Euro pro Arbeitsstunde aufwenden müssen. Am wenigsten mussten Arbeitgeber in Industrie und bei privaten Dienstleistungen je Stunde in Tschechien (7,37 Euro), Ungarn (6,24) und Polen (6,03) bezahlen.

Aufgeteilt nach verarbeitendem Gewerbe und Dienstleistungsbranche verschieben sich laut IMK-Studie die Positionen Deutschlands deutlich. Durchschnittliche Arbeitskosten von 30,90 Euro in der deutschen Industrie bedeuten gleichauf mit Frankreich Rang vier hinter Belgien, Dänemark und Schweden und deutlich mehr als der Durchschnitt von 27,10 Euro im Euroraum.

Dagegen liegen die Durchschnittskosten im Dienstleistungsbereich nur bei 24,50 Euro die Stunde, was abgeschlagen von der Spitze Rang zehn in Europa bedeutet. Dies sind zudem nur wenig mehr als der Durchschnitt von 24,10 Euro im Euroraum. Die Forscher nannten die Spreizung zwischen den Arbeitskosten und Löhnen im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich mit 20 Prozent im internationalen Vergleich ungewöhnlich groß. Um die teilweise extrem niedrigen Löhne bei den Dienstleistern zu steigern, sei das Gerüst eines gesetzlichen Mindestlohns nötig.

"Auf der Lohnseite ist in Deutschland bislang sehr wenig passiert, so dass wir die Position als Land mit kostenintensiver Arbeit verlieren", sagte Horn zu SPIEGEL ONLINE. Das sei aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht begrüßenswert, weil die Binnennachfrage noch weiter nachlassen wird. "Andererseits stärkt es aber auch die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands - die niedrigen Arbeitskosten haben die Exporte sogar beflügelt. Insofern kommt die Studie zu einem ambivalenten Ergebnis."

Diese Analyse wird allerdings nicht von allen Wirtschaftsexperten geteilt: "In den Augen des IMK ist die günstige Arbeitskostenentwicklung in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern ein Problem", sagt Michael Hüther, Direktor des Institus der Deutschen Wirtschaft Köln, zu SPIEGEL ONLINE. "Für das IW hingegen ein wichtiger Beitrag zum Erfolg der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt und am Arbeitsmarkt."

Vom IW kommt aber auch Kritik an der Methodik der Studie. "Das IMK behandelt in seiner Analyse die Auszubildenden wie normale Arbeitnehmer", sagte Hüther. Das verbessere die Position Deutschlands im internationalen Vergleich - weil die Durchschnittslöhne dadurch sinken. Auch dass das IMK nicht zwischen Ost- und Westdeutschland differenziert, stößt Hüther auf. "Wir halten das aufgrund der nach wie vor erheblichen Unterschiede und der unverändert besonderen wirtschaftlichen Aspekte der Transformation in den neuen Ländern für notwendig", so der Arbeitsmarktexperte.

sam/kaz/AFP/dpa



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