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Internationales Börsenbeben: Ökonomen warnen vor Panik

Lässt sich ein globales Finanz-Fiasko noch verhindern? Über 150 Milliarden Euro hat alleine die EZB in den letzten Tagen in den Markt gepumpt. Ökonomen versuchen, die Märkte mit dem Hinweis auf die stabile Weltkonjunktur zu beruhigen. Doch an den Börsen grassiert die Angst.

New York - Zum Wochenende verabreicht der Internationale Währungsfonds (IWF) den kränkelnden und zitternden Börsen eine Beruhigungsspritze: Den Turbulenzen an den Weltmärkten zum Trotz - hervorgerufen durch die US-Immobilien- und Hypothekenkrise - sei das starke Wachstum der Weltwirtschaft nicht ernsthaft in Gefahr. Die Auswirkungen der Turbulenzen seien kontrollierbar, die Fundamentaldaten weiterhin gut.

In Deutschland warnte der Wirtschaftsweise Bert Rürup vor Panik: "Noch sehe ich keine gravierenden Auswirkungen auf die robuste Konjunktur in Deutschland", sagte Rürup der "Berliner Zeitung". "Die Krise wird auf die Finanzmärkte beschränkt bleiben, zumal sich die Europäische Zentralbank außerordentlich klug verhält und den Markt ausreichend mit Liquidität versorgt. Der Aufschwung sollte deswegen intakt bleiben."

Der Bundesverband der Deutschen Industrie zeigte sich ebenfalls optimistisch: "Der Konjunktur in Deutschland und Europa drohen durch die US-Immobilienkrise an den Aktienmärkten keine unmittelbaren Gefahren", sagte BDI-Volkswirt Reinhard Kudiß der Zeitung. Ganz anders dagegen schätzt der Finanzmarktexperte Wolfgang Gerke die Lage ein: "Es ist eine reale Gefahr da, wenn die Krise sich noch ausweitet. Dann sind Dominoeffekte denkbar. Eine Wachstumsbremse von 0,5 bis 1 Prozentpunkt ist da schnell möglich", sagte Gerke in einem Interview der "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung".

Während sich die Experten noch derart über die Folgen der Krise streiten, haben rund um den Globus die Notenbanken kurz vor dem Wochenende noch einmal Milliardensummen in das Bankensystem gepumpt, um die tief verunsicherten Anleger zu beruhigen. Allein die US-Notenbank Fed stellte in immer neuen Tranchen insgesamt 38 Milliarden Dollar zur Verfügung. Zuvor hatte schon die EZB dem Markt zusätzliche Finanzmittel über 156 Milliarden Euro angeboten.

Es ist das erste Mal seit den Terroranschlägen am 11. September 2001, dass sich die europäische Notenbank zu solchen so genannten Schnelltendern gezwungen sieht. Auch die japanische Notenbank sowie die Zentralbanken von Australien, Singapur, Kanada, Norwegen und der Schweiz stellten Gelder zur Verfügung. "Wenn sich Notenbanken rund um den Globus zu so etwas veranlasst sehen, dann ist Feuer unter dem Dach", kommentierte Händler Dirk Müller von IFC-Kursmakler das Geschehen.

Die Notenbanken wollen damit einem starken Anstieg der Zinssätze am Geldmarkt entgegentreten, der eine Versorgung der Finanzinstitute mit frischem Geld erheblich verteuern würde. Anleger fürchten, dass sich die am US-Markt für schlechter besicherte Hypothekenkredite begonnene Liquiditätskrise auf andere Bereiche ausdehnen und die Banken in Finanzierungsnöte bringen könnte.

Derweil kommen immer neue Details der Kreditkrise ans Licht: So hat der "Financial Times" zufolge auch die weltgrößte Bank Citigroup in den vergangenen Wochen mehr als 500 Millionen Dollar im "Kreditgeschäft" verloren. Ein Firmensprecher war zunächst nicht für einen Kommentar erreichbar. In Deutschland sind nach der Mittelstandsbank IKB auch die WestLB und die SachsenLB in den Verdacht geraten, dass sie an den risikoreichen Investments am US-Immobilienmarkt beteiligt waren.

Vorwürfe gegen Ratingagenturen und die Fed

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Die Anleger zeigten sich zum Wochenschluss tief verunsichert durch das Geschehen an den Börsen und das Eingreifen der Währungshüter. Der Dow Jones Chart zeigen wurde durch die Finanzspritzen der Fed zwar positiv beeinflusst, schloss aber dennoch um 31,14 Punkte oder 0,23 Prozent auf 13.239,54 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq Chart zeigen ging um 11,60 Punkte oder 0,45 Prozent zurück auf 2.544,89. Der EuroStoxx 50 Chart zeigen ging mit einem Minus von 2,66 Prozent auf 4161,29 Zähler aus dem Handel. Auch die Börsen in London und Paris verzeichneten deutliche Verluste. Der Londoner Aktienindex FTSE 100 Chart zeigen verlor zeitweilig 3,1 Prozent und näherte sich den 6000 Punkten an. Der Dax Chart zeigen verlor bis zum Freitagabend 1,48 Prozent auf 7343,26 Punkte. Zeitweise ging es für den Leitindex bis auf 7293 Zähler runter. Der MDax Chart zeigen der mittelgroßen Werte gab 2,65 Prozent auf 9931,75 Zähler ab. Der TecDax Chart zeigen verlor 3,71 Prozent auf 882,23 Zähler.

Für den Finanzmarktexperten Gerke sind die Schuldigen der Krise schon ausgemacht: Selbst die Profis hätten ihre Geschäfte mit den so genannten subprime loans - also mit Kreditgeschäften bei Kunden mit niedriger Bonität - gnadenlos übertrieben. Über Jahre hatten Drückerkolonnen sozial schwachen Amerikanern Immobilienkredite verkauft, bei denen klar war, dass sie kaum zurückgezahlt werden können. Amerikanische Banken und Bausparkassen hatten genau diese Kredite dann aber an Investoren weitergereicht, die die Darlehen in Form komplexer Pakete an den Kapitalmarkt brachten. "Gier hat Vernunft geschlagen - und zwar auch bei den Profis", schlussfolgert Gerke. Dabei habe es vor der Krise an Warnungen nicht gemangelt: "Etliche Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Es ist falsch, jetzt zu behaupten, die Risiken und Probleme seien nicht absehbar gewesen."

Aber auch die amerikanische Notenbank hat nach Einschätzung von Analysten nicht richtig auf die Krise reagiert. "Sie hätte eindeutige Signale geben müssen, dass sie die Sache im Griff hat", sagt Jens Ehrhardt, Vermögensverwalter und Fondmanager der gleichnamigen Fondsgesellschaft. Stattdessen habe man bestimmte Fonds einfach pleite gehen lassen und dabei zugesehen, wie Investoren ihre Gelder abgezogen hätten. "Da ist der Eindruck entstanden: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff."

Unter Druck geraten auch die Ratingagenturen, die die Bonität von Unternehmen überprüfen: Weil sie die Kreditpakete insgesamt zu hoch bewerteten und diese Ratings erst Mitte Juli absenkten - dann aber gleich so stark, dass es zu massiven Kurseinbrüchen kam. "Das Problem ist seit Herbst letzten Jahres bekannt und wird seit Monaten intensiv diskutiert. Trotzdem haben die Ratingagenturen nicht reagiert", sagt Hendrik Leber, Fondsmanager und Geschäftsführer der Investmentberatung Acatis. Er gehe deshalb davon aus, dass es massive Schadensersatzklagen gegen die Ratingagenturen geben wird.

ase/AP/dpa/Reuters

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