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Interne Papiere im Mülleimer: Datenschützer prüfen geheime Krankenakten bei Lidl

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Der neue Datenskandal bei Lidl beschäftigt die Aufsichtsbehörden: Datenschützer haben dem Unternehmen eine lange Frageliste zugestellt und ihm eine Frist gesetzt. SPIEGEL ONLINE hatte zuvor aufgedeckt, dass der Discounter systematisch die Krankheitsgründe von Mitarbeitern erfasste.

Hamburg - Lidl gerät in der jüngsten Affäre um den Fund von Mitarbeiterdaten unter Druck: Der Landesbeauftragte für den Datenschutz in Baden-Württemberg, Günter Schedler, hat nach Informationen von SPIEGEL ONLINE als bundesweiter Koordinator am Montagmittag eine lange Liste mit Fragen an die Lidl-Zentrale in Neckarsulm geschickt, die das Unternehmen bis Ende kommender Woche beantworten muss.

Lidl-Filiale: Krankheitsgründe aufgelistet
Getty Images

Lidl-Filiale: Krankheitsgründe aufgelistet

Hintergrund der Anfrage: Am Samstag hatten der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE darüber berichtet, dass der Discounter Krankheiten von Mitarbeitern in firmeninternen Unterlagen festgehalten hat - obwohl das arbeitsrechtlich bedenklich ist. Der Fall wurde durch einen Zufallsfund in einer Mülltonne einer Autowaschanlage in Bochum bekannt.

Der Datenschutzbeauftragte will nun unter anderem über das Ausmaß und den Zweck der Krankenakten informiert werden. Zwar könne es Gründe geben, dass ein Arbeitgeber über die Art der Krankheit informiert werden müsse, so Schedler, etwa um anstrengende Tätigkeiten nach einem Rückenleiden zu verhindern. Doch das im SPIEGEL abgedruckte Dokument eines Lidl-Krankenstandsprotokolls zeige, dass offenbar alle Mitarbeiter einer Filiale mit ihren Krankheitsgründen aufgelistet wurden.

Unter anderem war von einer Frau die Rede, die eine erfolglose künstliche Befruchtung hinter sich hatte, und von einer anderen Mitarbeiterin, die in einer neurologischen Klinik in stationärer Behandlung war. Lidl hat die Existenz der Krankendaten inzwischen zugegeben, aber erklärt, die entsprechenden Formulare würden seit Anfang 2009 nicht mehr verwendet.

Allerdings handelte es sich beim dem Fund in der Bochumer Mülltonne um Kopien. Nicht beantworten mochte Lidl dem SPIEGEL bisher, wo die Originale dieser Unterlagen aufbewahrt werden und wie viele Kopien es jeweils gibt.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, hatte bereits Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Krankenprotokolle geäußert: "Dass man bei der Prüfung zu dem Ergebnis kommt, dass das unzulässig ist, halte ich für ziemlich wahrscheinlich." Mit Blick auf die Kopien erklärte Schaar dem SPIEGEL: "Wenn es sich um Kopien handelt, muss man fragen, ob es in dem Unternehmen womöglich graue oder schwarze Personalakten gibt, wo Dinge vermerkt werden, die nicht in der offiziellen Personalakte stehen. Das wäre ein kritischer Punkt."

Der jetzt zuständige Datenschützer Günter Schedler kennt Lidl bestens. Er hatte bereits die Federführung im Verfahren gegen das Unternehmen im vergangenen Jahr. Damals musste der Lebensmittel-Multi eine Geldbuße von mehr als einer Million Euro zahlen, weil er in mehreren hundert Filialen heimlich Mitarbeiter durch Detektive überwachen ließ und deren Privatleben in Akten festhielt.

Auch die Landesbeauftragte für den Datenschutz in Nordrhein-Westfalen kümmert sich seit Montag um den Fund der Lidl-Unterlagen, zumal die mehr als 300 Seiten firmeninterner Papiere in Bochum gefunden wurden. Nach einem Bericht der "Heilbronner Stimme" soll der Mitarbeiter, der die Unterlagen offenbar entsorgt hatte, inzwischen fristlos gekündigt worden sein.

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Forum - Neuer Lidl Skandal- wie steht es um das Image des Unternehmens?
insgesamt 638 Beiträge
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1. wird immer besser
catman, 04.04.2009
Moin, für mich bedeutet so ein Vorgehen; Nicht mehr dort kaufen - ganz einfach! Wenn sich jeder - der sich über dieses Vorgehen aufregt - dran hält, wird es sicherlich abgestellt. Wo leben wir eigentlich; Jedes Unternehmeb und jede Firma kann machen, was sie wollen. Aber die meisten regen sich auf, und keiner tut was dagegen, was mir allerdings auch zeigt, das es der Bevölkerrung ganz gut geht. lg Harry
2. was soll daran bitte "bedenklich" sein?
Fensterladen 04.04.2009
Zitat von sysopDer Discounter Lidl hat die Krankheiten von Mitarbeitern in firmeninternen Unterlagen festgehalten - obwohl das arbeitsrechtlich bedenklich ist. Das zeigt: Auch ein Jahr nach dem Spitzelskandal kämpft der Billiganbieter mit seiner Firmenkultur. Wie steht es um das Image des Unternehmens? Diskutieren Sie mit.
Ich bin sicher, dass in JEDER grösseren Firma (bei KLEINEREN hat s der PErsonalchef vermutlich eh im Gedächtnis) solche Krankheitsaufzeichnungen geführt werden! Schliesslich wirkt sich das ja auf das Arbeiten/Einschränkungen des Angestellten aus. Warum sollte denn sowas nicht aufgezeichnet werden? Man kanns auch übertreiben und allmählich wirds echt LÄCHERLICH ...der Datenschutz für Angestellte ist an ganz ANDEREN Stellen in Betrieben "gefährdet" als bei Dingen, die eh jeder schon WEISS (oder glaubt jemand, nur weil die Krankheiten nicht irgendwo in iene Liste geschrieben werden, VERGISST sie der Vorgesetzte oder Personalchef? LOL...
3.
Breen 04.04.2009
Wofür Lidl (berechtigterweise) am Pranger steht, ist in vielen anderen Unternehmen in diesem Land gang und gäbe. Das Gewinsel der Writschaft, es fehlten die Fachkräfte, gewinnt einen unfreiwillig komischen Beigeschmack. Wer tut sich den bitteschön freiwillig solche Arbeitsbedingungen an? Man kann hier, den Versagern aus Politik und Wirtschaft (=Eliten) sei Dank, weder leben noch arbeiten. Auf ein baldiges und endgültiges Nimmerwiedersehen, Bundesrepublik!
4.
bammy 04.04.2009
Zitat von sysopDer Discounter Lidl hat die Krankheiten von Mitarbeitern in firmeninternen Unterlagen festgehalten - obwohl das arbeitsrechtlich bedenklich ist. Das zeigt: Auch ein Jahr nach dem Spitzelskandal kämpft der Billiganbieter mit seiner Firmenkultur. Wie steht es um das Image des Unternehmens? Diskutieren Sie mit.
Wo haben Die die Daten her? Ohne Einverständnis des Betroffenen geht gar nichts. Es sei denn, er hat es selber angegeben.
5. Überwachung anderer
carlosowas, 04.04.2009
Es ist halt so, wie ich das schon seit Jahren immer wieder hier schreibe: Die einfachste Tätigkeit und dazu noch unheimlich interessant ist, andere zu überwachen. Das war schon immer und überall so. Und deshalb drängen so viele in diese Berufe. Vorschriften, Gesetze usw. erlassen und dafür sorgen, dass diese eingehalten wird. Überlegen Sie mal, ob Sie in Ihrem eigenen Beruf nicht wenigstens teilweise auch mit Überwachung im weitesten Sinne beschäftigt sind. Wir können uns das auch leisten, weil wir so viele Automaten und Maschinen haben, die für uns die wirklich notwendige Arbeit ohne zu murren machen.
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