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Internet-Krimi: David gegen Google

Aus San Francisco berichtet

In San Francisco bahnt sich ein Dotcom-Krimi an: Das kleine Internet-Startup Powerset, das noch weitgehend geheim arbeitet, will mit einer neuen Such-Technologie Google vom Thron stürzen. Erste Investoren sind begeistert.

San Francisco - Das Bürogebäude 475 Brannan Street in San Francisco, im trendigen Soma-Viertel südöstlich der Downtown, macht von außen keinen bemerkenswerten Eindruck. Das frühere Lagerhaus beheimatet diverse kleine Companys: eine Immobilienagentur, eine Marketingfirma, ein Unternehmen zur Datenverschlüsselung. Ein Drittel der Büros ist verwaist. Vor dem Eingang gibt es sogar freie Parkplätze - ein seltener Luxus in dieser Stadt.

Google-Herausforderer Pell, Newcomb, Thione (von links): "Technologische Revolution"
Marc Pitzke

Google-Herausforderer Pell, Newcomb, Thione (von links): "Technologische Revolution"

Im dritten Stock jedoch nimmt etwas seinen Lauf, was sie dort als "technologische Revolution" bezeichnen. Kein Türschild deutet darauf hin, kein Logo, kein Name. Nicht mal der Pförtner weiß Bescheid: "Können Sie mir sagen, was die eigentlich machen?", fragt er.

Der mysteriöse Mieter ist ein Startup namens Powerset, und dessen Team mochte in der Tat bisher lieber inkognito arbeiten - "unter der Tarnkappe", wie sie sagen. Denn Powerset hat nichts anderes vor, als Google, den König des Internets, vom Thron zu stürzen. Powerset gegen Google, David gegen Goliath: In San Francisco bahnt sich ein Dotcom-Krimi an.

Versucht haben das schon viele, geglückt ist es noch keinem. Der Marktanteil von Google steigt und steigt, auf zuletzt 63 Prozent. Da stellt sich die Frage: Was ist Powerset? Und: Woher nehmen die die Chuzpe - und das Geld?

Der "heilige Gral" des Dotcom-Booms

"Powerset greift nach dem heiligen Gral", staunte der Tech-Blog "Venture Beat", als er von der Sache Wind bekam. Wie das gehen soll, verrät Powersets Chief Operating Officer (COO) Steve Newcomb: "Wir erfinden die Internet-Suchmaschine neu", sagt er über die Technologie, mit der Powerset seinen Angriff Mitte des Jahres starten will. "Höchste Zeit, dass jemand den Mumm dazu hat."

Newcomb ist ein munterer 37-Jähriger, der, wie so viele im Silicon Valley, jünger aussieht. In Jeans und Trainingsjacke begrüßt er den Besucher in einem hellen Eckbüro mit Skyline-Blick. Erst im Januar sind sie eingezogen. In den Gängen stehen Kartons. Wände sind unverputzt, Stromkabel liegen frei. Viele Schreibtische sind noch leer, ebenso ein "Spieleraum". Die Revolution, im Rohbau.

Gerade mal drei Dutzend Mitarbeiter zählt Powerset bisher. Auch wenn pro Monat rund sieben neue hinzukommen, sind das immer noch viel weniger als Googles Heer aus fast 8000.

Für Newcomb ist dies bereits das fünfte Startup und das zweite, das er als Mitgründer steuert. "Alle waren erfolgreich", prahlt der Dotcom-Veteran und Hobbyfotograf.

"Dies ist die Zukunft"

Auch Newcombs zwei Gründerkollegen haben es in sich. Powerset-CEO Barney Pell, 38, ist ein alter Hase: Der quirlige Mann mit der Halbglatze gilt als Top-Spezialist für Artificial Intelligence (AI) und elektronische Spracherkennung. In dieser Rolle hat er auch schon für die Nasa gearbeitet, etwa an der Raumsonde "Deep Space 1", für die er ein Steuersystem erfand. Der gebürtige Italiener Lorenzo Thione, 28, der als Produktarchitekt Powersets "anderes, besseres Sucherlebnis" entwirft, ist ein Computer-Linguist, der trotz seiner jungen Jahre bereits 13 Patente hält.

Powerset-Logo: "Das ist die Zukunft"

Powerset-Logo: "Das ist die Zukunft"

Diese Brainpower allein wäre ohne eine durchschlagende Technologie natürlich wertlos. "Natural Language Search" heißt die: eine Suchtechnologie fürs Internet, die nicht auf reine Stichworte reagiert, sondern konkrete Fragen und Sätze intelligent interpretieren kann - so komplex die auch sein mögen. Seit über 30 Jahren schon beißen sich die Forscher daran die Zähne aus. Powerset glaubt nun, den gordischen Knoten zerschlagen zu haben.

Und zwar mit Hilfe des Tech-Konzerns Xerox und dessen Silicon-Valley-Forschungsinstituts PARC, das bei der Entwicklung von Natural-Language-Anwendungen an vorderster Front steht. "Die Suchmaschinen von heute sind funktioniell beschränkt", weiß PARC-Direktor Mark Bernstein. "Natural Language ist die Zukunft." Oder bald schon die Gegenwart: "Diese Technologien", sagt Steve Newcomb, "sind jetzt endlich kommerziell reif."

Powerset-Chef Barney Pell demonstriert das, selbst sichtlich aufgeregt. Er setzt sich an einen großen Mac-Bildschirm mit einem Prototyp der Powerset-Suchmaschine, die parallel zu einer Google-Website geschaltet ist.

Funktioniert auch auf Deutsch

"Nehmen wir an, ich will wissen, wer irgendwann mal eine IBM-Tochterfirma gekauft hat", sagt er. Bei Google tippt er dazu auf Englisch ein: "Who acquired IBM?" Resultat: 1,42 Millionen Websites, die die Worte "who", "acquired" und "IBM" enthalten, jedoch in beliebiger Syntax. Die meisten helfen dem Fragesteller also nicht viel - etwa zahllose Seiten über Firmen, die IBM seinerseits im Laufe seiner langen Geschichte geschluckt hat.

Grund: Die Google-Technologie - die sich als fast "ultimative Antwort-Maschine" rühmt - ist nicht in der Lage, die einzelnen Worte der Frage in einen logischen Zusammenhang zu stellen. Jeder Google-Nutzer kennt dieses Dilemma: Man muss sich oft erst durch viele Links wühlen, um zu finden, was man braucht.

Bei Powerset tippt Bell nun die selbe Frage ein. Ergebnis: vier Treffer - alle korrekt. "Unsere Technologie versteht die Frage", sagt Bell. "Und gibt eine klare Antwort darauf." Das funktioniert in vielen Sprachen - auch auf Deutsch.

Andere sind daran bisher gescheitert. Zum Beispiel AskJeeves.com, die Vorgänger-Site von Ask.com: Die versuchte Ähnliches, brach aber zusammen, sobald eine Frage aufkam, die die Techniker nicht einprogrammiert hatten.

Erste Einblicke für Investoren

Google selbst blieb bisher bei seiner Stichwort-Technologie, schläft aber auch nicht. "Google hat mehrere Teams, die sich mit Natural Language befassen", sagt Google-Forschungsdirektor Peter Norvig, der früher mal Barney Pells Chef bei der Nasa war. Doch sei Natural Language nur eine von vielen Optionen, die Websuche weiter zu verbessern.

Im Februar verkündeten Powerset - das unter einem anderen, noch nicht bekannten Namen auf den Markt kommen wird - und PARC eine exklusive Lizenzvereinbarung. Eineinhalb Jahre dauerten die Geheimverhandlungen. "Jeden Tag, von morgens bis abends", erinnert sich Chef-Unterhändler Newcomb. "Der Vertrag ist so dick", fügt er hinzu und deutet mit den Händen eine fette Akte an.

Zuvor hatten Newcomb und Bell ihre Kontakte im Silicon Valley spielen lassen, vor allem zu Risikokapitalgebern. Binnen vier Tagen erhandelten sie sich so über 12,5 Millionen Dollar Startkapital. Unter den Finanziers: der frühere PayPal-CEO Peter Piel, Internet-Guru Esther Dyson ("Google ist nicht das Ende der Geschichte"), Facebook-Gründer Sean Parker und Ex-Googler Aydin Senkut. "Einige halten uns für verrückt", sagt Charles Moldow, einer der Powerset-Hauptinvestoren. "Doch im Jahr 2000 hielten viele Google für verrückt."

Eine zweite Finanzierungsrunde steht bald an. Pell entschuldigt sich, um nebenan einem potentiellen Investor ersten Einblick zu geben.

"Wir werden die Nächsten sein"

Auch gelang es Powerset, namhafte IT-Talente anzuwerben. Etwa den Erfinder Ron Kaplan, den "Albert Einstein der Natural-Language-Technologie", und Chad Walters und Jim Kellerman, zwei Top-Ingenieure von Yahoo. Powerset bietet beste Arbeitsbedingungen, etwa volle Krankenversicherung, "umgekehrte" Bonusstruktur (der Assistant bekommt mehr als der CEO), Zulage für einen Umzug nach San Francisco. Das spricht sich herum: "Wir bekommen rund 300 Bewerbungen pro Woche", sagt Newcomb. Eine eigene Computer-Software managt den Zufluss.

Reicht das alles, um Google zu stürzen? Powersets Technologie sei "alt", der Wirbel darum reiner "Hype", findet Tech-Blogger Danny Sullivan. Zu Recht habe sie sich "nie durchgesetzt und wird das wahrscheinlich auch für sehr lange Zeit nicht". Seine Prognose: "Ich habe schon viele prominente Investoren scheitern sehen, die sich für Dinge engagierten, die nicht so nützlich waren."

"Schwer zu glauben, dass jemand denkt, er könne Googles Geschäft klauen", zweifelt auch der Dotcom-Investor Randy Komisar. "Doch das Rennen aufzugeben, nur weil Google so ein Erfolg ist, hieße die Geschichte zu leugnen."

Das Powerset-Team ist unbeeindruckt von der Kritik. "Alle zehn Jahre kommt etwas daher, das den Markt auf den Kopf stellt", sagt Steve Newcomb zuversichtlich. "Google war das Letzte. Wir werden die Nächsten sein."

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