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Internetboom: US-Zeitungen verlieren dramatisch an Auflage

Amerikanische Verlage sind in Sorge: Seit 15 Jahren haben Tageszeitungen in den USA nicht mehr so viel an Auflage verloren wie in den vergangenen sechs Monaten. Die "New York Times" teilte mit, erstmals habe ihr Online-Auftritt mehr Leser als die gedruckte Ausgabe.

New York - Die Auflage der amerikanischen Tageszeitungen sank in den sechs Monaten bis Ende September im Vergleich zum Vorjahr um 2,8 Prozent - so viel wie seit 1991 nicht mehr, heißt es in einem Bericht der "New York Times". Dabei beruft sich das Blatt auf eine Studie des Audit Bureau of Circulations, das die Reichweiten der amerikanischen Medien erfasst. Erst kürzlich waren in den USA Berichte veröffentlicht worden, wonach auch die Einnahmen der US-Verlage sinken würden.

US-Zeitungen: Rekordverlust bei der Auflage, aber immer noch lukrativ
AFP

US-Zeitungen: Rekordverlust bei der Auflage, aber immer noch lukrativ

Der "New York Times" zufolge verlieren die Verlage Leser sowie Anzeigenkunden in erster Linie an das Internet. So würden Tageszeitungen in größeren Metropolregionen, in denen die meisten Häuser an das Breitbandnetz angeschlossen seien, deutlich stärker Leser verlieren als in kleineren Städten und ländlichen Gebieten, wo das Internet noch nicht so stark verbreitet sei.

Am stärksten verlor die "Los Angeles Times" - rund acht Prozent in der Werktags-Ausgabe und sechs Prozent sonntags. Der "Boston Globe", der zur "New York Times"-Gruppe gehört, verzeichnete ein Auflagenminus von 6,7 Prozent - und sogar zehn Prozent bei seiner Sonntagsausgabe. Die "New York Times" selbst verlor 3,5 Prozent; das Blatt hatte seine Auflage bisher relativ konstant halten können. Mit einem Rückgang von zwei Prozent kam das "Wall Street Journal" noch am glimpflichsten davon; die Sonntagsausgabe verlor allerdings 6,7 Prozent.

Verglichen mit dem Jahr 1984, als in den USA täglich 63,3 Millionen Zeitungen verkauft wurden, sank die Zahl der insgesamt verkauften Exemplare um etwa ein Drittel: Derzeit würden täglich nur noch 43,7 Millionen Tageszeitungen verkauft, heißt es in dem Bericht.

Experte glaubt an Zukunft der Zeitung

Schuld an der Misere ist vor allem die Konkurrenz durch das Internet. Die "New York Times" teilte mit, erstmals habe die Zahl der Online-Leser die Zahl der Leser ihrer gedruckten Ausgabe überschritten. Im dritten Quartal haben nach eigenen Angaben rund 57 Millionen Menschen die Website der Zeitung besucht. Das entspreche einem Plus von 24 Prozent im Vergleich zum dritten Quartal des Vorjahres. Auch die Einnahmen durch Online-Werbung würden zunehmen; konkrete Zahlen nannte das Blatt hier nicht.

Trotz der Abwanderungsbewegung zum Internet sehen Experten nicht das Ende der Tageszeitung nahen. "Ich glaube, dass es eine Zukunft für eine gut gemachte Tageszeitung gibt", sagte Conrad C. Fink von de University of Georgia. Kurzfristig sehe die Lage zwar düster aus und keiner wisse, was man dagegen tun könne. Aber langfristig habe die Tageszeitung durchaus einen Platz auf dem Medienmarkt, sagte der Experte für Medienmanagement.

Obwohl die Einnahmen im Online-Bereich zunehmen würden, machten sie nur einen kleinen Teil der Gewinne der Zeitungsverlage aus, sagte Analystin Lauren Rich Fine von Merrill Lynch. Ihrer Meinung nach würde es noch mindestens zwei Jahrzehnte dauern, bis die Online-Erlöse auch nur die Hälfte aller Einkünfte ausmachten. Nach Angaben der "New York Times" zählen nach wie vor viele US-Verlage zu den 500 am besten verdienenden Unternehmen der USA.

Für den Kauf großer Tageszeitungen gibt es daher genügend Interessenten. So seien drei Milliardäre aus Los Angeles an einer Übernahme der "Los Angeles Times" interessiert. Derzeit gehört das Blatt zum Tribune-Konzern, der über den Verkauf von elf Zeitungen nachdenkt. Der frühere General-Electric-Chef John F. Welch hat öffentlich sein Interesse am "Boston Globe" bekundet, obwohl die "New York Times"- Gruppe betont, die Zeitung stehe nicht zum Verkauf.

kaz

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