Interview mit Firmenjäger Guy Wyser-Pratte "Ich orientiere mich an der Gefechtstaktik der Marines"

Billig kaufen, aufpolieren, teuer verkaufen - so einfach ist das Geschäftsmodell des US-Firmenjägers Guy Wyser-Pratte. Auch in Deutschland schlägt der Finanzinvestor häufig zu. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, welchen Einfluss seine Zeit beim Militär auf die Übernahmetaktik hat und warum er einige deutsche Manager für Witzfiguren hält.


Finanzinvestor Wyser-Pratte: "Wenn es Probleme gibt, erhöhen wir sofort den Druck"
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Finanzinvestor Wyser-Pratte: "Wenn es Probleme gibt, erhöhen wir sofort den Druck"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Wyser-Pratte, kennen Sie den Geruch von Napalm?

Wyser-Pratte: Natürlich, ich war Offizier bei dem United States Marines Corps. Napalm riecht ziemlich unangenehm.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie dem Management eines Unternehmens, an dem Sie beteiligt waren, gedroht: "Wacht auf und riecht das Napalm"? Der Satz hat Ihren Ruf als bulliger Firmenjäger, der die Chefetagen massiv unter Druck setzt, begründet.

Wyser-Pratte: Ich habe einem französischen Konzern damit schnell klar gemacht, dass es nun hässlich wird. Es ging damals darum, den Verantwortlichen unmissverständlich zu sagen, dass sie ihren Job schlecht machen. Das ist mir gelungen, denke ich.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit beeinflusst die Militärerfahrung Sie beim Geschäftemachen?

Wyser-Pratte: Ich orientiere mich an der Gefechtstaktik der Marines. Das bedeutet unter anderem, das Element der Überraschung zu nutzen, Kräfte richtig zu verteilen, Koalitionen einzugehen und Waffen kombiniert einzusetzen. All dies sind Elemente der Kriegsführung beim Corps.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie und Ihre Mannschaft wenden diese Taktiken bei Attacken auf Unternehmen an? Wie?

Wyser-Pratte: Wir suchen den Markt ab nach unterbewerteten Firmen. Ergibt sich eine Möglichkeit, bauen wir eine Beteiligung im Stillen auf. Erst bei einem Anteil von, sagen wir fünf Prozent, klopfen wir an die Tür und erklären dem Management, was sich ändern muss, um den Wert zu steigern. Ich arbeite gerne mit den Chefs zusammen. Wenn es aber Probleme gibt, erhöhen wir sofort den Druck. Wir schicken Vertreter in den Aufsichtsrat oder organisieren auf der Hauptversammlung eine Mehrheit gegen den Vorstand, meist über die Presse. Eine schlechte Presse kann für einen renitenten Boss das Ende sein. Wenn das immer noch nicht reicht, kaufen wir weitere Aktien. Spätestens dann erkennen die Vorstände die Zeichen der Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit exerzieren Sie eine solche Attacke beim Karlsruher Mischkonzern IWKA vor. Sie fordern die Konzentration auf die profitable Roboterbausparte. Von den restlichen Bereichen soll sich das Unternehmen trennen. Vorstandschef Hans Fahr folgt diesem Kurs nur widerwillig. Wie weit wollen Sie gehen?

Wyser-Pratte: Seit wir bei der IWKA aktiv sind, hat die Aktie zugelegt. Der Markt sieht uns auf dem richtigen Weg. Das Problem ist, dass Fahr etwas langsam ist. Wenn er nicht bis zum Ende des ersten Quartals 2005 einige Teile verkauft und andere profitabel macht, hat er ein Problem. Wir könnten eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen. Die könnte für ihn katastrophal enden. Ich werde mich jedenfalls nicht von meinen 6,5 Prozent an der IWKA trennen. Ich gehe erst, wenn der Job erledigt ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon einmal einen Konzern auf Profitabilität getrimmt, ohne in Konflikt mit den Verantwortlichen zu geraten?

Wyser-Pratte: Ja, bei Rheinmetall. Ich bin heute noch mit Mitgliedern der Röchling-Familie befreundet, die bis vor kurzem wichtigster Aktionär dort war. Als ich bei Rheinmetall 2001 einstieg, war schnell klar, dass wir die gleiche Sprache sprechen. Das war eine angenehme Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie deutsche Manager generell?

Wyser-Pratte: Jene, die Aktien an ihren Unternehmen halten, sind auf dem richtigen Weg. Jene, die keine Beteiligung haben, sind Witzfiguren. Sie sollten ein ökonomisches Interesse an dem Unternehmen haben, das sie managen, und dies den Anteilseigner durch den Besitz von eigenen Aktien anzeigen. Alles andere ist lächerlich.

Firmenjäger in Deutschland

SPIEGEL ONLINE: Was hält man beim Marine Corps davon, dass Sie deren Taktiken für Ihr Geschäft nutzen?

Wyser-Pratte: Als Präsident der Marine Corps University Foundation habe ich nach wie vor enge Beziehungen zu den Marines. Ein aktiver Offizier begleitet mich stets. Es geht um den Austausch von Ideen. Das Corps prüft seinerseits, ob es Taktiken, die ich beim Geschäft anwende, beim Einsatz der Truppe nutzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Branche haben Sie es bei Ihren Attacken besonders abgesehen?

Wyser-Pratte: Auf keine bestimmte. Wir investieren, wenn wir für ein schlecht bewertetes Unternehmen in einem entsprechenden Zeitraum den wahren Wert erzielen können, um dann mit Gewinn zu verkaufen. Wenn diese Wertlücke groß genug ist, steigen wir ein. Diese Unternehmen lassen sich in jedem Markt finden. Es gibt immer Firmen die schlecht geführt werden.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch sind Sie hauptsächlich in Europa aktiv. Warum gerade hier?

Wyser-Pratte: Derzeit sind wir an zehn Unternehmen beteiligt. 90 Prozent haben ihren Sitz in Europa. Wir waren in Österreich, den Niederlanden, Belgien aktiv, vor allem aber in Deutschland und Frankreich. Der Grund für diese Ballung ist, dass sich gerade in Europa viele unterbewertete Unternehmen finden. Da ist es nur logisch hier zu investieren. Derzeit bereite ich allerdings auch einen Fonds für den japanischen Markt vor.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Fonds. Sie finanzieren Ihre Angriffe nur zum Teil aus der eigenen Tasche. Das Geld stammt auch von Investoren, die im Gegenzug am Gewinn beteiligt werden. Wer stellt Ihnen das Kapital für die Attacken zur Verfügung?

Wyser-Pratte: Es handelt sich um institutionelle Investoren aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland. Ein großer deutscher Versicherer gehört dazu.

SPIEGEL ONLINE: Erfolg und Misserfolg ihrer Angriffe hängt auch davon ab, inwieweit Sie die übrigen Aktionäre auf Ihre Seite bringen können. Angesichts des derzeit gerade in Frankreich und Deutschland grassierenden Anti-Amerikanismus dürfte Ihnen das in den vergangenen Monaten schwer gefallen sein.

Wyser-Pratte: Nein. Die Leute können unterscheiden zwischen ihrem Aktiendepot und der Weltpolitik. Im Gegenteil: Aktionäre kommen auf uns zu und klagen über das miserable Management ihrer Beteiligung. Wir sprechen bei unseren Aktivitäten auch für die Minderheit der Aktionäre. Wir helfen den Leuten.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt schlüpfen Sie in die Rolle des Robin Hood.

Wyser-Pratte: Weder bin ich Robin Hood, noch investiere ich aus philanthropischen Gründen. Aber ich denke politisch. Ich setze mich für eine Kapitalkultur ein. Frankreich hat eine solche Kultur in Teilen. In Deutschland fehlt sie völlig. Hier wird alles von den Banken kontrolliert. Deutsche Unternehmen brauchen aber eine viel stärkere Kapitalbasis, um jene Risiken zu tragen, die beispielsweise bei der Expansion nach Osteuropa auftreten. Dafür versuche ich mit Hilfe des Kapitalmarktes zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Welche deutschen Unternehmen stehen derzeit auf Ihrer Einkaufsliste?

Wyser-Pratte: Ich bin immer an Unternehmen interessiert. Genauere Angaben kann und will ich nicht machen.

US-Marine: "Diese Leute werden noch einige schlaflose Nächte erleben"
AP / Los Angeles Times / Luis Sinco

US-Marine: "Diese Leute werden noch einige schlaflose Nächte erleben"

SPIEGEL ONLINE: Es lief für Sie nicht immer glatt in Deutschland. Vor allem der Einstieg beim Maschinenbaukonzern Babcock Borsig kam Sie teuer zu stehen. Das Unternehmen ist mittlerweile insolvent.

Wyser-Pratte: Insgesamt war das Deutschlandgeschäft unter anderem dank der Investitionen in Rheinmetall profitabel. Es hätte aber mehr Gewinn abwerfen können. Die Babcock-Pleite hat sich auf die Zahlen verheerend ausgewirkt. Wir haben einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag verloren. Was sich erst im Rückblick gezeigt hat: Das Unternehmen war Pleite bevor wir eingestiegen sind. Der damalige Konzernchef Klaus Lederer hat mich belogen. Das ganze war eine der größten Gaunereien überhaupt, fast schon mafiös. Babcock und ich klagen jetzt gegen die Verantwortlichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben wohl nie auf. Gehört das auch zum Taktikreservoir der Marines?

Wyser-Pratte: Nein, das hat mehr mit der Marine-Mentalität zu tun, mit Beharrungsvermögen. Diese Leute, die mich bei Babcock betrogen haben, werden noch einige schlaflose Nächte erleben.

Das Interview führte Jörn Sucher



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