Von Stefan Kaiser
Eine Stadt irgendwo in Europa, ein Hotel irgendwo in dieser Stadt. Hier soll das Interview mit Florian Homm stattfinden, einem ehemaligen Hedgefonds-Manager, der vor fünf Jahren mit einem Millionenvermögen untergetaucht ist. Seitdem schweigt er und versteckt sich - vor Behörden, vor allem aber vor ehemaligen Geschäftspartnern. Leute, die viel Geld verloren haben und die meinen, Homm müsse es ihnen zurückgeben.
Im Mai 2012 stellte der deutsche Privatermittler Josef Resch ein Video ins Internet, das einen Berg von Geldbündeln zeigt. Angeblich sind es 1,5 Millionen Euro - Kopfgeld, das Reschs Auftraggeber auf Homm ausgesetzt hatten. Sie wollen 30 Millionen Euro von dem untergetauchten Finanzjongleur.
Der hat nun genug vom Verstecken und Schweigen. In den kommenden Tagen erscheint sein Buch: "Kopf, Geld, Jagd" heißt es. Darin zeichnet Homm das Leben eines Mannes, der das Abenteuer suchte und das große Geld - der dabei stets an den Grenzen der Legalität entlangschrammte und die der Moral regelmäßig überschritt. Nun will der 53-Jährige vor allem eines: endlich seine Ruhe.
Und Homm dreht den Spieß um: Er hat selbst ein Video drehen lassen, indem er sich erstmals seit mehr als fünf Jahren persönlich zu Wort meldet. Darin setzt er eine Belohnung von 10.000 Euro aus. Das Geld soll bekommen, wer ihm hilft, die Auftraggeber zu finden, die hinter dem Kopfgeld stecken.
Beim Interview sind die Sicherheitsvorkehrungen gewaltig. Nichts überlässt Homm dem Zufall. Als der Zwei-Meter-Mann den Raum betritt, kann er sicher sein, dass der Journalist keine Wanzen dabei hat - und dass er nicht weiß, wo Homm gerade herkommt oder wohin er gleich wieder verschwinden wird.
SPIEGEL ONLINE: Herr Homm, Sie sind seit fünf Jahren untergetaucht. Nun haben Sie offenbar genug von dem Versteckspiel. Warum wenden Sie sich ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit?
Homm: Erstens will ich mich den Vorwürfen stellen, die während meiner Abwesenheit entstanden sind. Zweitens will ich meinen moralischen Verpflichtungen gegenüber Liberia nachkommen, wo ich ein Schulprojekt unterstütze. Und der dritte Grund ist das YouTube-Video, in dem ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt wurde.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie es nach dem Video mit der Angst bekommen?
Homm: So ein Kopfgeld ist extrem menschenverachtend. Es animiert jeden Hilfssheriff und jede Halbweltfigur mich meiner Freiheit zu berauben. Aber die Wirkung geht sogar noch weiter: Mein Anwalt, der zu meinen besten Freunden zählt, wurde bedroht. Es wurde Leuten Geld angeboten, um in sein Büro einzubrechen. Familienfreunde bekamen Besuch von zwei dunklen Gestalten.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben bei Ihren Raubzügen selbst nicht unbedingt Rücksicht auf Opfer genommen. Das schafft Feinde. Haben Sie schon Hinweise, wer das Kopfgeld ausgesetzt hat?
Homm: Ich und meine Mitarbeiter haben sehr starke Vermutungen, aber wir werden unsere Karten nicht offenlegen. Ich habe schon viele Schläge im Leben einstecken müssen. Das ist Berufsrisiko. Wenn Sie aufmischen, werden Sie auch selbst mal aufgemischt. Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass meine Familie und meine Freunde bedroht werden. Da muss ich mich wehren.
SPIEGEL ONLINE: Angeblich wurde das Kopfgeld mittlerweile zurückgezogen. Der Privatermittler Resch behauptet, er und seine Auftraggeber seien ihrerseits eingeschüchtert worden. Stecken Sie dahinter?
Homm: Nein. Damit habe ich nichts zu tun. Und ich bin auch kein großer Freund von Auftragsmorden. Stellen Sie sich vor: Sie veranstalten eine Jagd auf Florian Homm. Glauben Sie, der wird das auf sich beruhen lassen, wenn Sie ihm sein Geld wegnehmen? Sie haben sich gerade mit einem richtigen Pitbull angelegt. Den können Sie doch nicht frei rumlaufen lassen. Sie müssen ihn restlos neutralisieren. Dieses Kopfgeld ist doch ein verklausulierter Mordauftrag!
SPIEGEL ONLINE: Das Kopfgeld ist nicht Ihr einziges Problem: In den USA hat Sie die Börsenaufsicht SEC im vergangenen Jahr verklagt. In Ihrem Buch schreiben Sie zudem, die Staatsanwaltschaften mehrerer Länder würden Ihnen gerne Verfahren anhängen, es drohten lange Gerichtsverfahren. Werden Sie sich diesen Verfahren stellen?
Homm: Absolut. Ich werde mich diesen Vorwürfen stellen. Ich bin gerade dabei, das mit meinen Anwälten vorzubereiten.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch bereit, Geld für eine Einigung zu zahlen?
Homm: Ich will eigentlich keinem juristischen Vergleich zustimmen, weil ich der Meinung bin, dass der größte Teil der Vorwürfe auf einem großen Lügenpaket basiert, das die Direktoren der von mir gegründeten Hedgefonds-Gruppe ACMH nach meinem Ausscheiden geschnürt haben.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Gegner werfen Ihnen vor, Sie hätten über eine US-Firma, die Ihnen zur Hälfte gehörte, obskure und kaum wiederverkaufbare Aktien kleiner Unternehmen an ihre Hedgefonds verkauft und damit Gewinne erzielt. Zusätzlich sollen Sie den Wert der Fonds damit künstlich aufgebläht haben.
Homm: ACMH war über alle meine Positionen immer bestens informiert. Der gesamte Markt war das. Meine Beteiligung an der fraglichen Brokerfirma Hunter World Markets in Los Angeles war bekannt, auch bei den Regulierungsbehörden. Wir hatten externe Wirtschaftsprüfer, die die Geschäftsberichte geprüft und nichts beanstandet haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass das auch klar werden wird.
SPIEGEL ONLINE: Als Sie untergetaucht sind, sollen Sie rund 400 Millionen Euro schwer gewesen sein. Wie viel ist davon noch übrig?
Homm: Das ist verschwindend wenig - eine Lachnummer. Vielleicht ein bis zwei Prozent dessen, was ich einmal hatte. Und davon wird nun auch noch ein guter Teil für Anwaltskosten draufgehen.
SPIEGEL ONLINE: Zwei Prozent wären gerade mal acht Millionen Euro. Wo sind die restlichen 392 Millionen geblieben?
Homm: Ein Großteil davon hat mein Treuhänder 2009 verzockt. Ich hatte ihn gebeten, nur erstklassige Anlagen wie Gold und Schweizer Franken zu kaufen, aber er hat das Geld in dubiose Papiere und in die Fonds des amerikanischen Anlagebetrügers Bernard Madoff gesteckt. Auch meine Scheidung hat viel Geld gekostet. Circa 40 Millionen Euro hatte ich zudem ohne Entgelt an die Hedgefonds überwiesen, um Verluste auszugleichen. Ein Teil meiner Konten wurde inzwischen eingefroren. Der Rest ging für Lifestyle, karitative Spenden, Notverkäufe und meinen eigenen Schutz drauf. Es ist leider alles belegbar.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie Ihren hohen Lebensstandard halten können?
Homm: Je mehr Geld Sie haben, desto mehr schotten Sie sich ab. In den vergangenen Jahren habe ich auch andere Seiten kennengelernt. Ich habe in Hotels gewohnt für 13 Dollar pro Nacht, ich war in den Achselhöhlen der Welt. Das hat mich mehr erfüllt als die 2000-Euro-Suite im Ritz. Früher steckte ich in einem endlosen Sandkastenspiel mit den anderen Vollidioten, die Flugzeuge und Boote verglichen haben. Da musste sogar die Klobürste einen Markennamen haben und 300 Euro kosten. Das war peinlich. Es geht auch viel bescheidener, ohne dabei gleich todunglücklich zu werden.
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