Interview mit "Freakonomics"-Autor "Wir führen die Wirtschaftswissenschaft zu ihren Wurzeln zurück"

"Freakonomics", 2005 eines der meist beachteten Wirtschaftsbücher in den USA, ist jüngst auf Deutsch erschienen. SPIEGEL ONLINE sprach mit Stephen Dubner, einem der beiden Autoren, über Kritik am dem Bestseller, eine Recherche-Panne und Pläne für Teil zwei.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Dubner, ein Dreivierteljahr nach dem erfolgreichen Start von " Freakonomics" in den USA mussten Sie und Ihr Co-Autor Steven Levitt jüngst das zweite Kapitel umschreiben. Was ist da passiert?

Stephen Dubner: Wir haben herausgefunden, dass eine der Geschichten, die wir eingebaut haben, auf einer Schwindelei basiert. Das ist die über Stetson Kennedy, der heute 89 Jahre alt ist. Er hatte behauptet, in den vierziger Jahren den Ku-Klux-Klan unterwandert zu haben. Seinem Buch und einem Interview zufolge, das wir mit ihm geführt haben, hat er dann Geheiminformationen wie Passwörter des Klans an die Produzenten der damals sehr beliebten "Superman"-Radioshow weitergegeben, die das alles ausgestrahlt haben ...

Autor Dubner: "Das Verhalten von Menschen verstehen"
Michael Benabib

Autor Dubner: "Das Verhalten von Menschen verstehen"

SPIEGEL ONLINE: ... die Klan-Mitglieder fühlten sich auf einmal lächerlich gemacht, ihr Geheimbund verkümmerte. Mit dieser Geschichte wollten Sie zeigen, welche Macht man mit Informationen ausüben kann ...

Dubner: ... nun hat sich leider herausgestellt, dass Kennedy seine eigene Rolle gewaltig übertrieben hat. Seine Schilderung vermengt seine eigenen Taten mit denen eines anderen Agenten, der den Klan tatsächlich unterwandert hat. Es bestürzt mich, wenn ich daran denke, wie verwegen Kennedy all diese Jahre gelogen hat.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Ausgabe Ihres Buches, die gerade erschienen ist, enthält noch das fehlerhafte Kapitel.

Dubner: Der Verlag wird das neue hineinnehmen, sobald sie die nächste Auflage anschieben. Aber es ist schon frustrierend. Da schreiben sie ein Buch, und dann liegt es bald ein Jahr scheintot da, bis es veröffentlicht wird. Wenn es endlich jemand liest, sind vielleicht zwei Jahre vorbei, und sie können nicht eine Silbe ändern. Wir betreiben deshalb eine ziemlich lebhafte Webseite und ein Blog. Außerdem schreiben Levitt und ich monatlich eine Kolumne fürs "New York Times Magazine". In der vom Januar haben wir für die Leser durchdekliniert, was wir über Kennedy herausgefunden haben.

SPIEGEL ONLINE: Der Erfolg von "Freakonomics" hat Kritiker angestachelt, auch andere Ihrer Schilderungen zu hinterfragen.

Dubner: Es gibt diese anhaltende Debatte über die Verbindung, die wir zwischen Abtreibung und Verbrechen herstellen. Wir zeigen, wie die Entscheidung Roe vs. Wade, mit der der Oberste Gerichtshof 1973 den Abbruch von Schwangerschaften legalisiert hat, in den Neunzigern zu einem Rückgang der Kriminalität geführt hat. Diese Darstellung im Buch fußt auf einem Fachaufsatz, den Levitt schon 2001 mit seinem Kollegen John Donohue veröffentlicht hatte. Ich dachte mir, dass jeder, der sich über die Theorie aufregen würde, das vielleicht damals schon getan hätte und dass es ihm inzwischen egal wäre. Damit lag ich kräftig daneben.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Volkswirte der US-Notenbank haben gerade einen Aufsatz veröffentlicht, in dem sie einen methodologischen Fehler in Levitts ursprünglicher Abtreibungsstudie aufdecken.

Dubner: Sie haben das Gewicht, den dieser Fehler für unsere Schlussfolgerung hat, grob überzeichnet. Levitt hat den Aufsatz auf unserer Webseite widerlegt. Wir haben der Frage, warum die Kriminalitätsrate sank, ja auch immerhin ein ganzes Kapitel gewidmet. Wir berücksichtigen da viele weitere Faktoren - etwa, dass die Zahl der Polizisten aufgestockt wurde. Wir bemühen uns wirklich, nicht um der Provokation willen zu provozieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch wirkt oft sehr anekdotenhaft - es tauchen Crack-Dealer, ein Bagel-Verkäufer, tricksende Immobilienmakler und diverse andere Protagonisten auf.

Dubner: Wir haben ja diesen Absatz in der Einleitung eingebaut, in dem wir sagen: "Dieses Buch hat kein Thema, das sich durchzieht, vergeben Sie uns!" Aber da haben wir geblufft - natürlich wussten wir, wovon das Buch handelt. Es ist eine Sammlung verschiedener Geschichten, die alle verdeutlichen, dass wirtschaftliche Anreize die Ecksteine unseres Alltagslebens sind. Wenn sie die aufspüren und sich nicht darum scheren, was in der Frage konventionellerweise für richtig gehalten wird, dann können sie Gewaltverbrechen verstehen, Betrug beim Sport - und so ungefähr alles andere auch.

Autor Levitt: "Seinen Kopf freihaben"
AP

Autor Levitt: "Seinen Kopf freihaben"

SPIEGEL ONLINE: Viele Teile des Buchs kann man politisch inkorrekt finden. Im letzten Kapitel zeigen Sie mit mehreren Tabellen, wie arme, weiße Familien ihren Kindern ganz andere Vornamen geben als wohlhabende.

Dubner: Die meisten Menschen argumentieren aus ihren Gefühlen heraus. Sie fühlen sich angegriffen, sobald sie eine Formel wie "verarmte Großstadtjugend" oder ein Wort wie "Abtreibung" sehen. Was auch immer man darüber schreibt - wenn's ins Bild passt, kriegt man Applaus, wenn nicht, wird man angegriffen. Aber ich hoffe doch, dass wir zumindest beide Seiten gleichermaßen ärgern. Einige Leser sagen: Toll, wie ihr die Linken abkanzelt, weil sie glauben, dass Erziehung einen Unterschied macht. Und andere meinen: Toll, wie ihr die Konservativen runtermacht, weil sie Waffenkontrolle für unsinnig halten.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten der Ideen im Buch basieren auf Forschungsarbeiten Ihres Co-Autors Levitt. Der ist 2003 in den USA zum "besten Ökonomen unter 40" gewählt worden. Wie war es, mit ihm zu arbeiten?

Dubner: Levitt hat einen besonderen Sinn fürs Kreative - und es ist ihm wirklich egal, was Leute von ihm denken. Wenn wir in London auf Lesereise sind und jemand sagt: Es gibt da dieses Restaurant, in das alle gehen - dann sagt er wahrscheinlich: Okay, meinetwegen können wir da hin, aber wenn's irgendwo einen McDonald's in der Nähe gibt, ist's mir auch Recht. Und das sagt er nicht extra, um uneitel zu wirken - er will seinen Kopf einfach frei haben für andere Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah Ihre Arbeitsteilung aus, als Sie das Buch geschrieben haben?

Dubner: Am Anfang haben wir gemeinsam in einem Raum mit PC gehockt, das war ein Debakel. Wir haben im Ernst mehrere Tage lang versucht, die Einleitung anzufangen, ich habe getippt, er hat geredet. Alles was herauskam war eine Menge Notizen. Ich habe damals in seinem Haus in Chicago übernachtet - irgendwann konnte ich wegen einer Erkältung nicht schlafen und fing nachts um zwei an zu schreiben - immer an dem entlang, was wir besprochen hatten. Am Morgen hat er's gelesen und gesagt: Wow, das ist gut. Es klingt nicht nach mir, aber daran muss ich mich wohl gewöhnen. Danach haben wir ein, zwei Stunden pro Tag telefoniert, ich habe 1000 oder 2000 Wörter geschrieben, sie ihm gemailt, und er hat sich immer rasch zurückgemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Verlag bedrängt Sie sicher, nun schnell eine Fortsetzung zu liefern.

Dubner: Wir hätten schnell ein zweites Buch hinterherschießen und unsere Leserschaft ausbeuten können. Aber wir wollten nur dann einen Folgeband machen, wenn er den Ersten übertrifft. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen - wir haben Levitts Forschungsergebnisse aus den letzten zehn Jahren ja schon verbraucht. Wir müssen also noch vier, fünf Jahre einrechnen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Themen wollen Sie dieses Mal aufgreifen?

Dubner: Wir arbeiten an einer Million Fragen, vom Terrorismus über Sportwetten bis zur Pkw-Sicherheit. Wir würden gerne herausfinden, wann und wie Leute besonders gut in dem sind, was sie tun. Sprich: Wir wollen Qualität quantifizieren. Deswegen haben wir ein halbes Dutzend Untersuchungen laufen - über Ärzte, Pokerspieler, Aktienhändler ...

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren sind noch andere Bücher erschienen, die sich wie "Freakonomics" mit der Ökonomie des Alltags befassen. Wird die "Wissenschaft der Trübseligkeit" langsam lockerer?

Dubner: Ich war noch nie ein Anhänger der mathematischen, hochintellektuellen Ökonomen, die all diese komplexen Modelle entwickeln, die vielleicht was mit der wirklichen Welt zu tun haben, vielleicht auch nicht. Ich war aber immer ein Fan von Adam Smith und der Idee, dass Wirtschaftswissenschaften dazu dienen sollen, das Verhalten von Menschen zu verstehen. Ich glaube also, dass Levitt und viele seiner jungen Kollegen und Studenten die Wirtschaftswissenschaften zu ihren Wurzeln zurückführen.

Das Interview führte Matthias Streitz



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