Interview mit Greenpeace-Chef Leipold: "Terroristen werden die Verbreitung der Atomkraft verhindern"

Was macht eigentlich Greenpeace? In Sachen Umwelt-PR ist inzwischen so manche Organisation erfolgreicher. SPIEGEL ONLINE sprach mit Greenpeace-Chef Gerd Leipold über verpasste Gelegenheiten, die wachsende Konkurrenz und die umweltpolitische Vorbildfunktion Deutschlands.

Greenpeace-Chef Leipold: "Umweltthemen sind hier zu Lande inzwischen ganz normaler Alltag"
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Greenpeace-Chef Leipold: "Umweltthemen sind hier zu Lande inzwischen ganz normaler Alltag"

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Was ist denn mit Greenpeace los? In Deutschland wird quer durch alle Medien die Gefahr des Feinstaubs diskutiert, aber von Greenpeace kommt nichts. Ist Ihre Organisation satt und bequem geworden?

Leipold: Dass wir den Moment, als die Diskussion mit Wucht aufkam, verschlafen haben, darüber ärgern wir uns selbst am meisten. Denn wir haben das Thema viel früher auf die Agenda gesetzt als andere. Schon 1999 hatten wir auf dem Genfer Automobilsalon eine Protestaktion gegen Dieselautos gestartet. 2001 haben wir mit der Umrüstung eines gebrauchten Mercedes belegt, dass der Alltagsbetrieb problemlos möglich ist. 2002 sind wir noch einmal mit einem Mercedes auf Tour gegangen - diesmal haben wir ihn rosa lackiert und als "Dieselschwein" verkleidet.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem verliert das Thema Umwelt, so scheint es, in Deutschland beständig an Boden. Warum hat Greenpeace es nicht verstanden, die Aufmerksamkeit der Menschen wachzuhalten?

Leipold: Umweltthemen sind hierzulande inzwischen ganz normaler Alltag. Das ist zwar unspektakulärer aber führt zu wesentlich mehr Umweltschutz. Auch bei den Unternehmen ist viel passiert. Umweltrelevante Entscheidungen werden inzwischen vielfach auf Vorstandsebene entschieden. Aber ich gebe zu, die Umwelt gehört im Moment nicht mehr zu den heißen Themen. Für Greenpeace bedeutet das natürlich eine große Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Herausforderung oder Gefahr, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken? Als Gruppe, die mit kreativen Aktionen auf Missstände aufmerksam macht, ist Greenpeace jedenfalls schon seit längerem nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetaucht.

Leipold: Greenpeace ist eine Aktionsorganisation und wird das auch bleiben. Natürlich verändern sich mit der Zeit Charakter und Ort der Aktionen. Gerade in den Schwellenländern sind wir sehr stark vertreten. Die Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit in Deutschland gesammelt haben, kommen uns dabei zugute.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Deutschland so einfach abschreiben? Immerhin nehmen Sie hierzulande einen Großteil ihrer Spenden ein.

Leipold: Tun wir nicht. Und die Rückmeldungen, die wir bekommen, lassen auch einen anderen Schluss zu. Viele Spender begrüßen es ausdrücklich, dass wir in den Schwellenländern auf Missstände hinweisen. Mit Schornsteinbesetzungen oder ähnlichem erreichen wir zum Beispiel in den lateinamerikanischen Ländern eine Menge Leute. In Deutschland machen Aktionen Sinn, wenn es einen aktuellen Anlass gibt. Mit spektakulären Aktionen Themen zu setzen, wie in der Vergangenheit, das funktioniert leider nicht mehr so gut. Trotzdem sind wir nach wie vor Vorbild dafür, wie man Kampagnen macht.

SPIEGEL ONLINE: Etwa für Manager und Politiker? Die haben zum Beispiel auf dem ISC-Symposium in St. Gallen bewiesen, dass sie es verstehen, Umweltthemen auf die Agenda zu setzen.

Leipold: Das sind zum großen Teil Lippenbekenntnisse. Die Vertreter von Wirtschaft und Politik haben vielfach die Formulierungen der Umweltaktivisten übernommen. Auf Großveranstaltungen wie den G-8-Gipfeln hält Chirac fast flammendere Plädoyers für die Urwälder, als es Greenpeace normalerweise tut, und Tony Blair redet über Klimawandel, als ob er selber davon betroffen wäre. In Wirklichkeit stehlen sie sich damit aus der Verantwortung, weil sie den Eindruck erwecken, als seien sie selbst Opfer der Entwicklung. Dabei haben sie ebenso wie die Manager viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten zum Beispiel das Ausstiegsszenario für die Kernkraft wieder rückgängig machen. Sollte die CDU bei Neuwahlen im Herbst siegen, wird das wahrscheinlich der Fall sein. Das Argument: Klimaschutz.

Leipold: Der Rückzug vom Ausstieg ist eher politische Rhetorik. Zurzeit werden weltweit lediglich rund zwei Prozent des Energiebedarfs über Kernkraft gedeckt. Wenn man den CO2-Ausstoß auch nur um vier bis fünf Prozent verringern wollte, müsste man Hunderte bis Tausende Kernkraftwerke bauen. Das kostet zunächst einmal eine Menge Geld. Dagegen sprechen aber nicht nur die allgemein bekannten Sicherheitsbedenken, sondern auch geopolitische Überlegungen: Die Gefahr einer Proliferation von Atomwaffen würde gewaltig ansteigen. Etwas zugespitzt könnte man sagen: 'Die Terroristen werden die Verbreitung der Atomkraft verhindern'.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Alternativen sind rar. Die Windkraft zum Beispiel stößt in Deutschland bereits an ihre Grenzen. In vielen Gegenden sind bereits Bürgerinitiativen aktiv.

Leipold: Die Grenzen sind uns auch bewusst. Trotzdem würde ich lieber auf die positiven Aspekte verweisen. Deutschland ist in diesem Bereich Technologieführer. Das eröffnet Chancen im internationalen Wettbewerb. In China zum Beispiel ist man sehr interessiert an der Windkraft. Ihr Potential ist noch keineswegs ausgeschöpft.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade China gilt ja nicht unbedingt als Musterbeispiel in Sachen Umweltschutz. Viele befürchten sogar, dass im Zuge des steigenden Wettbewerbsdrucks durch die Globalisierung in großem Umfang Produktionsstätten ausgelagert und so die erreichten Umweltstandards verloren gehen.

Leipold: Das könnte schon zum Problem werden, zumal manche fälschlicherweise die wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit zu viel Umweltschutz erklären. Gott sei Dank hat sich das öffentliche Bewusstsein davon noch nicht sehr beeinflussen lassen. Aber es ist wichtig, dass wir uns stärker den Gegenden zuwenden, wo die Umweltschäden entstehen. Deshalb haben wir unsere Aktivitäten in sehr großem Umfang nach Asien verlagert. Unser wichtigstes Anliegen ist derzeit, mehr Einfluss in China zu bekommen. Dabei haben wir schon einiges erreicht - ebenso wie übrigens auch in Indien.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Leipold: Vor ein paar Wochen haben wir aufgedeckt, dass mit Hilfe staatlicher Stellen illegale Versuche mit genmanipuliertem Reis gemacht worden sind. Wir haben öffentlich eine große Holzhandelsfirma angegriffen, die illegal Holz eingeschlagen hat. Diese Aktionen haben in der chinesischen Presse ein großes öffentliches Echo gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Der Preis für eine Schornsteinbesetzung dürfte für die Aktivisten immer noch recht hoch sein. Chinesische Behörden verstehen in solchen Fällen wenig Spaß.

Leipold: Es gibt genügend andere und bessere Wege, um in China öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Internet zum Beispiel bietet trotz vieler Beschränkungen dafür ein gutes Forum. Außerdem ist es ja nicht so, dass man in China gar nicht demonstrieren dürfte. Vor ein paar Monaten sind unsere Leute für eine Kampagne mit Fahrrädern über den Tiananmen-Platz gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Und das genügt, um die Fehlentwicklungen zu stoppen?

Leipold: Man tut dem Land Unrecht, wenn man es als passionierten Umweltverschmutzer brandmarkt. In China wird zum Beispiel wesentlich intensiver über nachhaltiges Wachstum gesprochen, als dies in Europa der Fall ist. Und zwar nicht nur unter jungen Leuten, sondern auch in Regierungskreisen. Dort gesteht man inzwischen offen ein, dass mindestens 40 Prozent des aktuellen Wachstums durch zusätzliche Kosten zur Beseitigung von Umweltschäden wieder verloren gehen.

SPIEGEL ONLINE: Das Echo, das der Thriller "Welt in Angst" von Michael Crichton ausgelöst hat, müsste ein Alarmsignal für Sie sein. Da schreibt ein Romanautor, der Mensch habe nur geringen Anteil an den Klimaveränderungen, und eine Welle der Erleichterung geht durch die Gesellschaft: Das Klimaproblem existiert plötzlich nicht mehr. Das dürfte Ihre Arbeit im Kampf gegen die Treibhauseffekte um Jahre zurückgeworfen haben.

Leipold: Soweit ich weiß, ist Crichton nicht als profunder Klimaexperte bekannt. In der Wissenschaft herrscht jedenfalls ein breiter Konsens darüber, in welcher Weise unser Verhalten das Klima beeinflusst. Natürlich melden sich in einer so breit geführten Diskussion immer wieder diejenigen zu Wort, die gegen den Strich bürsten. Und sie erregen damit natürlich die besondere Aufmerksamkeit. Solche Einsprüche verschwinden aber regelmäßig ebenso schnell wieder in der Versenkung.

Das Gespräch führte Michael Kröger

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