Interview mit Jamba-Chef "Sweetie ist unser Harry Potter"

Jambas Klingeltonfigur Sweetie das Küken nervt zwar viele Handynutzer, aber sie ist der wohl erste kommerzielle Cartoonstar des Mobilfunks. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Jamba-Chef Oliver Samwer über singende Telefone, Kostentransparenz, wütende Blogger und seine weiteren Pläne.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Samwer, welches Ihrer Handytiere verkauft sich zurzeit am besten? Ist Sweetie das Küken bereits passé?

Geschäftsführer Oliver Samwer: "Wenn einer sagt, er findet uns zum Kotzen, dann soll er das eben sagen"

Geschäftsführer Oliver Samwer: "Wenn einer sagt, er findet uns zum Kotzen, dann soll er das eben sagen"

Oliver Samwer: Im Moment halten sich Sweetie und Partybiene die Waage. Sweetie hat seinen Zenit allerdings überschritten, deshalb werden wir zur Cebit eine neue Figur präsentieren. Die haben wir in den vergangenen Monaten entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Ganz schön viel Aufwand für einen Klingelton.

Samwer: Die Entwicklung dieser Charaktere dauert, weil zum Beispiel die 3-D-Animationen sehr komplex sind. Aber Klingeltöne mit einer Story verkaufen sich einfach besser als ein schlichtes Pieppieppiep. Bilder und Filme laden die Figur mit Emotionen auf.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Emotionen - hatten Sie erwartet, dass Sweetie so eine Hasswelle auslöst? Dass ihre Figur im Netz dermaßen durch den Wolf gedreht wird?

Samwer: Wir haben mit Sweetie auf den Trend süß und niedlich gesetzt - er hat ja auch so eine Kinderstimme. Und klar, wenn Sie dieses Thema stark betonen, dann finden es ein paar 21-Jährige lustig, im Internet Bilder herumzuschicken auf denen Sweetie zerfleischt wird oder auf denen das Metzgermesser da durch geht. Das war übrigens recht gut gemacht, rein grafisch gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht man damit um, wenn einem solch eine Wut entgegenschlägt?

Samwer: Ich muss ganz ehrlich sagen, wir haben einen Riesenerfolg mit dem Produkt, wir haben ganz bekannte Stofftierproduzenten, die hier bei uns anrufen und sagen, wir wollten Sweetie in Serie produzieren. Oder Firmen, die dazu eine CD machen wollen. Sweetie hat für uns gewissermaßen die Bedeutung wie Harry Potter für die Buchindustrie. Und wenn ich auf der anderen Seite 100.000 Menschen habe, die Sweetie kaufen, und 2000, die das Küken zum Metzger schicken, da sage ich ganz ehrlich: Damit leb' ich. Das ist eben die Kultur des Internet. Außerdem zeigt es doch, dass wir ein Phänomen geschaffen haben.

SPIEGEL ONLINE: Auf MTV oder Viva konnte man Sweetie mit seiner Gesangsnummer zeitweise bis zu 150-mal am Tag sehen. Finden Sie das nicht übertrieben?

Samwer: Nein, das hat damit zu tun, dass wir eine sehr schnelllebige Branche sind. Bei uns hält sich keine Melodie drei Monate lang in den Charts wie bei der klassischen Musikindustrie. Das läuft vier Wochen und dann ist es durch. Das heißt für uns, dass wir ganz klar darauf setzen, dass in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Leute unser Produkt sehen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie zur scharfen Kritik an der Kostentransparenz Ihrer Klingeltonabos?

Samwer: Als wir das Produkt geschaffen haben, gab es eine Menge Probleme mit 0190er-Nummern und so genannten Premium-SMS. Da haben wir gesagt: Lass uns ein Produkt schaffen für jemand, der nicht 40 Jahre alt ist und nur alle drei Monate einen Ton kauft, sondern für jemanden, der - wie die meisten unserer Kunden - an fünf Stück im Monat Interesse hat. Das ist letztlich wie bei Cornflakes. Es gibt eine kleine Packung und eine XXL-Packung.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen würde man aber, um im Bild zu bleiben, die Cornflakes abonnieren. Und der Hinweis darauf, dass es sich um ein Abo handelt, ist in ihrer Werbung nicht gerade prominent platziert.

Sweety-Persiflage: "Das ist eben die Kultur des Internets"

Sweety-Persiflage: "Das ist eben die Kultur des Internets"

Samwer: Moment - seit über einem Jahr gibt es bei uns einen elektronischen Handschlag. Wenn der Kunde ein Klingelton-Paket kauft, bekommt er eine SMS und muss das Geschäft nochmals per SMS bestätigen. In der Nachricht steht der Preis pro Monat und das Stopword. Bei uns kann man außerdem auch problemlos über die Webseite kündigen. Der Kunde soll genauso schnell reinkommen wie raus.

SPIEGEL ONLINE: Der Gesetzgeber hat offensichtlich dennoch den Eindruck, dass Jugendliche von der Klingeltonindustrie übervorteilt werden. Nach der anstehenden Novellierung des Telekommunikationsgesetzes werden Sie zum Beispiel das Kleingedruckte in Ihrer Werbung vergrößern müssen. Haben Sie das Problem nicht zu lange ignoriert?

Samwer: Wir sind das Unternehmen, das am meisten an dem neuen Gesetz mitgearbeitet hat. Viele der vom Bundeswirtschaftministerium geforderten Punkte erfüllen wir heute bereits. Die von Ihnen angesprochenen Warn-SMS versenden wir bei etlichen Mobilfunkanbietern schon. Und unsere Legal Line werden wir in den Fernsehspots demnächst auch größer machen. Etwas übertrieben finde ich, dass man bereits für mobile Käufe in Höhe von mehr als einem Euro einen Handshake machen muss. Gehen Sie doch mal zu Aral und kaufen Sie einen "Mars"-Riegel; da werde Sie ja auch nicht gefragt, ob Sie sich sicher sind. Da ist die Politik vielleicht ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich gewundert, dass ein einzelner Blogger, nämlich Johnny Haeusler von Spreeblick.de, das Thema Kostentransparenz so hoch kochen konnte?

Samwer: Ganz ehrlich, das Internet ist uns komplett bekannt als ein Medium, in dem jeder seine Meinung sagt. Und jeder sagt ganz direkt seine Meinung. Und wenn der Spreeblick-Blogger sagt, er findet uns zum Kotzen, dann soll er das eben sagen. Aber wir wissen, dass wir für viele Leute ein Superprodukt liefern.

SPIEGEL ONLINE: Wo wachsen Sie am schnellsten?

Samwer: Spiele wachsen relativ gesehen am stärksten. Das Wachstum wird weiter zunehmen, wenn mit mehr Bandbreite mobile Onlinespiele möglich werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie starten demnächst ein eigenes Musikportal, wie wird das im Vergleich mit Apples iTunes oder T-Onlines Musicload aussehen?

Samwer: Wir bieten eine vollwertige Alternative an. Ich glaube, wir haben mit unserem Portal bereits einen guten Kundenstamm. Wir werden eine ähnliche Artikelpalette haben und das mit speziellen Angeboten aus dem Klingeltonbereich kombinieren.

SPIEGEL ONLINE: Werden sich die Leute tatsächlich Musik auf Ihr Handy laden? Das dauert doch ewig.

Samwer: Ich glaube nicht, dass Musikhandys in einem Jahr dem iPod den Rang ablaufen werden. Aber selbstverständlich werden die Leute ihr Handy als Walkman benutzen. Das ist doch praktisch - schließlich ist es das einzige Gerät, das man immer bei sich hat.

SPIEGEL ONLINE: Böse Zungen sagen, die Samwer-Brüder haben ein gutes Timing und schlagen ihre Unternehmen immer auf dem Höhepunkt der Welle für den maximalen Preis los - erst Alando, das Sie an eBay verkauft haben, und jetzt Jamba, das an Verisign ging.

Gebrüder Samwer: "Unser vielleicht größter Fehler"
DDP

Gebrüder Samwer: "Unser vielleicht größter Fehler"

Samwer: Wir haben Alando überhaupt nicht zum richtigen Zeitpunkt verkauft. Wir waren doch Idioten, dass wir ausgestiegen sind. Wir waren die größte deutsche Auktionsseite. Heute macht eBay in Deutschland 120 Millionen Euro Gewinn im Jahr, folglich war es nicht klug, Alando für 50 Millionen Dollar zu verkaufen. Im Nachhinein sehen ich und meine Brüder das als unseren vielleicht größten Fehler an.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie ihn dann noch einmal gemacht?

Samwer: Wir haben Jamba ja mit Partnern aufgebaut. Da sind Debitel, Metro, Media Markt, Saturn und der US-Fonds Summit mit drin. Da gab es einige, die verkaufen wollten, aber wir haben relativ lange gewartet. Wir haben erst Verisigns drittes Angebot angenommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, Unternehmer sind Rockstars. Jetzt sind Sie ein Angestellter.

Samwer: Wir sehen uns weiter als Unternehmer, das wird sich auch nicht ändern. Damit es da kein Missverständnis gibt: Wir stehen zu Jamba und werden hier noch lange tätig sein. Aber 60 Jahre alt werden wir hier auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wann ziehen Sie weiter?

Samwer: Ach, wir sind mitten in der mobilen Revolution, da gibt es noch viele spannende Dinge zu tun. Aber wenn vielleicht in zehn Jahren das mobile Fernsehen abhebt oder eine andere Technologie, wer weiß? Dann kann es natürlich sein, dass wir noch mal was Neues machen.

Die Fragen stellten Thomas Hillenbrand und Carsten Volkery

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