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Interview mit Wirtschaftskrieger Harbulot: "Die EU agiert wie ein kopfloses Huhn"

In der "Schule für den Wirtschaftskrieg" bringen Geheimdienstler und Militärs den Studenten alles über ökonomische Kriegsführung von Unternehmen und Staaten bei. Europas Konzerne und auch die EU seien auf diesem Gebiet noch blutige Anfänger, glaubt Direktor Christian Harbulot.

SPIEGEL ONLINE: Herr Harbulot, Ihr Institut heißt "Schule für den Wirtschaftskrieg". Welche Waffen benutzen Ihre Studenten?

Harbulot: Die zentrale Waffe ist die Information. Die klassische Industriespionage ist heute nicht mehr die Hauptgefahr. Heute geht es um Imageschäden oder die Manipulation von Aktienkursen. Auf solche Angriffe reagieren europäische Unternehmen immer noch sehr fallbezogen. In den USA gibt es dagegen, zumindest bei großen Konzernen, eigene Abteilungen für Informationsmanagement.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie lehren Ihre Studenten dieses Informationsmanagement?

EU-Kritiker Harbulot: "So können wir nicht auf Augenhöhe mit China und den USA agieren" 
EGE

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Harbulot: Ja. Wir haben zum Beispiel kürzlich die Medienkrise bearbeitet, die der Pharmakonzern Sanofi-Aventis mit seinem Schlafmittel Ambien in den USA erlebt hat. Plötzlich erschien eine Studie, derzufolge Patienten nach der Einnahme schlafwandelten und sich dabei den Bauch vollschlugen, ohne sich am nächsten Tag daran zu erinnern. Dem Bericht zufolge gab es 30 Fälle – das Mittel nehmen jährlich 26 Millionen Menschen. Doch die Geschichte schlug bei den Medien ein, alle großen Fernsehsender berichteten darüber. Und dabei ging es für Sanofi um einiges: Schließlich hat Ambien vergangenes Jahr für über eine Milliarde Dollar Umsatz gesorgt.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert ein Wirtschaftskrieger auf eine solche Krise?

Harbulot: Wir haben in Echtzeit gearbeitet, das heißt wir gaben uns selbst nur wenige Stunden. Zunächst haben wir uns die wichtigsten Fragen über entsprechende Informationskanäle im Internet beantwortet. Existiert die Studie überhaupt? Wer hat sie gemacht, wer hat die Informationen an die Medien weitergeleitet? Gibt es eine Verbindung zwischen den Wissenschaftlern und einem Konkurrenzunternehmen? Dann haben wir die Studie von einem Fachmann unter die Lupe nehmen lassen. Da sind wir wirklich im Bereich des Informationsmanagements. Wenn ein solcher Skandal von einem Konkurrenzunternehmen lanciert würde, könnte man das tatsächlich als Informationskrieg bezeichnen. Unsere Reaktion würde dann dazu führen, dass der Gegner seine Taktik ändert, oder im besten Fall sogar aufgibt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Ihre Artikel oder Interviews, liest bekommt man den Eindruck, wir lebten in einer Welt, in der sich nicht nur Unternehmen, sondern auch Länder mit ökonomischen Mitteln haltlos bekriegen.

Harbulot: Es gibt heute zumindest zwei unterschiedliche Formen von Wirtschaftspolitik. Einerseits geht es den Ländern um den Abbau von Handelsbarrieren, damit Unternehmen möglichst viele Waren verkaufen können. Doch Wirtschaftspolitik ist auch Machtpolitik. Etwa wenn der russische Präsident Putin die Gaspreise des Staatskonzerns Gasprom für die Ukraine hochsetzt. Oder wenn China von Airbus verlangt, im Austausch für Flugzeugbestellungen müsse eine Fertigungsfabrik vor Ort gebaut werden. China übt regelmäßig mit ökonomischen Mitteln Druck auf die USA oder Europa aus – und es funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: China ist die aggressive neue Supermacht in diesem Spiel?

Harbulot: Ein chinesischer Minister hat einmal gesagt, China werde nicht wie die UDSSR zu Zeiten des Kalten Krieges einen weltweiten Rüstungswettlauf starten. China werde seine Macht über seine Wirtschaftskraft ausüben. Aber auch in den USA folgt man dieser Logik. Das Pentagon hat ein waches Auge auf den Transfer von Technologien ins Ausland. Es gibt unzählige Möglichkeiten zum Schutz der heimischen Industrie. Zum Beispiel kann man ausländische Investoren zwingen, mit einem lokalen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Eine solche Regelung wäre allerdings für die EU undenkbar.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Mitgliedsstaaten ihre Souveränität in der Wirtschaftspolitik nicht abgeben wollen?

Harbulot: Nein. Weil die Europäische Union nur die Idee des freien Marktes kennt. Die Römischen Verträge, die die Grundlage bilden, machen es zum Beispiel so gut wie unmöglich, bestimmte strategische Branchen als solche zu benennen und besonders zu schützen. Wenn Politiker in Wirtschaftsvorgänge eingreifen, müssen sie sich mit Hinweis auf die öffentliche Sicherheit entschuldigen. So können wir nicht auf Augenhöhe mit den USA oder China agieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber auf dem letzten Europäischen Gipfeltreffen haben die Mitgliedsstaaten beschlossen, in einem sehr zentralen strategischen Wirtschaftsbereich – nämlich der Energie – eine gemeinsame Politik zu starten.

Harbulot: Weil man nicht mehr die Augen vor der Tatsache verschließen kann, dass es in diesem Bereich bald zu weltweiten Verteilungskämpfen kommen wird. Der Markt versagt hier. Also versucht die EU zu reagieren. Aber das einzige, was man zuwege bringt, ist eine vage Erklärung, in der keine konkreten Ziele oder Instrumente festgehalten sind. Das ist doch ein Fall aus dem Lehrbuch: Europa agiert bei seiner Wirtschaftspolitik wie ein kopfloses Huhn, das ziellos herumrennt. So baut man keine europäische Industrie auf.

SPIEGEL ONLINE: Der in Staaten wie Frankreich, Spanien oder Italien wieder erwachte Protektionismus ist demnach nur eine Reaktion auf die Schwäche der EU?

Harbulot: Natürlich. Jeder Staat schlägt sich alleine durch, nach seinen eigenen Wertmaßstäben. Und ich sehe keine Lösung für dieses Problem: Die EU wurde immer von starken Einzelpersönlichkeiten vorangetrieben – aber es gibt im Moment niemand, der dieses Problem auf den Tisch bringen will.

SPIEGEL ONLINE: Bräuchte die EU einen Wirtschaftskriegsminister, der die europäischen Industrien so aktiv schützt wie etwa die französische Regierung die heimischen Unternehmen? Als vergangenes Jahr nur das Gerücht kursierte, der US-Konzern PepsiCo wolle den Lebensmittelhersteller Danone kaufen, schaltete sich sogar Präsident Chirac ein.

Harbulot: Es geht nicht darum, wie viel Joghurt Danone verkauft und ob Procter & Gamble da besser ist. Es geht um die Benennung strategischer Sektoren, wie etwa die Energie-Industrie oder den Gesundheitsbereich. Dort entstehen inzwischen enorme Kosten, die auch von entscheidender Bedeutung für die privaten Haushalte sind. Auch der Lebensmittelbereich ist ein Beispiel: Die EU wäre durchaus fähig, durch eine aktive Industriepolitik dafür zu sorgen, dass Unternehmen weniger gesundheitsschädigende Nahrung produzieren.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nach einer edlen Vision an. Aber Sie lehren Ihre Studenten doch, wie sich Regierungen oder aber - auf kleinerer Ebene - Konkurrenzunternehmen wirtschaftlich schaden können und wie man Informationen über Konkurrenten erhält.

Harbulot: Sowohl auf Staats- als auch auf Unternehmensebene geht es darum, nicht unterlegen zu sein. Man muss dem Gegenüber zu verstehen geben, dass man ihn und seine möglichen Angriffsstrategien kennt. So erreicht man ein Kräftegleichgewicht. Allain Juillet, der Verantwortliche für Wirtschaftsstrategien von Frankreich, hat das einmal mit Judo verglichen. Man kann dabei Angriffs- und Verteidigungsstrategien nicht trennen.

Das Interview führten Kim Rahir und Anne Seith

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