Investoren Glücksbringer aus China

Meistens läuft die Globalisierung so ab: Deutsche Firmen verlagern ihre Produktion nach China, die Arbeitsplätze hier gehen verloren. Aber es geht auch anders herum. Immer mehr chinesische Unternehmen investieren in Deutschland - und schaffen sogar Jobs.

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Hamburg - Wer den fränkischen Maschinenbauer Waldrich Coburg besucht, merkt gleich, woran er ist. Vier Fahnen wehen vor dem Verwaltungsgebäude: die deutsche, die bayerische, die der Stadt Coburg - und die chinesische. Fernöstlichen Einfluss verrät auch die Empfangshalle. Neben Prospekten der Region Oberfranken hängt ein Plakat der chinesischen Mauer.

Chinesische Flaggen: "Ein Unternehmen mit Tradition"
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Chinesische Flaggen: "Ein Unternehmen mit Tradition"

"Ein Unternehmen mit Tradition", so lautet der Slogan der Firma, die der Werkzeugmacher Adolf Waldrich 1920 gründete. Die Spezialität des Unternehmens sind meterhohe Maschinen, mit denen Turbinen gefräst, gebohrt und geschliffen werden.

Heute gehört Waldrich Coburg zu hundert Prozent dem chinesischen Staatskonzern Bejing No. 1. "Peking Nummer eins", sagt Geschäftsführer Hubert Becker mit fränkisch gerolltem R. Vor gut einem Jahr sind die Chinesen bei dem Mittelständler eingestiegen. Seitdem geht es steil aufwärts.

"Unsere Geschäfte laufen mehr als gut", sagt Becker mit kaum verstecktem Stolz. Früher hatte der Umsatz bei 60 Millionen Euro gelegen, im vergangenen Jahr kletterte er auf 73 Millionen. In diesem Jahr will das Unternehmen sogar die 100-Millionen-Euro-Grenze überspringen. "Das ist absolut realistisch", sagt der Firmenchef.

Waldrich Coburg ist kein Einzelfall. Immer mehr Investoren aus China schauen sich in Deutschland nach lukrativen Übernahmen um. Das Beratungsunternehmen Deloitte schätzt die Zahl der chinesisch kontrollierten Unternehmen auf 600 bis 800 - Restaurants und Reisebüros nicht mitgerechnet.

Retter in der Not

Längst geht es den Asiaten nicht mehr nur um Handelsniederlassungen. Vor allem der mittelständische Maschinenbau ist gefragt. So kaufte der Hongkonger Konzern Techtronic Industries die ehemalige AEG-Werkzeugsparte im schwäbischen Winnenden, der Maschinenbauer Schiess aus Aschersleben ging an das Unternehmen Shenyang Machine Tool, und die Qingdao-Gruppe übernahm die Grosse Jac Webereimaschinen GmbH in Burlafingen bei Neu-Ulm.

Für viele Unternehmen kamen die Chinesen als Retter in der Not, so wie bei Waldrich Coburg. Die früheren Eigentümer - erst der amerikanische Ingersoll-Konzern, dann die Siegener Herkules-Gruppe - hatten der Firma nach Beckers Worten nicht gerade gutgetan. "Die haben massiv in das Geschäft eingegriffen." Manche Kunden hätten die Coburger überhaupt nicht mehr beliefern dürfen, um dem Mutterunternehmen keine Konkurrenz zu machen.

Unter der Ägide von Bejing No. 1 ist das anders. "Wir haben alle Freiheiten, die wir brauchen", lobt Becker seinen neuen Gesellschafter. "Alle Entscheidungen fällen wir hier vor Ort." Zur Kontrolle gibt es nur Qu Xiangjun. Der Manager aus Peking ist der deutschen Geschäftsführung zur Seite gestellt. Sein Aufgabenfeld: "Company Coordination". Allzu häufig ist er allerdings nicht in Coburg. Per E-Mail lässt er aus China mitteilen: "Waldrich Coburg ist wie ein hundertjähriger großer Baum. Nur auf der Erde in Deutschland kann er gut gedeihen und immer grün bleiben."

Für die Region ein wahrer Segen

Das Vertrauen kommt nicht von ungefähr. Über verschiedene Kooperationen kannten sich beide Seiten schon seit 1984. "Die Chinesen schauen eher zu uns auf, als dass sie auf uns herabschauen", sagt Becker. Die Arbeitsteilung im Konzern ist deshalb klar: Das obere Marktsegment ist den Deutschen vorbehalten, das untere bedienen die Chinesen, und in die Mitte versucht man gemeinsam vorzudringen.

Sogar Arbeitsplätze entstehen auf diese Weise: Vor der Übernahme waren bei Waldrich Coburg weniger als 500 Menschen beschäftigt, heute sind es 570. In diesem Jahr sollen noch einmal 60 Stellen dazu kommen. Damit ist Bejing No. 1 der größte chinesische Arbeitgeber in Deutschland - für die strukturschwache Region Oberfranken ein wahrer Segen.

Früher war das meist anders. Selten liefen chinesisch-deutsche Übernahmen so reibungslos ab wie in Coburg. Oft waren die Investoren aus Fernost schlecht vorbereitet, viele unterschätzten die strengen Arbeitsschutzgesetze in Deutschland, andere überschätzten ihre eigenen Fähigkeiten. So kam der Türkheimer TV-Hersteller Schneider unter Führung des chinesischen TCL-Konzerns nicht aus den roten Zahlen heraus, zwischenzeitlich stellte das Unternehmen die Produktion sogar ein. Andere Firmen wurden gleich ganz dichtgemacht - so wie die Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl, die der Bergwerkskonzern Yankuang Stück für Stück abtrug und nun in China wieder aufbaut.

Das Sagen haben die Deutschen

Mittlerweile jedoch haben die Chinesen ihre Strategie geändert. Statt die Geschäfte selbst zu führen, überlassen sie die Firmenleitung dem deutschen Management. Synergien werden genutzt, wo es geht, ansonsten aber beschränken sich die Investoren darauf, einmal im Jahr ihre Dividende einzustreichen. Für die deutsche Seite hat das Konzept einen großen Vorteil: Der stets gefürchtete Know-how-Transfer bleibt aus.

Prominentes Beispiel ist die Drogeriemarktkette Rossmann. Vor fünf Jahren kaufte der Hongkonger Konzern Hutchison Whampoa 40 Prozent an dem deutschen Unternehmen. Rossmann selbst würde das zwar am liebsten verschweigen - "das ist kein Thema, das wir gerne kommunizieren", heißt es im Unternehmen. Geändert hat sich durch den Einstieg der Chinesen aber nichts, die Mehrheit hält weiterhin Unternehmenschef Dirk Roßmann. "Herr Roßmann hat das Sagen und er sorgt dafür, dass das so bleibt", sagt eine Betriebsrätin. Der Chef selbst formuliert es drastischer: "Ich habe bei uns noch keinen Chinesen gesehen."



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