Irak-Krieg Werbefeldzug der Waffenindustrie

Wenn im Irak der letzte Schuss gefallen ist, beginnt für die Handelsvertreter der Rüstungskonzerne die Hochsaison. Es geht darum, die Waffen zu verkaufen, die sich auf dem Schlachtfeld bewährt haben.

Von


Washington - "Es gilt, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist", sagt ein mit der Branche vertrauter Analyst. Die Systeme, die sich in der Wüste durch Schlagkraft und Präzision ausgezeichnet hätten, würden nach dem Ende des Krieges einen wahren Nachfrageboom erleben.

Stückkosten 600.000 Dollar: Tomahawk
DPA

Stückkosten 600.000 Dollar: Tomahawk

Zyniker mögen eine fein abgestimmte Regie hinter dem Ablauf der Ereignisse vermuten: Nur wenige Tage vor dem Einmarsch der Alliierten hatte die Rüstungsindustrie auf der Fachmesse Idex im 800 Kilometer vom Irak entfernten Abu Dhabi ihre neuesten Waffen vorgestellt. Jetzt folgt der Einsatz im Gefecht - wie zum Beweis, dass die Waffen auch wirklich halten, was die Hochglanzprospekte versprochen haben.

"Nach Jahren der Entwicklung beweist eine Waffe ihre Wirksamkeit erst in der militärischen Auseinandersetzung", sagte Joel L. Johnson von der Vereinigung der Luftfahrt-Industrie gegenüber dem "Wall Street Journal". "Man weiß nie, ob eine Waffe wirklich etwas taugt, bevor sie nicht von Tausenden Soldaten sozusagen im Alltagsbetrieb eingesetzt worden ist."

Großabnehmer werden die Staaten der Golfregion bleiben, denen in der Folge des Irak-Kriegs eine instabile Lage droht. Hiervon werden allen voran die US-Unternehmen profitieren. Die Politik der Amerikaner, die nach dem Kuweit-Krieg konsequent ihre neuen Verbündeten am Golf mit Militärtechnologie versorgt haben, beginnt sich auszuzahlen.

Der Markt verlangt nach intelligenter Munition

Kunden wollen intelligente Munition: Vorbereitung zur Bewaffnung eines Kampfjets
AP

Kunden wollen intelligente Munition: Vorbereitung zur Bewaffnung eines Kampfjets

Allein im Jahr nach der Befreiung Kuweits 1991 schlossen Unternehmen wie etwa Boeing, Lockeed Martin oder Raytheon Geschäfte in Höhe von 13,2 Milliarden Dollar im Mittleren Osten ab. Zu den größten Deals, die seit den Terroranschlägen am 11. September eingefädelt wurden, zählt eine Bestellung aus Kuweit für 16 "Apache"-Helikopter, den wohl kampfkräftigsten Hubschraubern aus dem Hause Boeing, sowie 288 "Hellfire"-Raketen von Lockheed Martin - Kaufpreis: 2,1 Milliarden Dollar. Die Luftwaffe von Jordanien wartet noch auf eine eine Lieferung von F-16-Jets aus dem Hause Lockheed Martin.

Geschäfte mit teuren Großsystemen wird es allerdings nach Einschätzung von Experten erst einmal in geringerem Umfang geben, denn die Regime sind bereits bis an die Zähne bewaffnet. In der Folge des Irak-Feldzugs rücken die relativ billigen Satelliten gestützten Waffen ins Blickfeld. Auch intelligente Munition wird gefragt sein.

Trotzdem sind die zu erwartenden Umsätze nicht eben gering. Allein die berüchtigten "Tomahawks" von Raytheon, von denen in den ersten 24 Stunden des Krieges 500 auf Bagdad flogen, kosten pro Stück 600.000 Dollar.

Über deren Wirksamkeit können sich die Käufer bei Fox News und CNN überzeugen, die 24 Stunden pro Tag live über die Kriegshandlungen im Irak berichten. "Die Berichterstattung der großen Networks kommt einer ultimativen Reklame-Show für die Waffenindustrie gleich", sagt auch Tamar Gabelnick, der ein wissenschaftliches Projekt zur Überwachung des internationalen Waffenhandels leitet.

Bei Kunden ist das Pentagon nicht wählerisch

Einige Beobachter sehen die Entwicklung jedoch mit großer Sorge. Das Pentagon, so ihre Befürchtung, könnte denselben Fehler begehen, den es in der Vergangenheit schon etliche Male begangen hat. Denn was die Kunden angeht, sind die Verantwortlichen wenig wählerisch. Jeder Potentat, der Geld hat und sich als Symphatisant der USA ausgibt, kann seine Bestellung aufgeben. Das Risiko ist enorm. Denn speziell die Region im Nahen Osten gleicht schon lange dem sprichwörtlichen Pulverfass - in den Waffenkammern lagern ungeheure Mengen an Sprengkraft.

Irak-Krieg als Werbefeldzug: Apache Kampfhubschrauber
AFP

Irak-Krieg als Werbefeldzug: Apache Kampfhubschrauber

Ein Risiko gehen die US-Waffenhändler aber auch in anderer Hinsicht ein. Denn es ist keineswegs gewährleistet, dass ein Regime, das sich als Freund der USA ausgibt, in Zukunft nicht seine Gesinnung ändert. Im Ernstfall stünden die US-Marines dann einem Gegner gegenüber, der die gleichen Waffen benutzt wie sie selbst. "Es ist keineswegs gewährleistet, dass die Verbündeten von heute auch die Verbündeten in mittlerer Zukunft sein werden", sagt Gabelnick, "Wenn Sie die Waffen einmal verkauft haben, haben sie keine Kontrolle mehr darüber".

Dass solch ein Szenario nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt das Beispiel Irak. Noch in den achtziger Jahren gab das Pentagon seine Zustimmung zur Lieferung von etlichen Rohstoffen, die später für die Waffenproduktion verwendet wurden, darunter Zutaten für den Bau von Chemiewaffen und Anthrax-Sporen.

Doch selbst in diesem Fall scheinen die US-Strategen aus dem Schaden nicht klug geworden zu sein. Vertreter der Industrie jedenfalls sind überzeugt, dass nach dem Krieg ein Boom im Irak-Geschäft einsetzen wird. "Wenn die alliierten Truppen abgezogen sind, werden sie ein sicheres und starkes Land zurücklassen. Und das bedeutet, dass der Irak wieder mit starker Feuerkraft ausgerüstet werden wird", sagt Brett Lambert, Mitarbeiter des in Washington angesiedelten Strategie- und Sicherheitsberaters DFI International. "Die Ausrüstung für das künftige Regime wird hauptsächlich aus den USA kommen."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.