Finanzquellen des "Islamischen Staats" Die Beute-Ökonomie

Der "Islamische Staat" ist ein Terrorkonzern, geführt mit kühler Kalkulation. Eine Analyse der Einnahmen zeigt: Solange der IS weite Teile Syriens und des Irak beherrscht, ist er finanziell nicht auszutrocknen.

IS-Kämpfer in Rakka (Juni 2014): Ausraubung des Territoriums
AP/dpa

IS-Kämpfer in Rakka (Juni 2014): Ausraubung des Territoriums

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Kein Zweifel: Der "Islamische Staat" (IS) ist reich, er gilt als kapitalkräftigste Terrororganisation der Geschichte. Nach den Anschlägen in Paris, in Beirut und auf dem Sinai stellt sich daher umso drängender die Frage: Kann der IS finanziell trockengelegt werden?

Relativ klar ist, über welche Arten von Einnahmen der IS grundsätzlich verfügt. Darüber besteht weitgehende Einigkeit bei Regierungen und unabhängigen Experten: Verkauf von Erdöl, Ausraubung der besetzten Gebiete und ihrer Bewohner, Handel mit Beutekunst, Lösegelderpressungen und Spenden.

Etwas anders sieht es allerdings bei der Frage aus, wie viel Geld diese Quellen jeweils abwerfen - wie stark also der IS jeweils von ihnen abhängig ist. Hier gehen die Schätzungen erstaunlich weit auseinander, widersprechen sich teilweise sogar, ob von unabhängigen Experten oder von Regierungen, die immerhin auf Geheimdienste zurückgreifen können.

Und das, obwohl der IS "wie ein normales Unternehmen geführt wird. Es gibt eine ordentliche Buchhaltung", wie es die US-amerikanische Kriminologin und Terrorismusexpertin Louise Shelley im SPIEGEL beschreibt. Allerdings gelangen diese Unterlagen nur sporadisch nach außen - wenn dies jedoch geschieht, müssen die bisherigen Schätzungen zumeist drastisch korrigiert werden. Seit Kurzem gehen etwa die USA davon aus, dass der Ölschmuggel dem IS fünfmal mehr Geld einbringt als zuvor angenommen - durch eine der seltenen militärischen Bodenaktionen waren den Amerikanern Unterlagen in die Hände gefallen.

(Am Ende dieses Artikels finden Sie eine Übersicht der Einnahmequellen, des geschätzten Aufkommens und der möglichen Bekämpfung.)

In einem Punkt unterscheidet sich der IS fundamental von allen anderen Terrororganisationen: Er herrscht über Territorium. Große Teile Syriens und des Irak sind unter seiner Kontrolle, fünf bis acht Millionen Menschen leben in diesen Gebieten.

Vom IS eroberte Gebiete in Syrien und im Irak, Stand 1. November 2015
DER SPIEGEL

Vom IS eroberte Gebiete in Syrien und im Irak, Stand 1. November 2015

Das wirkt sich entscheidend auf die Finanzen des IS aus:

Einerseits steigt der Finanzbedarf erheblich. Verwaltung sowie der Unterhalt von Straßen, Stromleitungen, Schulen und Krankenhäuser kosten viel Geld, zusätzlich zu den hohen Kosten der Kriegsführung. Das US-Finanzministerium schätzt den jährlichen Finanzbedarf des IS ebenso wie arabische Medien auf rund zwei Milliarden Dollar. Dieser dürfte tendenziell schon allein deswegen steigen, weil der IS Witwen und Waisen gefallener Kämpfer dauerhaft alimentiert - deren Zahl wiederum mit jedem Tag des Krieges steigt.

Andererseits erschließen sich neue, dauerhaft sprudelnde Einnahmequellen. Dazu gehören alle Zugriffe auf das Geld der Unternehmen und Bewohner - Steuern, Zölle, Zwangsabgaben, Beschlagnahmungen, Sklavenhandel, Raub. Darüber hinaus der Schmuggel von Öl und Gas aus den eroberten Quellen sowie der Verkauf von Getreide und antiken Kunstschätzen.

Ein weiterer unschätzbarer Vorteil für den IS: Er kann - zumindest für eine gewisse Zeit - Einnahmeausfälle aus anderen Quellen ausgleichen, indem er noch ein wenig mehr aus den besetzten Gebieten herausquetscht. Der am Londoner King's College forschende Terrorismusexperte Peter Neumann charakterisiert den IS daher als "Beute-Ökonomie".

Zudem erleichtert die Kontrolle über Territorium dem IS die Existenz als "Bargeld-Organisation", wie es der Ökonom Howard Shatz vom Thinktank Rand ausdrückt, der dem US-Verteidigungsministerium nahesteht. Der IS hat kein Bankkonto, das man eben sperren könnte. Die Organisation wickelt fast alle Geschäfte in bar ab, das Geld wird in der Regel nicht überwiesen, sondern per Kurier transferiert. Wo das nicht möglich ist, nutzt der IS das traditionelle Hawala-System und bei internationalen Transaktionen vermutlich dezentrale Zahlungssysteme wie Bitcoin, auf die Sicherheitsbehörden bislang kaum Zugriff haben (siehe ausführlich im Abschnitt "Spenden").

Dementsprechend erfolglos verliefen bislang Bemühungen, dem IS mit den klassischen Mitteln der Geldwäschebekämpfung beizukommen. Zudem mangelt es auf diesem Gebiet offenbar immer noch an effizienter Zusammenarbeit. Einem aktuellen Bericht der darauf spezialisierten Organisation FATF des Industrieländerklubs OECD zufolge haben lediglich Saudi-Arabien und die USA nennenswerte Beträge auf Konten eingefroren - die aber mit zusammen knapp 52 Millionen Dollar gemessen an den geschätzten Einnahmen des IS immer noch gering sind.

An all dem wird deutlich, dass die Frage eigentlich lauten müsste: Inwieweit kann der IS überhaupt finanziell spürbar geschwächt werden, ohne ihn mit Bodentruppen von seinem Territorium zu vertreiben?

Und noch eine Frage drängt sich auf: Welche Wirkung hat es, den IS so weit wie möglich finanziell trockenzulegen?

Terrorattacken wie jene von Paris wird man jedenfalls nicht von jetzt auf gleich verhindern können. Das legt eine Analyse des FFI nahe, der Forschungsabteilung der norwegischen Streitkräfte. Das FFI wertete 40 verübte und versuchte islamistische Anschläge mit Europa-Bezug aus den Jahren 1994 bis 2013 aus. Ergebnis: In drei Viertel der Fälle kosteten sie weniger als 10.000 Dollar.

Um Summen in dieser Höhe aufzutreiben, brauchen Terroristen kein Geld aus der Zentrale. Im Fall der "Charlie Hebdo"-Anschläge reichte der FATF zufolge ein Konsumentenkredit über 6000 Euro, den einer der Attentäter bekam, obwohl er arbeitslos war.

Längerfristig hält US-Expertin Shelley es jedoch durchaus für möglich, durch das Kappen der Einnahmequellen Terror eindämmen zu können. Nur die unmittelbaren Kosten eines Anschlages zu betrachten, sei der falsche Ansatz. "Die entscheidende Frage ist doch, was es kostet, eine terroristische Organisation zu unterhalten. Dafür brauchen Sie eine gewaltige Logistik, Sie müssen alle Kämpfer bei Laune halten, die Hinterbliebenen getöteter Terroristen versorgen und so weiter. Dafür benötigen Sie sehr viel Geld."


Die Einnahmequellen des "Islamischen Staats"

Ölförderung in syrischer Hasakeh-Provinz (Juli 2015)
AFP

Ölförderung in syrischer Hasakeh-Provinz (Juli 2015)


Erdöl


Einnahmen: hoch, Schätzungen reichen von rund 70 Millionen bis zu einer Milliarde Dollar im Jahr

Lange Zeit galt der Verkauf des Öls aus den besetzten Feldern im Irak und Syrien als wichtigste Einnahmequelle des IS. Um das Öl im Ausland verkaufen zu können, greift die Terrororganisation offenbar auf traditionelle Schmuggelrouten zurück, durch die bereits der Irak unter Saddam Hussein die internationalen Sanktionen umging. Einen großen Teil verkauft der IS aber offenbar im Irak und in Syrien selbst - und zwar an seine Feinde: die Truppen des Assad-Regimes, der Kurden und der Opposition.

Bis in den Herbst 2014 schätzte das US-Finanzministerium die täglichen Einnahmen auf ein bis zwei Millionen Dollar, aufs Jahr gerechnet also rund eine halbe Milliarde Dollar. Einige Experten gingen sogar von Einnahmen bis zu einer Milliarde Dollar im Jahr aus.

Nachdem die USA, Frankreich und Großbritannien im Sommer 2014 mit Luftangriffen gegen den IS im Irak begannen, glaubten sie bald, die nötige Infrastruktur nachhaltig getroffen zu haben. Zudem stürzte der Ölpreis auf den Weltmärkten Ende 2014 spektakulär ab - was den IS wiederum zu Preissenkungen in ähnlicher Größenordnung für sein Schmuggelöl gezwungen haben dürfte.

In diesem Frühjahr gingen die westlichen Alliierten daher von deutlich reduzierten Einnahmen aus. So teilte etwa die Bundesregierung im März 2015 mit, ihrer Einschätzung nach "betragen die Einnahmen von ISIS aus dem Ölgeschäft höchstens 200.000 Dollar pro Tag". Aufs Jahr gerechnet entspricht das maximal 73 Millionen Dollar. Auch die US-Regierung rechnete zu dieser Zeit lediglich mit rund hundert Millionen Dollar jährlichen Öleinnahmen des IS.

Inzwischen glaubt die US-Regierung jedoch, sich gründlich geirrt zu haben, was den Schaden der Ölförderanlagen betrifft. Grundlage dafür könnten Dokumente der IS-Finanzbehörde sein, die den USA seit einem Kampfeinsatz am Boden vorliegen und die vermutlich die gleichen sind, die die Nachrichtenagentur AP einsehen konnte. Demnach betrugen die Öleinnahmen allein im April 46,7 Millionen Dollar. David Cohen, der Terrorexperte des US-Finanzministeriums, schätzt die Jahreseinnahmen aktuell wieder auf rund eine halbe Milliarde Dollar.

Sollten diese jüngsten Annahmen stimmen, wäre es allerdings auch wahrscheinlich, dass die Öleinnahmen des IS bis zum Herbst 2014 wesentlich höher waren. Denn damals lag der Weltmarktpreis für Öl fast dreimal so hoch wie heute - entsprechend mehr dürfte der IS für sein Schmuggelöl genommen haben.

Bekämpfung:

Als die USA, Frankreich und Großbritannien im Sommer 2014 die Luftschläge gegen den IS starteten, griffen sie auch dessen Ölinfrastruktur an. Allerdings überschätzten sie die Wirkung dieser Schläge offenbar erheblich - und unterschätzten die Fähigkeit des IS, die Anlagen rasch wieder zu reparieren. So gestand ein hochrangiger US-Militär nur wenige Stunden vor den Paris-Anschlägen auf einer Pressekonferenz, einige Angriffe hätten die Förderung lediglich für ein bis zwei Tage unterbrochen.

Video-Standbild des russischen Verteidigungsministeriums: Angriff auf IS-Ölproduktion
AFP

Video-Standbild des russischen Verteidigungsministeriums: Angriff auf IS-Ölproduktion

Bereits seit einigen Monaten scheinen die westlichen Alliierten daher ihre Taktik zu ändern. Statt sich auf die Produktion zu konzentrieren, nehmen sie nun offenbar verstärkt den Transport ins Visier. So lobte das US-Justizministerium Ende September offiziell eine Belohnung über fünf Millionen Dollar für Hinweise auf Schmuggelrouten aus.

Die Pariser Anschläge haben nun die Bedenken beseitigt, die rund tausend Tanklastwagen anzugreifen, mit denen das Öl auf IS-Territorium transportiert wird. Bis dahin sahen die USA eigenen Angaben zufolge davon ab, weil die Wahrscheinlichkeit ziviler Opfer hoch ist. Am Montag vergangener Woche teilte das Pentagon mit, mindestens 116 Tanklaster zerstört zu haben. Auch Russland fliegt seit Kurzem Angriffe auf Produktionsanlagen des IS.

Im Video: Russische Angriffe auf IS-Ölindustrie in Syrien

Prognose:

Das Geschäft mit dem Öl ist von allen Geldquellen des IS die verwundbarste, auch wenn sich die Alliierten auf Luftangriffe beschränken. Zwar wird es kaum gelingen, die Einnahmen ganz auf null zu senken - aber eine erhebliche Reduzierung scheint möglich, allerdings vermutlich um den Preis höherer Opferzahlen unter Zivilisten.

IS-Polizist mit Bewohnern der syrischen Stadt Rakka: Urteilsverkündung
AP /Islamistische Propaganda-Website

IS-Polizist mit Bewohnern der syrischen Stadt Rakka: Urteilsverkündung


Steuern, Zölle, Zwangsabgaben, Beschlagnahmungen, Plünderungen, Menschenhandel


Bedeutung: sehr hoch, Schätzungen reichen bis zu 850 Millionen Dollar im Jahr

Die Ausbeutung der eroberten Territorien ist bei Weitem die wichtigste Einnahmequelle des IS, darüber sind sich westliche Regierungen und Experten wie SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter einig. Eine überragende Bedeutung haben dabei die vielfältigen Formen, die Bevölkerung auszurauben: Steuern und Zwangsabgaben machen davon nur einen Teil aus. Unter anderem hat der IS auch den Getreideanbau und -handel unter seiner Kontrolle, auf seinem Territorium liegen einige der fruchtbarsten Anbaugebiete.

Darüber hinaus beschlagnahmt der IS Eigentum von Unternehmen und von Menschen - vor allem jener, die er als Feinde oder Ungläubige betrachtet. So verlangt der IS etwa Schutzgeld von Christen und Jesiden. Wer vor ihm flüchtet, muss oft viel Geld bezahlen, um aus dem Machtgebiet gelassen zu werden, die zurückgelassenen Häuser und Besitztümer gehen in den Besitz des IS über. Zudem wird darüber berichtet, dass Frauen gefangen genommen und vergewaltigt oder verkauft werden - um verheiratet zu werden oder als Sklavinnen zu dienen. Auch Zölle erhebt der IS.

Die Auswertung eines IS-Monatsfinanzberichts für eine ölreiche Provinz gibt Hinweise darauf, dass das Aufkommen aus diesen Quellen erheblich höher ist als das aus dem Ölgeschäft. Auch strategisch sind diese Einnahmen für den IS wertvoll: Eventuelle Einbußen bei anderen Einnahmequellen kann der IS zumindest vorübergehend ausgleichen, indem er Land und Leute noch stärker ausbeutet.

Bekämpfung:

Im Gegensatz zum Ölgeschäft lässt sich diese Einnahmequelle nur spürbar eindämmen, wenn der IS aus den besetzten Territorien vertrieben wird.

Prognose:

Ohne die Vertreibung des IS aus den besetzten Territorien werden diese Einnahmen kaum reduziert werden können.

Gerettete Antiken im irakischen Nationalmuseum in Bagdad (Juli 2015): Von US-Soldaten aus Besitz des IS befreit
REUTERS

Gerettete Antiken im irakischen Nationalmuseum in Bagdad (Juli 2015): Von US-Soldaten aus Besitz des IS befreit


Antikenhandel


Bedeutung: erheblich, geschätzt bis zu mehr als hundert Millionen Dollar im Jahr

Assyrer, Babylonier, Griechen, Römer, Byzanz - alle diese Hochkulturen haben auf dem nun vom IS besetzten Gebiet zahlreiche Spuren hinterlassen. Nicht weniger als 4500 antike Stätten sollen auf IS-Territorium liegen. Der IS hat zwar einen Teil öffentlichkeitswirksam gesprengt, zudem wurden durch den Krieg weitere zerstört - ein großer Teil antiker Fundstücke aus den archäologischen Stätten und Museen sieht die Terrororganisation jedoch als wertvolles Verkaufsgut an. Die geraubten Kunstschätze finden so ihren Weg in Privatsammlungen, Antiquariate und Auktionshäuser in aller Welt.

Die vom US-Justizministerium ausgelobten fünf Millionen Dollar gibt es nicht nur für Hinweise auf Schmuggelrouten für Öl, sondern auch für die antiken Kulturschätze. Zwar ist das Aufkommen aus dem Verkauf der geplünderten Antiken sehr schwierig zu schätzen, US-Behörden gehen jedoch davon aus, dass der IS dadurch mehr als hundert Millionen Dollar im Jahr einnehmen könnte.

Bekämpfung:

Anders als beim Öl lässt sich der Antikenschmuggel durch Luftangriffe nicht eindämmen. FATF, die Geldwäscheeinheit der OECD, fordert daher strenge Anforderungen für Auktionshäuser, Antiquitätenhändler und beteiligte Banken, was Herkunftsnachweise betrifft. Dieses Vorgehen hat jedoch bislang bei der Bekämpfung des illegalen Kunsthandels abseits der Terrorfinanzierung keine durchschlagende Wirkung gezeigt.

Prognose:

Ohne die Vertreibung des IS aus den besetzten Territorien werden diese Einnahmen kaum deutlich reduziert werden können.

IS-Geiselnehmer fordert in Video Lösegeld (Januar 2015)
AP

IS-Geiselnehmer fordert in Video Lösegeld (Januar 2015)


Lösegeld


Bedeutung: eher gering, Schätzungen reichen von 20 bis 45 Millionen Dollar im Jahr

Der IS nimmt nicht nur Geiseln, um sie öffentlichkeitswirksam hinzurichten - oft will er mit ihnen schlicht Lösegeld erpressen. Oft sind es Mitarbeiter global tätiger Konzerne oder Journalisten. Bezahlt wird das Lösegeld daher teilweise von privaten Unternehmen, die allerdings ein großes Interesse haben, dass diese Fälle nicht bekannt werden. Auch Staaten zahlen in Einzelfällen, wobei die USA und Großbritannien das für sich strikt ausschließen.

Die US-Regierung geht laut FATF davon aus, dass der IS 2014 rund 20 bis 45 Millionen Dollar an Lösegeld eingenommen hat.

Bekämpfung:

Die Regierungen von Großbritannien und der USA zahlen generell kein Lösegeld. Dafür nehmen sie auch den Tod von Geiseln in Kauf - verweisen jedoch darauf, dass andernfalls jede erfolgte Lösegeldzahlung mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Geiselnahmen zur Folge hat.

Prognose:

Diese Einnahmen werden kurzfristig kaum reduziert werden können.

Kuweit-Stadt: Startkapital für den IS
REUTERS

Kuweit-Stadt: Startkapital für den IS


Spenden


Bedeutung: früher hoch, inzwischen gering

Experten gehen davon aus, dass der IS in seinen Anfangsjahren von reichen Gönnern in den Golfstaaten wie Katar, Saudi-Arabien oder Kuwait Spenden erhielt. So bildete er einen großen Teil seines Startkapitals.

Inzwischen wird das Aufkommen daraus jedoch als eher gering eingeschätzt. Insbesondere Saudi-Arabien geht den OECD-Geldwäscheexperten zufolge inzwischen rigoros gegen Möglichkeiten des Spendens vor.

Interessant ist diese Einnahmequelle, weil das von der EU finanzierte Sicherheitsforschungsinstitut EUISS vermutet, dass der IS Bitcoin benutzt - eine rein digitale Währung, die auf komplizierten kryptografischen Verfahren basiert und ohne Zentralbank auskommt. Benutzt würden dazu vermutlich Plattformen im sogenannten Dark Web, einem Teil des Internets, der nur mit spezieller Verschlüsselungssoftware zugänglich ist. Ein Mitglied einer aus der Netzguerilla Anonymous hervorgegangenen Hackergruppe namens Ghost Security Group stimmte dem in einem Interview mit der auf die Kryptowährung Bitcoin spezialisierten Seite NewsBTC zu. Man habe dem IS mehrere Bitcoin-Konten zuordnen können, eines davon enthalte Bitcoin im Wert von drei Millionen Dollar.

Bekämpfung :

Kurz nach den Attacken von Paris kündigten Untergruppen der Netzguerilla Anonymous an, den IS im Internet zu attackieren - in diesem Zusammenhang wurden auch die Bitcoin-Konten genannt.

Bitcoin-Transaktionen gelten zwar als schwer rückverfolgbar, tatsächlich anonym sind sie aber in Wahrheit nicht. Alle Transaktionen werden dauerhaft in einem über ein verteiltes Netzwerk gespeicherten digitalen Kassenbuch gespeichert, der sogenannten Blockchain. Auch die traditionellen Bankhäuser interessieren sich mittlerweile für den Einsatz von Blockchain-Technologie.

In den USA ist inzwischen ein 17-jähriger US-Bürger zu elf Jahren Haft verurteilt worden, unter anderem weil er IS-Anhänger in der Benutzung der Kryptowährung unterwiesen haben soll.

Prognose:

Da die vermuteten Einnahmen aus Spenden und der Nutzung dezentraler Währungen gering sind, wären auch die Effekte einer erfolgreichen Bekämpfung entsprechend klein.

Bankfiliale in Mossul/Irak (Archivbild von 2003): Bargeldbestände eroberter Banken im Besitz des IS
AP

Bankfiliale in Mossul/Irak (Archivbild von 2003): Bargeldbestände eroberter Banken im Besitz des IS


Der Kapitalstock des IS


Der IS konnte seine Kassen durch einmalige Raubzüge bei der Eroberung der von ihm beherrschten Gebiete füllen. Allein durch die Plünderung der Nationalbank in Mossul soll der IS nach Einschätzung der Bundesregierung "mehrere hundert Millionen Dollar" erbeutet haben. Zudem sei davon auszugehen, dass sämtliche Banken in den eroberten Gebieten enteignet und die Einlagen konfisziert worden seien. Die Uno gibt die Gesamteinnahmen aus diesen Beutezügen mit 1,5 Milliarden Dollar an.

Auf diese Weise hat der IS einen veritablen Kapitalstock aufgebaut, den die Bundesregierung auf bis zu zwei Milliarden Dollar schätzt.

Mitarbeit: Christian Stöcker; Grafik: Frank Kalinowski

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
kaischek 23.11.2015
1. Etwas vergessen
Sie haben die Schutzgelder vergessen, die Staaten, wie Saudi Arabien, Bahrain, Qatarh oder VAE zahlen, damit der IS sich von deren Gebieten fern hält. So wird das Monster immer fetter.
ss7major 23.11.2015
2. Bei
der zur Verfügung stehenden und sicherlich in einem solchen Brennpunkt befindlichen Satellitentechnik, verwundern schon einige Aspekte. Mit Wärmebildkameras ist es ein leichtes LKW-Konvois, und das müssen es sein bei den Mengen- in solch einem Ausmaß zu lokalisieren und die Routen zu dokumentieren. Uns darzustellen, man wüsste nichts, ist ... Darüber hinaus sollten auch einmal die Käufer der Hehlerware genannt werden, und die Banken, die mit denen zusammenarbeiten. Dort den Hebel anzusetzen fällt vielleicht etwas schwer, angesichts der Flüchtlingssituation, dennoch sollte auch das intensiviert werden. Dies ständig auf Geschmeidig machen, hilft letztendlich den Falschen.
dasdondel 23.11.2015
3. Am Ende
komme ich zu dem Schluss, dass erst Leute aus dem "Westen" Dinge vom IS kaufen, ihnen Dollars geben - dann der IS mit diesen Dollars Dinge von Leuten aus dem "Westen" käuft. Wer finanziert den IS ?
filou8 23.11.2015
4.
Der IS ist finanziell ganz einfach auszutrocknen: kein Öl mehr abkaufen, lieber Herr Erdogan und liebe G20-Staaten! Und keine Waffen und Fahrzeuge mehr liefern, liebe USA. Und ganz schnell Sanktionen verhängen, wie gegen Rußland. Dort war das ja auch kein Problem, obwohl sich Rußland nichts zu Schulden kommen ließ.
j.f. Sebastian 23.11.2015
5. Wie in den islamischen...
...Quellen nachzulesen ist, ist das exakt der gleiche Weg, mit dem Mohammed und seine Anhänger die Errichtung eines Staatsgebildes in Medina finanziert haben, nachdem man ihn aus Mekka vertrieben hatte. Überfälle (Kriegsbeute), Zakāt (Steuerabgabe für Muslime), Dschizya (Kopfsteuer für Nichtmuslime). Schon erstaunlich, daß der IS nichts mit dem Islam zu tun hat.
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