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Propaganda des "Islamischen Staats": So kommt der Terror ins Netz

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Terrormiliz: Leben unter dem IS in Syrien Fotos
REUTERS

Der "Islamische Staat" nutzt das Internet für seine Kommunikation und seine Propaganda. SPIEGEL-ONLINE-Recherchen zeigen jetzt: Europäische Firmen stellen die Technik für die Web-Zugänge bereit. Wie der Handel funktioniert, wo die Anlagen stehen - der Überblick.

Keine Terrororganisation nutzt das Internet so erfolgreich für die Selbstvermarktung und die Rekrutierung von Anhängern wie der "Islamische Staat" (IS). Dabei operiert der IS in einer Region, deren Telekommunikationsinfrastruktur weitgehend zerstört ist. Wie passt das zusammen?

Die Antwort ist beschämend für Europa: Es sind auch europäische Unternehmen, die den Terroristen die Möglichkeit geben, ihre Propaganda zu verbreiten. Unklar ist zwar, ob sie das wissentlich tun, entscheidend aber ist: Sie könnten es wissen, das zeigen Dokumente, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Und technisch könnten sie die Kommunikationswege kappen - sofort und ohne großen Aufwand.

Die Technik - Per Satellit ins Netz

Werbung im Basarviertel von Antakya: Tausende Kunden in Syrien und im Irak Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Werbung im Basarviertel von Antakya: Tausende Kunden in Syrien und im Irak

Wer in Syrien oder im Irak einen Internetzugang braucht, kann sich die Technik in der Provinz Hatay besorgen - einem Zipfel Türkei zwischen Mittelmeer und syrischer Grenze. Im Basarviertel der Hauptstadt Antakya verkaufen Händler so ziemlich alles: Besen, Gewürze, Granatäpfel, Hochzeitskleider, Öfen, Betten und jede Art von Elektronik. In Antakya kreuzen sich seit Jahrtausenden die Handelswege - auch heute gehen Waren über die immer noch vergleichsweise durchlässige Grenze.

Tausende Anlagen sind in der Region installiert, mit denen Nutzer per Satellit auf das Internet zugreifen. Die Technik hat sich in den vergangenen Jahren weltweit schnell verbreitet: Statt einen Festnetzanschluss per Kabel benötigt man mittlerweile nur eine Satellitenschüssel, eine Sende- und Empfangsantenne und ein passendes Modem, um mit Topspeed im Internet zu surfen - bis zu 22 Megabit pro Sekunde im Download und 6 Megabit pro Sekunde im Upload. Das ist deutlich schneller als ein kabelgebundener DSL-Anschluss in Deutschland.

Der Weg ins Netz ist denkbar einfach, wenn auch nicht billig: Die kompletten Anlagen sind in Syrien für rund 500 Dollar zu haben. Dazu kommen die Kosten für den Internetzugang - ebenfalls rund 500 Dollar für sechs Monate mit kleinem Datenvolumen und technischem Support per E-Mail.

Basarviertel in Antakya: Hochzeitskleider und Internetzugänge Zur Großansicht
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Basarviertel in Antakya: Hochzeitskleider und Internetzugänge

Für Menschen in Regionen ohne Infrastruktur ist die Technik ein Segen: Sie können über E-Mail, Facebook oder Instagram Kontakte zu Freunden, Familien, dem Rest der Welt halten, sie haben Zugang zu allen Unterhaltungs- und Informationsdiensten. Für Oppositionelle und Aktivisten in Diktaturen ist das Internet eines der wichtigsten Kommunikationsmittel, Hilfsorganisationen koordinieren ihre Arbeit mit solchen Anlagen.

Aber auch Terrororganisationen nutzen die Technik - so können sie sich auch in unzugänglichen Regionen gut vernetzen, Propaganda hochladen, Informationen austauschen und möglicherweise sogar Anschläge vorbereiten.

In Antakya jedenfalls belebt die Nachfrage von jenseits der Grenze das Geschäft: Zwei von vielen Händlern im Basarviertel sagen unabhängig voneinander, dass sie mit jeweils 2500 syrischen Nutzern rund 100.000 Dollar umsetzen - monatlich. An wen genau sie liefern? Ausschließlich an Handelspartner vor Ort sagen sie vorsichtig. Wer die Endkunden sind, wüssten sie selbst nicht genau.

Unglaubwürdig ist das nicht: Theoretisch kann jeder so eine Anlage erwerben. Allerdings hat der IS den Internetzugang in seinen Gebieten weitgehend unter Kontrolle. Wie syrische Medienaktivisten von Aleppo24 und Deirezzor24 SPIEGEL ONLINE berichten, verbietet der IS normalen Bürgern den Kauf von entsprechender Technik. In Städten mit starker IS-Präsenz wie Rakka oder Deir-al Sor haben zudem ausschließlich Techniker der Terrormiliz die Erlaubnis, solche Anlagen zu installieren - wer andere beauftragt oder es selbst versucht, muss mit harten Strafen rechnen.

Ob Privatpersonen ein Anschluss gewährt wird, hängt von den jeweiligen Befehlshabern, den Emiren ab: Einige koppeln ganze Regionen ab, andere erlauben Geldwechselstuben den Zugang, den Betrieb von Internetcafés oder gar die Einrichtung von WLAN-Netzwerken für die Nachbarschaft. Sicher ist nur: Ohne Zustimmung des IS läuft nichts.

Den syrischen Aktivisten zufolge sind die Satellitenanlagen trotzdem allgegenwärtig: auf den Dächern von IS-Medienzentren und Privathäusern von Angehörigen der Terrormiliz - ohne diese Anlagen könnten sie kaum mit dem Rest der Welt kommunizieren.

Die Profiteure - Wer an dem Geschäft verdient

Rotterdam, der drittgrößte Seehafen der Welt, ist der vermutlich größte Umschlagplatz für die Satellitenanlagen auf ihrem Weg in den Nahen Osten. Dort, zwischen jährlich mehr als zwölf Millionen Containern, erreichen Satellitenschüsseln und Modems Europa. Die Produzenten sitzen in den USA und Fernost, die Auftraggeber aber haben ihren Sitz in Paris, London oder Luxemburg.

Eine ganze Kette von Vertriebsfirmen verkauft die Internetzugänge und die passende Technik. Am Anfang stehen große europäische Satellitenbetreiber, insbesondere die Firmen Eutelsat aus Frankreich, Avanti Communications aus Großbritannien und SES aus Luxemburg. Besonders populär sind die Marken Hughes von Avanti und vor allem Tooway von Eutelsat - beide Konzerne lassen ihre Satellitenanlagen von US-Firmen herstellen, Hughes hat seine Zentrale nahe Washington D.C., die Tooway-Anlagen stellt die Firma ViaSat mit Sitz in Kalifornien her.

Vertriebsfirmen nehmen den Satellitenbetreibern dann Anlagen und Satellitenkapazität ab und verkaufen sie wieder an Privatleute oder Unternehmenskunden. Zuweilen arbeiten sie mit weiteren Firmen zusammen, ein Beispiel dafür ist die deutsche Firma Sat Internet Services aus dem norddeutschen Neustadt am Rübenberge.

Unternehmenschef Victor Kühne ist gut im Geschäft, vor ein paar Jahren weitete er seinen Vertrieb auf die Türkei aus - der Markt in der EU ist aufgrund der nahezu flächendeckenden Verbreitung von Internetzugängen sehr begrenzt. Auch in der Türkei läuft der Verkauf aber eher schleppend, im Vergleich zu klassischen DSL-Zugängen per Kabel ist die Satellitenverbindung teuer.

Kundenzahlen geben die Satellitenbetreiber zwar nicht preis, aber es gibt Anhaltspunkte: Wer in der Türkei einen Internetzugang per Satellit haben möchte, muss sich dafür bei der Telekommunikationsbehörde BTK registrieren. Dem jüngsten Bericht zufolge (PDF) waren in der Türkei im ersten Quartal 2015 gut 11.000 Anlagen gemeldet und damit nur 500 mehr als ein Jahr zuvor.

Aber allein die Neustädter Firma hat in den Jahren 2013 und 2014 mehr als 6000 Anlagen in die Türkei geschickt, wie aus Zollunterlagen hervorgeht, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Die meisten davon dürften das Land also wieder verlassen haben - vermutlich vor allem gen Syrien. Der syrische Markt hat einen entscheidenden Vorteil: Es gibt zum Internetzugang per Satellit keine Alternative - dementsprechend hoch sind dort auch die Preise.

Die Verantwortlichen - Was die Firmen wissen (könnten)

Es ist unwahrscheinlich, dass die Firmen den IS unterstützen möchten und es ist auch unklar, ob irgendeiner der Beteiligten weiß, an wen genau die Ware letztendlich geht. Hinweise allerdings gibt es schon, wie einer erzählt, der dabei war: Immer wieder seien bärtige Gestalten in die Läden in Antakya gekommen, an den Füßen nur Flipflops. Bündelweise hätten sie Bargeld aus der Hosentasche gezogen und gleich Dutzende Anlagen geordert - dazu häufig Funkgeräte mit mehreren Kilometern Reichweite.

Ein Indiz dafür, dass der IS die Anlagen in der Türkei von Mittelsmännern kaufen lässt?

Technikladen in der Provinz Hatay: Funkgeräte mit großer Reichweite Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Technikladen in der Provinz Hatay: Funkgeräte mit großer Reichweite

SPIEGEL ONLINE hat alle beteiligten Firmen um eine Stellungnahme gebeten. Die Luxemburger Firma SES verweist darauf, dass sie ihre Dienste nur an geprüfte Großhändler verkaufen, nicht an Endkunden. Von Nutzern in vom IS-kontrollierten Gebieten in Syrien sei SES nichts bekannt - sollte das Unternehmen davon erfahren, würde es alle Mittel einsetzen um die Nutzung zu beenden.

Die französische Firma Eutelsat äußert sich deutlich zurückhaltender: Moderne Satellitenterminals seien klein, kompakt und sehr mobil - regelwidrige Nutzung könne deshalb nicht ausgeschlossen werden. In Syrien beschäftige Eutelsat keine eigenen Dienstleister - auch habe man keinen direkten Kontakt mit den Endkunden. Avanti ließ deutsche Anwälte abstrakte Warnungen aussprechen und zur Sache wenig mitteilen, was man aber auch keinesfalls zitieren dürfe. Vermutlich gilt aber nichts anderes als bei SES und Eutelsat.

Sicher ist, dass einige Informationen in der langen Vertriebskette verloren gehen. An wen die Händler in Antakya oder in syrischen Städten wie Aleppo verkaufen, ließe sich nicht nachvollziehen, sagen die Firmen.

Aber ist das so? Die Satellitenbetreiber und ihre Vertriebspartner kennen in der Regel die Standorte ihrer Anlagen. Wenn sie ihre Schüsseln installieren und den Internetzugang konfigurieren, müssen die Nutzer ihre GPS-Koordinaten angeben - sollten sie falsche Daten liefern, haben sie keine oder nur eine schlechte Verbindung, auch das zeigen die vorliegenden Dokumente. SPIEGEL ONLINE liegen einige dieser GPS-Koordinaten aus den Jahren 2014 und 2015 vor und schon diese Daten zeigen vor allem eins: Sie liegen in jenen Gebieten, die vom IS kontrolliert werden.

Anlagen mit genauen GPS-Koordinaten
Anlagen ohne GPS-Daten (nur Stadtname)
Vom "IS" kontrollierte Städte
Zwar stehen viele der Anlagen in der syrischen Stadt Aleppo, die nicht vollständig in der Hand der Terrormiliz ist, aber weitere Standorte sind in der inoffiziellen IS-Hauptstadt Rakka, in Al-Bab, in Deir al-Sor und entlang des Euphrats bis in den Irak hinein, dort vor allem in der IS-besetzten Stadt Mossul. (s. Karte).

Das Motiv - Warum gehen die Firmen nicht dagegen vor?

Grundsätzlich sind die Satellitenbetreiber darauf angewiesen, möglichst schnell möglichst viele Kunden zu gewinnen - die Investitionskosten für die Infrastruktur sind hoch. Zwar veröffentlichen die Firmen selbst keine Zahlen, aber Branchenkennern zufolge kostet es zwischen 300 und 400 Millionen Euro, einen Satelliten zu bauen und ins All zu schießen, die Betriebskosten kommen noch dazu. Das Problem: Die Satelliten haben nur eine Betriebszeit von rund 15 Jahren - die Kosten müssen sich also möglichst rasch amortisieren.

Erklärt das, warum die Betreiber es in Kauf nehmen, dass sie einer Terrorgruppe die Infrastruktur liefern, über die diese kommunizieren, Propaganda verbreiten und möglicherweise sogar Anschläge planen kann? Für die Firmen wäre es technisch ein leichtes, das Netzwerk zu kappen: Ein Klick über das Webportal OSS legt den Zugang lahm. Bei einem Verdacht wären die Betreiber technisch sogar dazu in der Lage zu sehen, welche Daten über die Anlagen verschickt oder abgerufen werden.

Entweder setzen die Firmen einfach darauf, dass ihre Technik die Reichweite beispielsweise von Fernsehsendern erhöhen, wie Eutelsat-CEO Michel de Rosen jüngst sagte, als er SPIEGEL TV einen von seinem Unternehmen ausgelobten Preis überreichte - ausgerechnet für eine Dokumentation über die IS-Herrschaft in Syrien. Vielleicht wollen die Unternehmen aber auch einfach nur ihr Geschäft betreiben, ohne genau nachzuforschen, wer von ihren Angeboten wo profitiert.

Oder aber die Firmen wissen genau, wie ihre Kanäle genutzt werden - und teilen ihr Wissen mit den Geheimdiensten. Auf Nachfrage äußerten sich dazu weder die Unternehmen noch die Geheimdienste.

Wenn dem so ist, hören die Spione seit Jahren die Kommunikation der Terroristen ab - und nehmen dabei in Kauf, dass der IS in der Zwischenzeit möglicherweise immer stärker wird. Schwer dürften es die Geheimdienste nicht haben, denn die Bodenstationen, über die das Satellitensignal ins Kabelnetz eingespeist wird, liegen unter anderem in den EU-Staaten Zypern (Avanti) und Italien (Eutelsat).

Besonders unangenehm dürfte die Eutelsat-Verbindung nach Syrien für die französische Regierung werden: Über die Bank Caisse des Dépôts hält der französische Staat indirekt mehr als 26 Prozent der Anteile an dem Satellitenbetreiber.

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    Seite 1    
1. Gewollter Terror?
_alexander_ 04.12.2015
Wladimir Putin hat nach dem G20-Gipfel eine für viele sehr unangenehme Wahrheit auf den Tisch gelegt: Die Terror-Miliz IS konnte nur so stark werden, weil die Truppe eine breite finanzielle Unterstützung aus aller Herren Länder erhalten hat. Er meinte: „Wie wir festgestellt haben, stammt die Finanzierung aus 40 Ländern, darunter auch einigen G20-Staaten.“ Und nun?
2. Gute Recherche.
Geziefer 04.12.2015
Danke für diesen Bericht.
3. das Netz ...
Hilfskraft 04.12.2015
das haben wir es wieder. Sicher ist eine Störung möglich, vielleicht sogar einfach. So, wie man Viagra-Werbung umleiten kann, so könnte man sicher auch die ganze IS-Propaganda ins Nirwana umleiten und zerhacken. Das gleiche mit dem Geldströmen. Tut man das, bis auf einige kleine Ansätze? Nein! Man jammert, man zetert aber man tut nichts dergleichen. Bomben ist ja viel einfacher ...
4. Wenn die Zugänge in Syrien abgeschaltet werden,
ericdbl 04.12.2015
haben wir demnächst noch mehr Flüchtlinge. Denn wer weiß, ob vor dem Gerät ein syrischer Zivilist sitzt oder ein IS Kämpfer? Eben. Keiner. Also weg mit diesem Artikel, der viel zu undifferenziert und polemisch ist.
5. auch beschämend
GoaSkin 04.12.2015
Gieskannen können genutzt werden, um illegale Rauschmittelpflanzen zu gießen. Und ein verkauftes Auto könnte als Fluchtwagen dienen. und. und. und. Einfach nur beschämend, überhaupt irgendwas zu produzieren oder zu verkaufen.
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