Island in Not Eine Insel kämpft gegen den Ruin

Island in höchster Not: Die wilde Expansion seiner Banken hat den Atlantik-Inselstaat bis kurz vor den Staatsbankrott getrieben - jetzt will die Regierung mit dramatischen Notstandsgesetzen das Schlimmste verhindern. Verlierer könnten Anleger in Großbritannien oder Deutschland sein.

Von Auðunn Arnórsson, Reykjavík


Reykjavik - Es war wohl die dramatischste Rede in seiner jahrzehntelangen politischen Laufbahn, die Islands Ministerpräsident je gehalten hat: "Es besteht eine sehr reelle Gefahr, meine Mitbürgerinnen und Mitbürger, dass die isländische Wirtschaft im schlimmsten Fall mit den Banken in einen Abwärtssog gerät und das Ergebnis ein Staatsbankrott sein könnte", sagte Geir H. Haarde in einer TV-Ansprache an sein Volk. Er kündigte außerdem ein Notstandsgesetz an, das noch am gleichen Abend durch das Parlament, das Allthing, gepeitscht wurde. Von keiner der vertretenen Parteien kam Widerstand.

Premier Haarde bei Pressekonferenz: Nach den Bankenpleiten in Europa und den USA steht erstmals ein Staat vor dem Bankrott
AP

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Das ist erstaunlich, denn das Paket hat es in sich: Das Notstandsgesetz gibt der staatlichen Finanzaufsicht weitgehende Befugnisse zum Eingreifen in die Finanzinstitute des Landes - die auch gleich in der Nacht zum Dienstag genutzt wurden. So wurde die Landsbanki, die zweitgrößte isländische Bank, unter staatliche Kontrolle gebracht. Schon eine Woche vorher hatte die Regierung 75 Prozent der Anteile an der drittgrößten Bank, Glitnir, für 600 Millionen Euro übernommen.

Wie konnte es zu einer solch dramatischen Krise kommen? Als Ursache gilt die extrem aggressive internationale Expansion der drei größten isländischen Banken. Mit außergewöhnlich hohen Zinsen für Tagesgeldkonten köderten sie Kunden auf fremden Märkten wie Großbritannien - und auch in Deutschland. Mittlerweile übertrifft der Gesamtumsatz des Bankentrios das Bruttosozialprodukt Islands um ein Zwölffaches.

Entscheidend am Gesetzespaket ist deshalb: Es erlaubt, keinerlei staatliche Garantien für die Auslandsschulden der isländischen Banken zu geben. Eine solche Sicherung würde den isländischen Staatshaushalt und damit den Steuerzahler komplett überfordern.

Den aber will die Regierung in erster Linie schützen. Deshalb hat sie entschieden, vor allem die Ersparnisse der Isländer zu sichern. Normalverbraucher und die Firmen des Landes sollen weiterhin alltägliche Bankdienstleistungen in Anspruch nehmen können. Deshalb hat der Staat das Inlandsgeschäft von Landsbanki und Glitnir übernommen - und will beide Institute zwingen, ihr Auslandsvermögen an den Höchstbietenden zu verkaufen.

Das aber könnte angesichts der momentanen Situation auf den internationalen Finanzmärkten schwierig werden. Es wird sich wohl kein Käufer finden, der genug bietet, um alle Schulden dieser Banken zu begleichen. Ein Teil wird also abgeschrieben werden müssen - und das werden auch deutsche Anleger zu spüren bekommen.

Nicht alle Banken sind dringend auf den staatlichen Eingriff angewiesen. Der Branchenprimus Kaupthing wäre auch ohne Intervention funktionstüchtig. Der isländische Staat hilft ihr aber mit einem Darlehen über 500 Millionen Euro aus dem Währungsfonds der Notenbank - vorher hatte die Europäische Zentralbank ein ebenso hohes Darlehen gekündigt. Kaupthings Geschäftsleitung, der CEO Hreiðar Már Sigurðsson und der Vorstandspräsident Sigurður Einarsson, beteuern seit Monaten, die Bank sei sicher.

Eine Frage bewegt sie Isländer am meisten - und gerade sie lässt sich noch nicht beantworten: Welche Folgen wird der Crash des Bankensystems für die Familien im Land haben? Klar ist nur, dass der staatliche Immobilienfonds Hypotheken übernehmen wird, um Familien in Zahlungsschwierigkeiten zu helfen. Am schlechtesten stehen jene Familien da, die in den letzten Jahren ihren Wohnungskauf durch Darlehen in ausländischen Währungen finanziert haben.

Der Handel mit der isländischen Krone stand in den letzten Tagen praktisch still - somit konnte kein Marktwert für die kleinste frei handelbare Währung der Welt ermittelt werden. Die Notenbank reagiert darauf zuletzt mit der zeitweiligen Bindung des Wechselkurses. Momentan bekommt man für einen Euro 131 Kronen - vor einem Jahr lag der Kurs noch unter 100 Kronen.

Einziger Lichtblick an diesem Katastrophentag schien die Nachricht, dass Russland der isländischen Notenbank ein Darlehen von vier Milliarden Euro geben könnte - zu äußerst günstigen Konditionen. Das hätte den Währungsfonds gestärkt - und sollte die fallende Krone wieder auffangen. Die Zentralbank erklärte, der russische Botschafter habe das Darlehen zugesagt - offenbar voreilig. Schon kurz darauf kam das Dementi aus Moskau. Es habe keine formelle Anfrage von Island gegeben, es sei keine Entscheidung gefallen, man wolle das Ansinnen Islands aber "wohlwollend" prüfen. "Island ist für seine strenge Haushaltsdisziplin bekannt und weist einen hohen Grad an Zuverlässigkeit auf", sagte Finanzminister Alexej Kudrin.

Inzwischen sind auch Vertreter des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Island angekommen, um mit der Regierung und der Notenbank zu beraten. Noch steht jedoch nicht fest, ob Island den Währungsfonds um Hilfe bitten wird. Zwar ist Island Gründungsmitglied des IWF, hat dessen Hilfe aber zuletzt 1982 in Anspruch genommen. Seit 1987 ist das Land schuldenfrei gegenüber dem IWF.

Allen Katastrophenmeldungen zum Trotz - bislang geben sich die Isländer optimistisch. Sie sind aus früheren Zeiten einiges gewohnt. Schon mehrfach haben sich die 300.000 Einwohner aus schwierigen Umständen herausgearbeitet. Vielleicht hilft dem Land da auch seine Tradition des schwarzen Humors.



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