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IT-Standort Indien: Ingenieure wider Willen

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Die Eltern bestimmen, die Kinder gehorchen: Berufswahl ist in Indien oft Sache von Vater und Mutter - und die drängen ihren Nachwuchs immer häufiger, Software-Entwickler oder Ingenieur zu werden. Die IT-Branche bekommt leidvoll zu spüren, dass viele Absolventen nicht bei der Sache sind.

Hamburg - Hätte Sanjay Dev auf sich selbst gehört, wäre er jetzt Lehrer für englische Literatur. Doch der 29-Jährige arbeitet heute für eine kleine Software-Firma in der westindischen Stadt Ahmedabad. Ein Chef, sechs Programmierer, Dev ist einer davon. "Meine Eltern verlangten von mir, dass ich IT-Ingenieur werde", sagt er. "Sie sagten, die Computerbranche habe Zukunft, ich würde viel Geld verdienen und irgendwann vielleicht ins Ausland gehen können."

Es klingt wie ein Vorwurf. Dev, der als Jahrgangsbester die Schule abschloss, studierte am Indian Institute of Technology (IIT) in Kanpur, das als Elite-Universität für angehende Ingenieure gilt - nur einer von hundert Bewerbern schafft den Sprung zu einer der sieben IIT im Land. "Mein Vater sagte: 'Siehst du, dein Erfolg gibt mir Recht.' Dabei wollte ich viel lieber Literatur studieren oder etwas Künstlerisches machen. Vielleicht wäre ich ein erfolgloser, aber glücklicher Schriftsteller geworden oder ein Lehrer. Jetzt bin ich nur ein mittelmäßiger Programmierer - und unglücklich."

Der Wille der Eltern zählt mehr als alles andere in einem Land, in dem die Institution Familie die Gesellschaft prägt, häufig noch drei Generationen einschließlich Tanten und Onkel unter einem Dach leben und Eltern sogar den Ehepartner für ihr Kind aussuchen - und eben den Beruf. "Wenn die Ehe nicht funktioniert, kann man sich heutzutage ja scheiden lassen", sagt Dev. "Aber wie trenne ich mich von meinem Beruf? Das ist meistens eine Entscheidung fürs Leben", sagt er. "Mit Ende zwanzig noch einmal etwas anderes zu studieren, ist sehr, sehr schwierig."

In den fünfziger und sechziger Jahren stand eine Beamten- und Offizierslaufbahn in der indischen Armee ganz oben auf der Liste der bei Eltern beliebtesten Berufe, später war es Arzt. Seit dem Aufstieg der indischen IT-Industrie in den neunziger Jahren stehen Programmierer und Ingenieur ganz oben. "Wenn du heute ein junger Mensch in Indien bist, kannst du davon ausgehen, dass deine Eltern wollen, dass du Ingenieur oder Arzt wirst", beklagt sich ein Student mit dem Namen Piyush in einem Internet-Forum für von ihren Eltern geplagte Jugendliche. "Dumm gelaufen für den, der andere Zukunftspläne für sich hatte."

Immer häufiger stellen IT-Firmen in Indien fest, dass die Bewerber nicht gerade begeistert bei der Sache sind. Auch SAP macht die Erfahrung, dass ein Großteil der jungen Inder, die sich bei dem Software-Konzern in Bangalore bewerben, viel lieber einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen hätten als den in die IT-Branche.

"Wir merken manchmal, dass die Bewerber glitzernde Augen bekommen, wenn es im Vorstellungsgespräch um Musik, Filme oder Bücher geht", sagt SAP-Manager Thomas Vetter. "Wenn es aber um Software oder Technik geht, ist das Leuchten verschwunden."

Rund 90.000 indische Uni-Absolventen haben sich im vergangenen Jahr bei dem Unternehmen beworben, SAP gehört Befragungen zufolge zu den beliebtesten Arbeitgebern der Branche in Indien, trotz des für Inder gewöhnungsbedürftigen Namens - sap heißt auf Hindi Schlange. Etwa tausend bekamen eine Stelle. Indische Firmen wie Infosys Chart zeigen und Wipro, die den Aufstieg Indiens zur IT-Macht verkörpern, zählen sogar bis zu eine Million Bewerbungen jährlich.

"Am Ende zogen die Computerfreaks vorbei"

Das Alter der Berufseinsteiger in der indischen IT-Industrie, ob in einheimischen Unternehmen oder in ausländischen Firmen wie Microsoft Chart zeigen, Oracle Chart zeigen oder eben SAP Chart zeigen, ist deutlich niedriger als in der westlichen Welt: Mit 24 Jahren haben viele Inder ihren Universitätsabschluss in der Tasche und suchen einen Job. Das Durchschnittsalter der SAP-Mitarbeiter in Bangalore liegt nach Unternehmensangaben bei 27 Jahren - weltweit dagegen bei 37 Jahren.

IT-Ingenieur Dev sieht das Problem nicht im jungen Alter der Berufsanfänger, sondern in der von der Familie aufgezwungenen Berufswahl. "Es gibt geniale Programmierer, die erst 16 Jahre jung sind", sagt er. "Aber wenn man sich nicht für Computer interessiert, dann ist man auch mit 30 nicht gut im Programmieren." Für die Firmen stellt sich das zunehmend als Problem heraus: Wer aus dieser Bewerberflut will den Job wirklich? Welcher Bewerber ist von sich aus begeistert und nicht nur, weil die Eltern es wollen?

Devs Eltern jedenfalls waren enttäuscht, als ihr Sohn als IIT-Absolvent keine Stelle bei einer der großen Software-Schmieden bekam. "Die haben in den Vorstellungsgesprächen sofort bemerkt, dass ich eigentlich gar keinen Spaß an Technik habe", erinnert er sich. "Am Ende zogen immer die Computerfreaks an mir vorbei. Jetzt arbeite ich in einer kleinen Firma, was meinen Eltern aber nicht gefällt. Sie sagen ständig, ich solle es noch einmal bei den Konzernen versuchen."

Dev glaubt, dass das keinen Sinn macht. "Die versuchen sofort, deine Motivation herauszufinden. Sie fragen einen auch gleich nach den Eltern, was die machen, ob man Geschwister hat, für die man sorgen muss und so weiter." Er habe manchmal das Gefühl gehabt, sagt er, als stünde die gesamte Großfamilie während des Vorstellungsgesprächs im Raum. "Wenn sie merken, dass man den Job nur aus familiären Gründen will und sich nicht so sehr für Computer interessiert, hat man keine Chance."

Rekrutierung durch Empfehlung von Mitarbeitern

Die Absolventen stehen unter einem enormen Druck: Sie müssen nicht nur den Ansprüchen ihrer Eltern genügen, vor ihren Freunden bestehen und daher einen Job möglichst bei einem der renommierten Konzerne ergattern - sondern auch schnell aufsteigen. Hierarchien zählen viel in Indien.

Die ausländischen IT-Firmen wissen um dieses Phänomen - und haben deshalb eigens für ihre Filialen in Indien neue Hierarchiebezeichnungen erfunden. "Unser Stufensystem ist weltweit identisch", sagt Clas Neumann, Chef von SAP Labs India. "Die Titel und die Jobs sind international vergleichbar. Aber wir haben in Indien innerhalb dieses Systems mehrere Abstufungen geschaffen, damit die Kollegen öfter mal befördert werden können - zum Beispiel vom Entwickler zum Senior-Entwickler." Auf die eigentliche Arbeit habe das überhaupt keine Auswirkung. "Aber die Kollegen können ihren Familien und ihren Freunden erzählen: 'Seht her, ich bin aufgestiegen!'", sagt Neumann.

Das größere Problem sei aber nicht, dass jemand Ingenieur wider Willen ist, sagt ein Programmierer von Oracle in Bangalore. Das Hauptproblem sei trotz der vielen Absolventen der Mangel an Nachwuchs. "Die Firmen jagen sich die guten Leute gegenseitig ab." Mehrere Personaler in indischen IT-Firmen bestätigen, dass Headhunter blind bei Mitarbeitern in den Unternehmen anriefen - und dann hofften, jemand Interessantes am Hörer zu haben, dem sie eine Offerte machen könnten.

Gehaltstabellen in den Tageszeitungen

"Es kam vor, dass wir jemandem ein Stellenangebot machten und schon am ersten Arbeitstag tauchte die Person dann nicht auf, weil sie zwischenzeitlich ein besseres Angebot bekommen hatte", sagt Vetter. Mittlerweile rekrutiere SAP deshalb seine neuen Mitarbeiter nicht mehr, wie noch Ende der neunziger Jahre, über Stellenanzeigen oder direkt vom Uni-Campus, sondern über Empfehlungen von Mitarbeitern. Fast alle IT-Firmen zahlen ihren Leuten Prämien dafür. "Diese neuen Mitarbeiter verlassen das Unternehmen nicht so schnell, sie stehen ja auch gegenüber ihren befreundeten Vermittlern in der Verantwortung", sagt Vetter.

Leute zu halten, ist daher eine wichtige Aufgabe der Personalabteilungen. "Was die Bezahlung betrifft, ist das in Indien ohnehin sehr transparent - die Zeitungen veröffentlichen regelmäßig Gehaltstabellen", sagt Neumann. SAP zahlt in etwa den Durchschnitt: Ein junger Ingenieur erhält als Berufsanfänger zwischen 7000 und 9000 Euro im Jahr. Viel Geld in Indien.

Das Wichtigste aber sind die Familien - daher veranstalten alle großen IT-Firmen in Indien regelmäßig Familientage. An denen zeigen die Mitarbeiter ihren Angehörigen ihren Arbeitsplatz. An solchen Tagen sind nicht nur Partner und Kinder dabei - sondern immer auch die Eltern.

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