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IT-Unternehmen: Erfolgreich mit Autisten

Von , Kopenhagen

Menschen mit Autismus sind meist nur beschränkt teamfähig und weniger belastbar - dafür erledigen sie manche Jobs mit mustergültiger Präzision. Ein dänisches IT-Unternehmen stellt deshalb bevorzugt Autisten ein. Um herauszufinden, wo ihre Stärken liegen, lässt der Chef Bewerber mit Lego spielen.

Hochkonzentriert sitzt Christian Jensen vor dem Computer. Vor ihm auf dem Bildschirm ein Straßenplan von Kopenhagen. Daneben auf einem Grundriss viele bunte Linien. Jensen vergleicht, beschriftet, misst aus. Für das dänische Telekommunikationsunternehmen GlobalConnect berechnet er, wo in der Erde Kabel verlaufen, damit diese bei Bauarbeiten nicht getroffen werden. Die Arbeit erfordert so viel Aufmerksamkeit, dass er nur wenige Stunden durchhält.

Jensen kann sich keine Unachtsamkeit leisten. Wenn dem 30-jährigen Dänen nur ein Fehler unterläuft und eine Leitung beschädigt wird, kann das bis zu 10.000 Euro kosten. Doch Jensen passt immer auf, er liegt nie daneben. Er erledigt die Aufgaben besser als jeder andere. Denn Jensen hat das Asperger-Syndrom, eine milde Form des autistischen Spektrums. Und gerade deshalb hat er den Job als IT-Berater bekommen.

Autisten nicht als Behinderte zu sehen, sondern ihre besonderen Fähigkeiten zu nutzen. Das ist die Idee des dänischen IT-Unternehmens Specialisterne, bei dem Jensen für Kunden wie GlobalConnect die Kabellegung plant. Übersetzt bedeutet der Name "Spezialisten" und genau das sind Autisten.

Sie sind oft auf einzelnen Gebieten hochbegabt und haben ein weit besseres Gefühl für Details als Nicht-Autisten. Fehlerlos endlose Zahlenkolonnen zu überprüfen, ist für Autisten kein Problem. Sie können für Software-Tests eingesetzt werden oder Mobiltelefone auf ihre Funktionen hin testen. Schwer hingegen fällt ihnen Teamarbeit. Empathie zählt nicht zu ihren Stärken. In einer Arbeitswelt, die Teamfähigkeit meist ganz oben in jedes Anforderungsprofil schreibt, haben sie kaum eine Chance - außer bei Specialisterne.

Das Unternehmen gegründet hat Thorkil Sonne, nachdem die Ärzte bei seinem Sohn eine bestimmte Form von Autismus, den kindlichen Autismus, festgestellt hatten. Eines Tages zeigte ihm der Spross eine Zeichnung. Sonne staunte nicht schlecht. Der damals Siebenjährige hatte am Tag zuvor in einem Europa-Atlas geblättert und die Seitenübersicht aus dem Gedächtnis nachgezeichnet. Jede Seitenzahl stimmte. Jedes Land war an der richtigen Stelle.

"Ich erkannte, dass Autismus mehr sein muss, als eine Behinderung", erzählt der großgewachsene Däne. Kurze Zeit darauf, im Jahre 2004, kündigte er seinen gut bezahlten Job bei einem Telekommunikationskonzern, belastete sein Haus mit einem Kredit und startete mit Specialisterne. Er hatte nicht viel Geld und keine Ahnung, wie man ein Unternehmen führt. Aber er hatte einen festen Willen: "Ich wollte Menschen wie meinem Sohn eine Zukunft schaffen."

Vier Jahre später, im Jahre 2008 arbeiten bei Specialisterne 37 Autisten. Die Räume liegen am westlichen Stadtrand von Kopenhagen, in der Bürostadt Ballerup. Im Büro ist die Atmosphäre ruhig und entspannt. Auf dem Boden liegt dicker blaugrauer Teppichboden, der störende Geräusche schluckt. Die Türen schließen leise.

Eine ruhige Umgebung ist wichtig. Autisten können Reize, die auf sie einströmen, nicht ausblenden. Sie nehmen alles auf einmal in der vollen Stärke wahr. Auf Dauer strengt das sehr an. Und so sind Autisten meist schon nach ein paar Stunden Arbeit völlig ausgepowert. Ein Vollzeitjob wäre für einen Autisten kaum zu bewältigen. Bei Specialisterne haben viele Mitarbeiter deshalb einen Tag mehr pro Woche frei, um sich zu regenerieren.

Obwohl Sonnes Mitarbeiter nur Teilzeit arbeiten, gehen sie mit einem Bruttogehalt zwischen umgerechnet 2200 und 3500 Euro im Monat nach Hause. Der dänische Staat bezuschusst das Projekt. Sonne jedoch bekommt vom Staat keine Hilfe. Ungefähr 100.000 Euro Privatvermögen hat er bisher in die Firma investiert. Noch hat sie keine schwarzen Zahlen geschrieben. Doch Sonne ist zuversichtlich: "Wir sind nah daran, Gewinne zu machen."

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