Wirtschafts-Rückblick in Grafiken Euro, Erdöl, Volkswagen - die Problemfälle des Jahres

2015 war ein ereignisreiches Jahr in der Wirtschaft: Deutschland führte den Mindestlohn ein, Griechenland kämpfte gegen die Krise, die EZB flutete die Märkte mit noch mehr Geld, der Ölpreis fiel und VW demontierte sich selbst. Ein Rückblick in Grafiken.

Demonstrant in Griechenland: Referendum über Rettungspolitik spaltete das Volk
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Demonstrant in Griechenland: Referendum über Rettungspolitik spaltete das Volk

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Das zu Ende gehende Jahr war so turbulent wie lange keins - und fast alle Ereignisse betreffen auch deutsche Verbraucher. Es gab globale Entwicklungen wie den fallenden Ölpreis, die Flüchtlingsströme, das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP oder die schwächelnde Weltwirtschaft. Es gab europäische Probleme wie die griechische Staatsschuldenkrise, die grassierende Jugendarbeitslosigkeit oder die niedrige Inflation.

Und es gab nationale Ereignisse wie die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns, steigende Mieten und Immobilienpreise in den Ballungszentren oder die Schummeleien von VW. Auch in der deutschen Wirtschaft hat sich viel getan: Großkonzerne wie RWE oder E.on haben die Aufspaltung beschlossen, die Bahn, die Lufthansa, die Post und die Kindergärten wurden wochenlang bestreikt.

SPIEGEL ONLINE hat über all das und noch viel mehr ausführlich in vielen Texten berichtet - einiges lässt sich aber in einer Grafik viel besser darstellen. Hier ein Überblick über wichtige Ereignisse des vergangenen Jahres.

1. Der Streit um die Rettung Griechenlands

Das Jahr begann mit einem Paukenschlag in Griechenland: Eine linke Gruppierung namens Syriza mit ihrem jugendlich-charmanten Anführer namens Alexis Tsipras gewann souverän die Parlamentswahl am 25. Januar - und wollte alles anders machen. Die Eurofinanzminister ließen sich nicht darauf ein, und der Streit über die Frage, wie der griechische Staat zu sanieren sei, eskalierte. Der Konflikt drohte die Eurozone zu zerreißen - und endete mit einem neuen Kredit- und Reformprogramm für Griechenland, an dessen Wirksamkeit bis heute viele zweifeln.

Die Griechen folgten ihrer linken Regierung - auch in schwierigen Zeiten, wie die Umfragewerte zeigen. Die Grafik zeigt allerdings auch: In Zeiten, in denen die Unterstützung für Syriza eher hoch war, zogen Bankkunden trotzdem viel Geld aus Griechenland ab. Der Trend stoppte erst mit den Kapitalverkehrskontrollen Ende Juni. So weit kann es mit dem Vertrauen in die Regierung also nicht gewesen sein.

Das folgende Referendum über die Rettungspolitik spaltete das Volk. Bei der von Tsipras ausgerufenen Neuwahl im Herbst konnte er seine Partei zwar wieder in die Regierung führen. Aber die Umfragewerte sanken weiter. Dass Griechenland dauerhaft gerettet ist, glaubt kaum einer.

2. Der Preisverfall beim Erdöl

Der Ölpreis hat sich 2015 von vielem befreit, was ihn sonst bewegt hat: Weder der Vormarsch des "Islamischen Staats" (IS), noch die Pleiten von Fracking-Unternehmen in den USA konnten den Rohstoff verteuern. Von rund 56 Dollar für ein Fass Rohöl der Marke Brent zu Jahresbeginn stieg der Preis zwar im Frühsommer auf gut 68 Dollar, fiel aber anschließend auf rund 37 Dollar. Der Hauptgrund für den Rückgang dürfte die weltweit gestiegene Produktion bei gleichzeitig sinkender Nachfrage sein, auch wenn ähnliche Konstellationen in der Vergangenheit einen viel kleineren Effekt hatten.

Für die von den Öleinnahmen abhängigen Länder sind die niedrigen Preise gefährlich: Auf Dauer können sie ihren Haushalt nicht finanzieren, es drohen soziale Unruhen. 2015 zeigte sich auch, dass die einst mächtige Organisation erdölexportierender Länder (Opec) nicht mehr die Kraft hat, den Ölpreis zu beeinflussen.

Die Autofahrer in den Industriestaaten dürften sich über die Entwicklung freuen: Die Preise für Benzin und Diesel sind der Kurve gefolgt - der Preis für Diesel fiel zeitweise unter die Marke von einem Euro.

3. Das Warten auf die Inflation

Eine der großen Sorgen der Deutschen war und ist eine hohe Inflation: Steigen die Preise mehr als die Löhne und Zinsen, sinken die Ersparnisse, und das Sparen lohnt sich nicht mehr.

Umgekehrt ist es in Zeiten hoher Inflation sinnvoll, zu investieren und sich zu verschulden - denn auch die Schulden werden mit der Geldentwertung kleiner. Die Notenbanken weltweit haben nach der tiefen Finanzkrise seit 2007 die Zinsen immer weiter gesenkt. Mit dem Ziel, Geld billiger zu machen und die Inflation zu erhöhen.

Weil das offensichtlich nicht reichte, griff EZB-Chef Mario Draghi in diesem Jahr zu einem drastischen Mittel: Er legte ein Anleihekaufprogramm in Höhe von 1,5 Billionen Euro auf - umgangssprachlich Bazooka genannt. Seit März kauft die EZB jeden Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen von Euroländern - und bläht ihre Bilanz immer stärker auf.

Den gewünschten Effekt hatte die Wunderwaffe - jedenfalls in Deutschland - bisher nicht. Die Verbraucherpreise sind hierzulande kaum gestiegen, sogar wenn man den Effekt des billigen Öls berücksichtigt und die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl herausrechnet.

4. Mindestlohn in Deutschland und die Folgen

2015 hat sich eine kleine Revolution auf dem deutschen Arbeitsmarkt ereignet: Die Bundesregierung führte den allgemeinen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde ein. Kritiker hatten in schrillen Tönen gewarnt: Dies würde Jobs vernichten, das Wachstum abwürgen und den Wohlstand gefährden. In Wirklichkeit passierte - nichts von alledem.

Stattdessen gingen die Arbeitslosenzahlen im Jahr eins des Mindestlohns ebenso zurück wie die Zahl der Minijobs, während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stetig anstieg. Für die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt gibt es eine ganze Reihe von Gründen - der Mindestlohn aber, das lässt sich nach einem Jahr bilanzieren, hat die deutsche Wirtschaft nicht an den Abgrund geführt.

5. Volkswagen - ein Konzern kämpft gegen sich selbst

In 2015 änderte sich für den Volkswagen-Konzern so viel, wie sonst in Jahrzehnten passiert: Anfang April sabotierte Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch seinen langjährigen Intimus, Konzernchef Martin Winterkorn - und musste nur zwei Wochen später selbst seinen Posten räumen. Über den gewonnen Machtkampf konnte Winterkorn sich nur kurz freuen, nur fünf Monate später stolperte er über die größte Affäre, die der Wolfsburger Konzern je erlebt hat.

Ende September gibt Volkswagen zu, bei Millionen Dieselfahrzeugen eine Manipulationssoftware eingebaut und so die Abgaswerte auf dem Prüfstand geschönt zu haben. Der Aktienkurs bricht dramatisch ein, als der Konzern in den USA den Verkauf einiger Modelle stoppt, Hundertausende Autos zurückruft und Milliarden für mögliche Schadensersatzforderungen zurückstellt.

Was die Grafik zeigt: Die Machtkämpfe interessieren die Anleger nicht. Bis zur Abgasaffäre läuft der Absatz gut, auch wenn die Zahlen leicht unter dem Vorjahresniveau liegen - wie stark sich aber der Manipulationsskandal auf die Verkaufszahlen auswirkt, wird sich erst Anfang 2016 zeigen. Denn zwischen Bestellung und Verkauf eines Fahrzeugs vergehen oft mehrere Monate.

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