Lockere Geldpolitik: Japans riskante Zockermentalität

Von Wieland Wagner

Mit seiner Politik des lockeren Geldes weckt Japans Premier Shinzo Abe Hoffnungen auf einen Wirtschaftsaufschwung. Doch dramatische Kursverluste an der Tokioter Börse offenbaren die Risiken des Experiments - und geben einen Vorgeschmack auf ein mögliches Platzen der Blase.

Fischer-Protest in Tokio (29. Mai): Opfer der neuen Wirtschaftspolitik Zur Großansicht
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Fischer-Protest in Tokio (29. Mai): Opfer der neuen Wirtschaftspolitik

Die Japaner verehren ihre Fischer fast so sehr wie die Amerikaner ihre Cowboys. Und daher horchte die Nation der Sushi-Esser Mitte der Woche auf, als ein paar hundert Helden der Meere vor das Parlament in Tokio zogen, um gegen die Regierung von Premier Shinzo Abe zu protestieren. Sie sehen sich als Opfer der neuen japanischen Wirtschaftspolitik, die bei der Mehrheit der Landsleute bislang Hoffnungen auf eine Erholung weckte.

Doch neuerdings kehrt Ernüchterung ein in Tokio. "Verteidigt die japanische Fischerei!". Blaue Stirnbänder umgebunden, die Fäuste geballt, so schrien die Fischer ihre Wut in die Straßen des Regierungsviertels in Tokio. "Die Preise für Brennstoff steigen so rasant, dass es sich für uns nicht mehr lohnt, zum Fang auszulaufen", klagt Fischer-Funktionär Eiichiro Takamatsu aus Fukuoka in Südjapan. "Die Regierung muss uns finanziell helfen, sonst gehen wir pleite."

Schuld an ihrer Misere geben viele der Demonstranten "Abenomics" - mit dieser Wortschöpfung aus dem Namen "Abe" und dem englischen "Economics" bezeichnen die Japaner die neue Heilslehre, mit der ihr Premier die Insel aus mehr als zwei Jahrzehnten der Dauerkrise erlösen will.

Abes Rezept klingt einleuchtend und erfolgversprechend: Bereits vor seinem Wahlsieg im Dezember versprach Abe, die japanische Notenbank zu einer Politik des lockeren Geldes zu zwingen. Um Japan vom chronischen Preisverfall - der Deflation - zu befreien, solle sich die Bank von Japan ein Inflationsziel setzen. Und in Erwartung steigender Preise würden die Verbraucher wieder Geld ausgeben und die Firmen wieder investieren.

Und tatsächlich schien Abes Politik bisher perfekt zu funktionieren: Allein mit seinen Ankündigungen sorgte er dafür, dass der Wechselkurs des Yen Chart zeigen gegenüber dem US-Dollar bis Mitte Mai fast um ein Viertel fiel. Dank der verbilligten Währung können vor allem Japans Autobauer ihre Fahrzeuge im Ausland billiger verkaufen. Auch japanische Schiffswerften konkurrieren plötzlich wieder erfolgreich mit ihren Billigrivalen in Südkorea und China um Aufträge.

Umgekehrt leiden unter "Abenomics" allerdings Branchen, die von Einfuhren abhängen - wie eben die erzürnten Fischer. Sie müssen ihre Kutter mit Treibstoff betanken, den Japan jetzt immer teurer importieren muss. Auch die Bäcker müssen mehr für Mehl bezahlen. Zugleich steigen die Strompreise: Denn da die meisten Kernkraftwerke seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima stillstehen, importiert Japan für seine Heizkraftwerke vermehrt Öl und Erdgas.

Diese Nachteile nahmen die Japaner bislang geduldig in Kauf. Sie hofften, dass "Abenomics" langfristig funktioniert. Bestätigt wurden sie monatelang durch Erfolgsmeldungen von der Tokioter Aktienbörse: Der Nikkei-Index Chart zeigen stieg von vergangenem November bis zum 22. Mai um 80 Prozent.

Labor für einen beispiellosen Großversuch

Abe, der vermeintliche Erlöser, kommt laut Meinungsumfragen auf Traumwerte von fast 70 Prozent. Auch das Ausland applaudiert dem Premier: Das britische Magazin "Economist" feierte den Japaner auf seiner Titelseite kürzlich gar als Superman.

Tatsächlich hat Abe sein Land in ein Labor für einen beispiellosen Großversuch verwandelt. Von dessen Erfolg oder Misserfolg hängt ab, ob die drittgrößte Industrienation nach den USA und China wieder zum Motor der Weltkonjunktur wird - oder möglicherweise zum Auslöser einer neuen Finanzkrise.

Wie riskant das japanische Experiment ist, zeigte sich Donnerstag vergangener Woche: An nur einem Tag brach der Nikkei um 1143 Punkte ein, noch drastischer als unmittelbar nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008.

Und auch an diesem Donnerstag nährte ein Minus von mehr als fünf Prozent beim Nikkei - er sackte unter die Marke von 15.000 Punkten - Ängste, dass die von Abe "vor allem mit viel Psychologie angefachte Blase" (Yasunari Ueno, Chef-Ökonom des Wertpapierhauses Mizuho in Tokio) platzen könne.

Für die abgekühlte Euphorie machten Händler in Tokio mehrere Ursachen aus - von der Konjunkturflaute in China über ein mögliches Ende der lockeren US-Geldpolitik bis zu computergesteuerten Verkaufsprogrammen, mit deren Hilfe die mehrheitlich ausländischen Anleger am Tokioter Aktienmarkt spekulieren.

Hat die Notenbank die Lage im Griff?

Das Hauptrisiko von "Abenomics" liegt jedoch in Tokio, und es heißt: Bank von Japan. Denn ausgerechnet die japanische Notenbank, der Hauptakteur des gigantischen Experiments, und ihr von Abe neu installierter Chef Haruhiko Kuroda, wecken Zweifel daran, ob sie die Marktgeister auch langfristig kontrollieren können, die sie selbst riefen.

Wie von Abe gefordert, verkündete Kuroda ein Inflationsziel von zwei Prozent. Binnen zwei Jahren will er Japan vom chronischen Preisverfall, der Deflation, befreien. Zu diesem Zweck hat er begonnen, die Finanzmärkte mit Geld zu fluten: In zwei Jahren will er den Geldumlauf verdoppeln und monatlich Staatsanleihen von mehr als sieben Billionen Yen aufkaufen. Das sind 70 Prozent der neuen Staatsanleihen.

Doch mit ihrer Wandlung zum Großzocker hat die Zentralbank die meisten anderen Anleger vom Markt für Staatsanleihen vertrieben. Die Preise für die Papiere fielen kräftig - und die Zinsen kletterten in die Höhe.

Die Folge: Für den japanischen Staat, der sich mit mehr als dem Doppelten seiner gesamten Wirtschaftskraft verschuldet hat, wird es immer teurer, seine Schulden zu tilgen. Zugleich steigen auch die Kreditzinsen, über die Verbraucher beispielsweise ihre Hauskäufe finanzieren oder Firmen ihre Investitionen.

Gefahr steigender Zinsen

Falls die Notenbank die steigenden Zinsen nicht in den Griff bekommt, könnte sie gar das Gegenteil dessen bewirken, was Premier Abe beabsichtigt. Dann könnten steigende Zinsen die zaghaft aufkeimende Konjunktur schnell wieder abwürgen.

Einen solchen Stimmungsumschwung müssen vor allem Luxus-Kaufhäuser wie Matsuya an der Ginza, der vornehmen Tokioter Einkaufsmeile, fürchten. Matsuya-Manager Keisuke Teramoto gibt sich indes optimistisch. Langfristig werde sich die Wirtschaft erholen, sagt er. "Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich die Stimmung völlig gedreht, die Kauflust ist wieder da". Selbst edle Importuhren, die durch den billigeren Yen eher noch teurer werden, stoßen auf verstärktes Interesse der Kundschaft.

Damit "Abenomics" auch die Mehrheit der weniger vermögenden Japaner beglückt, braucht das Land allerdings innovative Firmen. Und die sollten nicht nur in China oder Indien billig produzieren lassen, sondern auch im eigenen Land Arbeitsplätze schaffen.

Doch wie soll die japanische Volkswirtschaft auf Dauer wachsen, wenn die arbeitende Bevölkerung schrumpft? Im Jahr 2040 wird fast ein Drittel der Japaner älter als 65 sein; die Einwohnerzahl dürfte um 20 Millionen sinken.

Die Antwort auf solche Kernfragen muss der Premier im Juni geben, dann will er endlich seine Strategie für wirtschaftliches Wachstum verkünden, die er als nächste entscheidende Stufe bezeichnet hat. Analyst Tomoichiro Kubota vom Wertpapierhaus Matsui in Tokio meint dazu: Je positiver der Premier die Märkte mit seinen Plänen "überrasche", desto kräftiger dürften die Aktienkurse steigen.

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1. Jede Statistik ist eine Lüge
quader 30.05.2013
Die gezeigten Grafiken sind schön (wie jede Statistik) gefälscht. z.B. Der Dax war 1999 auf 8100, heute 14 Jahre später ist er auf 8350, wo ist da die Verdoppelung? Allein bei 3% Zuwachs jählich wäre er über 10000. z.B. Reihenhäuser in Berlin kosteten vor 20 Jahren 700.000DM, heute gibt es diese für 220.000Euro.
2. It's not a bug
Edelweiß 30.05.2013
Wenn die japanischen Fischer und Bäcker das tun, was deutsche Unternehmer in so einem Fall zu tun pflegen - nämlich gestiegenen Energiekosten auf den Preis ihrer Produkte umlegen -, dann liefe doch alles nach Abes Plan. Oder nicht? So habe ich es jedenfalls verstanden: die Japaner WOLLEN ja eine Inflation, zumindest jedenfalls raus aus der Deflation. Da ist es doch gut, wenn die Verteuerung des Imports (in diesem Fall von Energie) die Preise auf dem Binnenmarkt treibt. Voraussetzung ist natürlich, dass die Verbraucher den teuren Fisch trotzdem kaufen. Aber wenn die Japaner ihre Fischer so verehren, wie am Anfang des Artikels gesagt, dann werden sie das schon tun. Wenn sie auf den Lohn noch was drauf kriegen umso besser (für die Fischer, die Verbraucher/Lohnempfänger und die angestrebte Inflation).
3.
Battlemonk 30.05.2013
wenn die japaner weniger fischen ist das für den rest der welt ein segen
4.
kaitou1412 30.05.2013
Tokyo, nicht Tokio. Wann hört das endlich mal auf? Die furigana (wie es ausgesprochen wird) des Kanji lauten "ki", kleines "yo" (zusammen "kyo") und ein "u". Die Folge "o-u" wird weiterhin als "ō" gekürzt transkribiert. Diese Glyphe gibts im Deutschen Alltagsgebrauch nicht, deswegen wird sie oft nur mit "o" geschrieben. Folglich kommt man auf "kyo". Also Tokyo. Komischerweise wird immer bei der zweiten bekannten japanischen Stadt Kyoto das genau gleiche Kanji richtig transkribiert …
5. Aha, in Japan ist der Importsprit also teuer...
gesterngingsnoch 30.05.2013
In Japan kostete der Liter Benzin im landesweiten Durchschnitt gestern JPY 146,6 - das sind €1,11... Und der Preis enthält noch 25% Spritsteuer und 5% Umsatzsteuer... Davon kann der deutsche bzw. europäische Autofahrer nur träumen... Das Durchschnittsjahreseinkommen eines japanischen Fischers bewegt sich übrigens im sechsstelligen Bereich - in Euro!
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Bevölkerung: 126,536 Mio.

Hauptstadt: Tokio

Staatsoberhaupt: Kaiser Akihito

Regierungschef: Shinzo Abe

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