Ende eines künstlichen Booms Japans großer Irrtum

Mit seiner Politik des billigen Yen hoffte Premier Abe, Japans Abstieg zu stoppen. Doch er lieferte den Beweis, dass alternde Industrieländer durch Gelddrucken kein Wachstum herbeizaubern.

Von , Tokio

AFP

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Unterredung am Amtssitz des japanischen Premiers dauerte nicht mal eineinhalb Stunden. Doch an der Tokioter Börse reichte schon diese Nachricht, um die Aktienkurse steigen zu lassen - und zwar fast so schnell, wie sie nach dem Treffen wieder fielen.

Das Mitte Februar. Der Besuch von Notenbankchef Haruhiko Kuroda bei Premier Shinzo Abe ergab keinen Ausweg aus Japans wirtschaftlicher Flaute. Dafür aber führte das Treffen vor Augen, wie eng der Regierungschef sein politisches Schicksal mit dem seines obersten Währungshüters verknüpft hat.

Vor rund drei Jahren war Abe mit dem Versprechen angetreten, Japan aus Jahrzehnten der wirtschaftlichen Dauerkrise zu befreien. Und eine Zeit lang glaubten auch manche ausländische Ökonomen, Japan habe ein Wunderrezept gefunden, um einer alternden und gesättigten Industrienation neues Wachstum zu bescheren.

Doch Abenomics, die nach dem Premier benannte ökonomische Heilslehre, ist letztlich nur ein anderes Wort für Gelddrucken.

Die Probleme sind hausgemacht

Und eben dafür ist der von Abe eingesetzte Notenbankchef Kuroda zuständig. Das Ganze sollte eigentlich so funktionieren: Um Wachstum anzukurbeln, pumpt der Notenbanker unermüdlich Geld in den ermatteten Wirtschaftskreislauf. Indirekt hat er damit auch den Wechselkurs des Yen gegenüber Konkurrenzwährungen wie dem US-Dollar nach unten manövriert. Dadurch wurden Hoffnungen auf einen Aufschwung geweckt, und diese Hoffnungen wiederum nährten die Euphorie der Anleger an der Tokioter Aktienbörse.

Doch der künstliche Boom ist vorbei. Die Aktienkurse - von Abes Amtsantritt bis zum Ende 2015 waren sie um 86 Prozent gestiegen - haben seit Anfang dieses Jahres mehr als 15 Prozent eingebüßt.

Unmittelbar ausgelöst wurden die Kurseinbrüche zwar durch die unsichere Weltkonjunktur, insbesondere die China-Flaute und den Ölpreisverfall. Doch die eigentlichen Ursachen liegen tiefer; die Probleme sind hausgemacht.

Denn Abe hat Japans strukturelle Krise nur aufgeschoben, nicht wirksam bekämpft. Und möglicherweise hat er sie gar verschlimmert.

Dabei weckte Abe anfangs große Hoffnungen - mit ähnlichen Rezepten, auf die letztlich auch die Europäische Zentralbank setzt: Um die drittgrößte Volkswirtschaft aus der moderaten Deflation, dem Verfall der Preise, zu befreien, rief die Notenbank ein Inflationsziel von zwei Prozent aus.

Steigende Preise, so lautet die Psychologie von Abenomics, sollen Erwartungen wecken, dass auch die Gewinne der Firmen wieder steigen. So sollen Firmen angespornt werden, Arbeitsplätze im eigenen Lande zu schaffen und höhere Löhne zu zahlen. Und am Ende sollen auch die Verbraucher wieder mehr Autos oder Fernseher kaufen.

Im Zuge ihrer lockeren Geldpolitik kauft die Notenbank jährlich Staatsanleihen in Höhe von 80 Billionen Yen auf, das sind rund 610 Milliarden Euro. Darüber hinaus betätigen sich Nippons Währungshüter praktisch selbst als Spieler am Markt: Mittlerweile investieren sie sogar in riskante Anlageformen wie Aktien und Immobilienfonds.

Um die Rallye zu befeuern, wurde auch der staatliche Pensionsfonds (GPIF) mobilisiert. Er stieg zu einem der einflussreichsten Zocker auf: Statt die Altersrücklagen der Landsleute - wie einst üblich - fast ausschließlich in relativ solide Staatsanleihen zu investieren, spekuliert er massiv mit Aktien.

Und solange die Aktienkurse stiegen, ließ Abe sich dafür feiern. Im Tokioter Börsen-Jargon hieß seine Regierung "Kabu-Naikaku" - "Aktien-Kabinett".

Nur: Nachhaltiges Wachstum hat Abe mit seinem Börsenboom nicht geschaffen. Im Gegenteil: Im letzten Quartal von 2015 schrumpfte die japanische Wirtschaft auf das Jahr hochgerechnet um 1,4 Prozent.

Das liegt vor allem daran, das die Japaner ihren Konsum einschränken - aus Sorge um ihre wirtschaftliche Zukunft. Denn der gesunkene Wechselkurs des Yen hat die Importe verteuert - und damit die Lebenshaltungskosten der Verbraucher.

Praktisch die einzigen, die von Abenomics profitierten, waren bislang große Konzerne wie der Autobauer Toyota. Sie konnten ihre Dollar-Gewinne aus dem Ausland günstiger in Yen umtauschen. Gleichwohl denken die Konzerne kaum daran, neue Fabriken zu bauen und neue Leute einzustellen. Wenn sie investieren, dann oft lieber im Ausland. Also dort, wo die Arbeitskräfte billiger sind und die Kunden zahlreicher.

Dramatische Vergreisung

Denn wer will schon in einem Land investieren, das so schnell wie kaum eine andere Industrienation altert? Jahr für Jahr scheidet rund eine Viertelmillion Japaner aus dem Arbeitsmarkt. Schätzungen zufolge könnte das 127-Millionen-Volk bis 2060 auf 86 Millionen schrumpfen.

Und mit der rapiden Veralterung ist auch die Hauptursache benannt, warum Abenomics nicht funktioniert. Natürlich weiß auch Abe um die Herausforderung der Demografie. Und deshalb versprach er, nicht nur die Wechselkurse zu senken und Steuergelder in die Konjunktur zu pumpen. Er kündigte an, einen sogenannten dritten Pfeil abzuschießen und die heimische Wirtschaft grundlegend zu reformieren.

Doch wie diese Strukturreform konkret aussehen soll, lässt Abe bis heute im Unklaren. Vielmehr scheut er unpopuläre Maßnahmen wie eine Lockerung der Einwanderung, mit der sich der chronische Arbeitskräftemangel lindern ließe. Denn das Inselvolk bleibt traditionell lieber unter sich. Im vergangenen Jahr erkannte Japan gerade mal 27 Asylanträge von Flüchtlingen an.

"Abenomics hat sich festgefahren", sagt Yasunari Ueno, Chefökonom des Wertpapierhauses Mizuho in Tokio. "Als Hauptproblem sehe ich, dass die Regierung sich nicht ernsthaft bemüht, den Zuwachs der Bevölkerung zu fördern."

Auch sonst hat Abe Zeit vergeudet, die ihm die Notenbank mit ihrer Politik des lockeren Gelds verschaffte. Statt die Wirtschaft konsequent auf neue Formen der Energiegewinnung auszurichten und so auch Lehren aus dem Reaktorunfall von Fukushima zu ziehen, wirbt der Premier im Ausland hartnäckig für traditionelle Exportbranchen wie Atomkraftwerke und Eisenbahnen. Doch diese Art von Infrastruktur liefert das rivalisierende China oft längst viel billiger.

Je weniger Abe greifbare Erfolge vorweisen kann, desto eifriger produziert er Durchhalteparolen: Mal verkündet er, bis 2020 solle Japans gesamte Wirtschaftsleistung auf 600 Billionen Yen wachsen. Mal malt er eine Gesellschaft der Zukunft aus, in der "100 Millionen Menschen aktiv sind".

Für viele Landsleute klingt das wie Hohn. Ihre durchschnittlichen Realeinkommen sanken 2015 im vierten Jahr in Folge. Viele Alte müssen länger und länger arbeiten. Und junge Japaner jobben immer häufiger als schlecht bezahlte Teilzeitkräfte. Lebenslang garantierte Beschäftigung und Beförderung nach dem Alter - das war mal im Japan der Achtzigerjahre.

Zwar braucht Abe in Japan keine politischen Herausforderer zu fürchten, die Opposition ist schwach und zerstritten. Immerhin aber mahnte Japans angesehene Wirtschaftszeitung "Nihon Keizai Shimbun" kürzlich einen Neustart von Abenomics an.

Gift für die Konjunktur

Es könnte eher ein Abschied werden. Denn der von Abe entfachte Aktienboom wurde auch angefacht vom globalen Kapital, das stets nach lukrativen Anlagen sucht. Doch viele ausländische Fonds haben bereits massiv Geld aus Tokio abgezogen, darunter insbesondere Staatsfonds aus dem Nahen Osten, die nun unter fallenden Ölpreisen leiden.

Gleichzeitig steigt der Wechselkurs des Yen, weil die japanische Währung in Krisenzeiten traditionell als sogenannter sicherer Hafen gilt - insbesondere für Investoren aus dem übrigen Asien. Und damit wiederum verteuern sich japanische Exporte. Das aber ist Gift für die Konjunktur.

Und damit ist der Konjunkturpolitiker Abe weiter auf seinen Notenbankchef angewiesen - und auf dessen lockere Geldpolitik. Nur: Kuroda hat seine Munition möglicherweise bereits verschossen. Als er kürzlich die Einführung von Minus-Zinsen angekündigte, war das zwar als Befreiungsschlag geplant, der die Wirtschaft befeuern sollte. Tatsächlich aber beschleunigte die Notenbank mit ihrer Ankündigung noch den Fall der Aktienkurse: Insbesondere Papiere von Banken wurden daraufhin von Anlegern abgestoßen, denn die die Minus-Zinsen gefährden das Geschäftsmodell der Institute.

Zusammengefasst: Japans Premier Abe ist praktisch dort wieder angelangt, wo er vor drei Jahren anfing. Seine Politik ist gescheitert, und die übrige Welt ist um die Hoffnung ärmer, dass sich wirtschaftliches Wachstum auf Dauer allein durch Gelddrucken erzeugen lässt.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die japanische Notenbank kaufe jährlich Anleihen im Wert von 80 Milliarden Dollar - es sind jedoch 80 Billionen Yen, das entspricht 610 Milliarden Euro. Wir haben den Fehler korrigiert.


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bstendig 22.02.2016
1. Unglaublich - 80 Milliarden Anleihen-Ankauf pro Jahr.
Das schafft Draghi grob gerechnet pro Monat. Vielleicht sollte man ihm man diesen Artikel zuschicken.
ambulans 22.02.2016
2. yeah!
auch dieser depp mit unübersehbarer rechtsauslage hat es also nicht geschafft, die "ehernen" gesetze der volkswirtschaftslehre/nationalökonomie völlig außer kraft zu setzen - g..l! no more voodoo economics - we're amused, dr. ambulans (alle kassen)
forumgehts? 22.02.2016
3. Hervorragend
geeignet für Textbearbeitung. J ersetzen durch D, EU - passt!
censored 22.02.2016
4.
Das kein Wachstum erzielt wird durch Geld drucken liegt nicht unbedingt an der Altersstruktur.Das Geld wandert einfach dorthin wo schon viel ist und kommt nie wirklich breit im Markt und insbesondere bei den Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen an.
onsar.u 22.02.2016
5.
Nun, mit der EZB will man den gleichen Weg gehen. Da Japan eine recht homogene Gesellschaft ist, mag das solange und in dem Ausmass funktioniert haben, in der EU wird dass so nicht gehen. Staaten dauerhaft mit der Druckerpresse am Leben zu erhalten, geht irgendwann in die Hose. Irgendwann sagt einer, aber der Kaiser hat ja gar nichts an, und dann ist der Euro am Ende. Rentner, Versicherte und Sparer werden dass vorher schon merken, langsam aber stetig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.