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10. September 2018, 18:09 Uhr

Verhinderter künftiger EZB-Präsident

Die Tragik des Jens Weidmann

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Bundesbankpräsident Jens Weidmann galt als härtester Kritiker von EZB-Chef Mario Draghi. Dann schlug der 50-Jährige sanftere Töne an - rechtzeitig zu Beginn der Debatte um Draghis Nachfolge. Genützt hat es ihm nicht.

Nie hätte Jens Weidmann gesagt, dass er selbst dereinst Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) werden wolle, zumindest nicht vor Publikum. Dafür ist der inzwischen 50-Jährige, gleichwohl noch immer jungenhafte Bundesbankpräsident zu clever.

Genützt hat ihm seine öffentliche Zurückhaltung freilich nicht, seit klar ist, dass sich Kanzlerin Angela Merkel dafür einsetzt, den CSU-Politiker Manfred Weber zum nächsten Präsidenten der Europäischen Kommission zu machen. Und eben nicht Weidmann zum EZB-Präsidenten, wenn der aktuelle Amtsinhaber Mario Draghi 2019 seinen Posten statutengemäß aufgeben muss.

Beide Posten innerhalb der Europäischen Union zu beanspruchen, das hatte sich Merkel nicht getraut.

Weidmann, so viel ist dadurch endgültig klar, bleibt was er ist: Präsident der Bundesbank. Seine 2011 begonnene Amtszeit endet im April 2019, eine Verlängerung um weitere acht Jahre kann er sich vorstellen. Dass sich ihm jemand in den Weg stellt, ist unwahrscheinlich. Zu anerkannt, zu gut verdrahtet ist Weidmann.

Allerdings auch zu desavouiert. Schließlich weiß jetzt jeder, dass es der Kanzlerin wichtiger ist, den EU-Topjob in Brüssel mit einem Landsmann zu besetzen, statt Weidmann dessen EZB-Traum zu erfüllen. Insofern schuldet sie ihrem ehemaligen finanz- und wirtschaftspolitischen Chefberater eine zweite Amtszeit. Im Übrigen gilt auch hierfür: Offen aussprechen würde das nie einer der Beteiligten.

Sollte Weidmann frustriert gewesen sein über die Entscheidung, dass ein anderer Draghis Nachfolger werden wird, würde er das selbstredend für sich behalten. Man darf aber davon ausgehen: Denn der Ortswechsel innerhalb Frankfurts vom Stadtteil Ginnheim (Bundesbank) ins trendige Ostend (EZB) wäre die Krönung seiner Karriere gewesen.

Die musste nicht zwangsläufig auf den Chefsessel der Bundesbank, oder gar der EZB, zulaufen, so etwas gibt es nicht. Aber sie folgte doch einer gewissen inneren Logik: Als Student der Volkswirtschaftslehre absolvierte der junge Weidmann einst Praktika bei den Zentralbanken von Frankreich und Ruanda (ja, genau dort); seine Dissertation trägt den Titel "Geldpolitik und europäische Währungsintegration: empirische Aspekte der Zinsbestimmung". Zweitgutachter war der spätere Bundesbankpräsident Axel Weber.

Als Weber 2011 aus Frust über die seiner Ansicht nach verfehlte Krisenpolitik der EZB sein Amt als Bundesbankchef aufgab, folgte Weidmann seinem langjährigen Mentor im Amt. Der hatte bis dahin auch als Kandidat für den EZB-Chefposten gegolten, wie bis vor Kurzem auch Weidmann.

Formvollendete Manieren

Dass Weidmann so emotional reagiert wie Weber, wenn die Dinge anders laufen als erhofft, ist kaum denkbar. Der Familienvater - im Rheinland geboren und im württembergischen Backnang aufgewachsen - hat sich stets im Griff. Seine Manieren sind formvollendet.

Weidmann liebt die scharf geführte, indes höfliche, intellektuelle Auseinandersetzung. In dem für die Geldpolitik entscheidenden EZB-Rat galt er jahrelang als Draghis härtester Kritiker. Dessen Mix aus Nullzinsen und Anleihenkäufen war ihm stets zu radikal, in Form und Dauer.

Weidmann kritisierte die Geldpolitik der EZB als unerlaubte Staatsfinanzierung und warb dafür, lieber Regierungen schwächelnder Staaten rechtzeitig zu Wirtschaftsreformen zu zwingen. Mit seiner Haltung isolierte er sich, die Zahl seiner Verbündeten bleibt überschaubar.

Bei seiner Gegnerschaft zum Italiener Draghi wusste Weidmann den Großteil der öffentlichen Meinung in Deutschland und vor allem die konservativen Medien hinter sich. Allen voran "Bild" und "FAZ" pflegen das Stereotyp des fahrlässigen Südländers: Draghi überdehne sein Mandat als Inflationshüter, betreibe lustvoll Staatsfinanzierung und helfe so seinem Heimatland Italien aus der Patsche.

Dass Draghis Auftrag nicht darin besteht, Italien zu retten oder Deutschland zu quälen, sondern die gesamte Eurozone zusammenzuhalten, geht bei so viel Pulverdampf - kaum zufällig - unter.

Vernehmbar sanftere Töne

Vor einiger Zeit - rechtzeitig zu Beginn der Debatte um Draghis Nachfolge - schlug Weidmann vernehmbar sanftere Töne an. Als sturer Hüter der reinen Bundesbank-Lehre wollte er sich vor allem im Süden Europas nicht mehr erkannt wissen.

Zudem versuchte er jüngst auf wohltuend sachliche Art und Weise, die Aufregung um die Privatvermögen der Deutschen zu dämpfen. Die Rendite dieses virtuellen Guthabens der Bundesbürger - bestehend im Wesentlichen aus Wertpapieren und Versicherungsansprüchen - hatte sich zuletzt negativ entwickelt, weil nicht nur festverzinsliche Anlagen wegen der Nullzinsen kaum noch etwas abwerfen, sondern inzwischen auch die lange boomenden Aktienmärkte stagnieren.

Weidmann wies darauf hin, dass es sich um eine sehr langfristige Betrachtung handele, die Privatvermögen also bald wieder steigen könnten, und die EZB mit ihrer Geldpolitik schließlich für Wachstum im Euroraum sowie sichere Arbeitsplätze sorge. Von den sprudelnden Steuereinnahmen ganz abgesehen.

Weidmanns treue Unterstützer dürften angesichts der neuen Töne geschäumt haben. Immerhin aber bleibt ihnen und den traditionell Bundesbank-hörigen Deutschen Weidmann nun in seiner derzeitigen Funktion erhalten, vermutlich für sehr lange Zeit.

Der Bundesbank bleibt ein weiterer, quälender Bedeutungsverlust erspart

Das bedeutet zwar, dass nach dem Niederländer Wim Duisenberg, dem Franzosen Jean-Claude Trichet und dem Italiener Draghi schon wieder kein Deutscher in die schiefen EZB-Türme einziehen wird. Andererseits aber auch, dass der Bundesbank ein weiterer, quälender Bedeutungsverlust erspart bleibt.

Denn was wäre passiert, hätte ein EZB-Präsident Jens Weidmann in der nächsten Finanzkrise (nach der Krise ist, wie im Fußball, stets vor der Krise) das Regelbuch des orthodoxen Geldpolitikers aus der Hand legen und den Geldhahn aufdrehen müssen, um die Eurozone zu schützen? Wäre dann ein deutscher Bundesbankpräsident in Opposition zu seinem deutschen EZB-Pendant gegangen? Und wäre Weidmann dann vom einstigen Liebling der konservativen Leitartikler zum Gottseibeiuns der ungeliebten Europa-Behörde geworden?

Erfahren wird man das erst, wenn irgendwann einmal doch ein Deutscher in der EZB zum Chef aufsteigt. Weidmann, das scheint sicher, wird es nicht sein.

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