Job-Aufschwung Arbeitgeber, Gewerkschaften und Regierung glauben wieder an Vollbeschäftigung

So viel Einigkeit ist selten. Vertreter von Arbeitgebern, -nehmern und Regierung halten jetzt für möglich, was lange undenkbar schien: Vollbeschäftigung in Deutschland. In naher Zukunft könne es soweit sein - doch was dafür getan werden muss, darüber gehen die Meinungen auseinander.


Berlin - Die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt reklamiert Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) für sich: "Wir haben 1,6 Millionen Menschen aus der Arbeitslosigkeit geholt - jeden Tag entstehen 1400 neue Arbeitsplätze", sagte er der "Bild am Sonntag". Deutschland sei auf dem besten Weg zur Vollbeschäftigung im nächsten Jahrzehnt, wenn nun die Weichen richtig gestellt würden - was darunter aus seiner Sicht zu verstehen ist, sagte er auch: Die von der SPD geforderten Mindestlöhne wirkten dieser Entwicklung entgegen.

Boom-Hafen Hamburg: Vollbeschäftigung dank Job-Aufschwung?
DPA

Boom-Hafen Hamburg: Vollbeschäftigung dank Job-Aufschwung?

Glos zeigt sich erfreut über die geringe Resonanz von Branchen in Bezug auf Mindestlöhne. "Nur eine Handvoll eher kleiner Branchen wollen sich einem staatlichen Lohndiktat unterwerfen. Von den von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) und seinem Vorgänger ersehnten zehn Branchen mit rund 4,4 Millionen Beschäftigten keine Spur", sagte Glos der "Bild"-Zeitung.

Ähnlich zuversichtlich über die Entwicklung am Arbeitsmarkt äußerte sich Dieter Hundt. Die Reformen der Agenda 2010 hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass in den vergangenen beiden Jahren mehr als eine Million neue Arbeitsplätze entstanden seien, sagte der Arbeitgeberpräsident. "Wir sind damit der Vollbeschäftigung ein beträchtliches Stück nähergekommen." Die Politik müsse diesen erfolgreichen Weg jetzt fortsetzen statt den Parolen der Linkspartei hinterherzulaufen: "Also Finger weg vom gesetzlichen Mindestlohn, der Arbeitsplätze und Existenzen zerstört. Und: Wir brauchen optimale Bildungschancen für alle."

Die Gewerkschaften glauben ebenfalls an Vollbeschäftigung - setzen aber auf andere Instrumente. "Vollbeschäftigung ist nötig und möglich. Über drei Millionen neue Jobs gibt es aber nur durch eine andere Politik", sagte der DGB-Vorsitzende Michael Sommer: "Denn mehr Druck auf Arbeitslose, niedrigere Steuern für Reiche sowie gekürzte Renten - Politik der Agenda 2010 - schaffen keinen einzigen neuen Arbeitsplatz." Stattdessen brauche es jetzt mehr öffentliche Investitionen in Bildung, Forschung und Umwelt.

"Arbeitslosenquote mittelfristig drei bis vier Prozent"

Optimistisch zeigte sich auch Bert Rürup, Vorsitzender der Wirtschaftsweisen: "Vollbeschäftigung in Deutschland ist möglich. Mittelfristig kann die Arbeitslosenquote auf drei bis vier Prozent gesenkt werden", sagte er. Erforderlich dazu seien Tarifabschlüsse, "die sich am gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum orientieren, die Weiterentwicklung des Arbeitslosengeldes II zu einem wirksamen Kombilohnmodell sowie eine weitere Reduzierung der im internationalen Vergleich immer noch sehr hohen Belastung der Löhne mit Sozialabgaben."

Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, zeigte sich skeptischer. "Eine Gesellschaft ganz ohne Arbeitslosigkeit wird es wohl nie geben. Deshalb sind Vorsorge und Respekt für Arbeitslose weiterhin nötig", forderte Huber.

Am Dienstag gibt die Bundesagentur für Arbeit die neue Arbeitslosenzahl bekannt. Nach Einschätzung von Arbeitsmarktexperten ist sie im März um mindestens 100.000 gesunken und läge damit bei rund 3,5 Millionen. Dies sind 600.000 Erwerbslose weniger als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote fällt damit unter 8,5 Prozent.

mik/ddp/dpa



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