Job-Markt Arbeitsagentur erwartet Entlassungsschub im Herbst

Arbeitsminister Scholz feiert den moderaten Anstieg der Arbeitslosenzahlen - doch die Bundesagentur und Experten warnen vor Euphorie: Mit dem Auslaufen der Kurzarbeit dürfte es bald vermehrt Entlassungen geben. Wegen der miserablen Auftragslage könnten allein im Maschinenbau 60.000 Jobs wegfallen.


Nürnberg - Es ist die Aussage eines Wahlkämpfers: Die Erwerbslosenzahlen steigen - dennoch spricht Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) von einer "kleinen Sensation". Verglichen mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage seien die Daten für Juli bemerkenswert, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Potsdam. Dort wurde auch Scholz in das Kompetenzteam von Kanzlerkandidat Franz-Walter Steinmeier aufgenommen.

Arbeitsagentur: "Belastungen werden ansteigen"
AP

Arbeitsagentur: "Belastungen werden ansteigen"

Tatsächlich hält der Arbeitsmarkt der Wirtschaftskrise bislang besser Stand als erwartet. Die Arbeitslosenzahl stieg von Juni auf Juli zwar um 52.000 auf 3,462 Millionen. Experten hatten aber ein Plus von 100.000 erwartet. Die Rezession hinterlasse Spuren auf dem Arbeitsmarkt, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, am Donnerstag in Nürnberg. "Insgesamt sind die Auswirkungen der Wirtschaftskrise aber moderat."

Dabei hilft vor allem die Kurzarbeit, die bislang einen rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit bremsen konnte: Nach BA-Schätzungen arbeiten derzeit bis zu 1,4 Millionen Beschäftigte kurz.

Dennoch blieb der Ausblick der BA düster. "Es gibt eindeutig keine Euphorie im Arbeitsmarkt", sagte Weise. "Für den Arbeitsmarkt wird die Belastung ansteigen." Es werde im Herbst vermehrt Entlassungen geben in Firmen, die nach dem Ende der Kurzarbeit keine Auftragseingänge verbuchen könnten. Allerdings werde die Marke von vier Millionen Arbeitslosen voraussichtlich erst Anfang kommenden Jahres überschritten.

Statistische Sondereffekte verbessern Zahlen

Die Zunahme der unbereinigten Arbeitslosenzahl im Juli war nach Angaben der BA jahreszeitlich bedingt. Im vorigen Jahr wurde ein ähnlich hoher Anstieg verzeichnet. Dies liegt vor allem daran, dass sich im Sommer viele Jugendliche nach Abschluss einer betrieblichen oder schulischen Ausbildung vorübergehend arbeitslos melden. Hinzu kommen urlaubs- und quartalsbedingte Kündigungen.

Positiv überraschten auch die saisonbereinigten Zahlen. Dort wies die BA einen Rückgang um 6000 Erwerbslose aus. Volkswirte hatten im Schnitt eine Zunahme um 45.000 erwartet. Allerdings ist die Zahl von Sondereffekten beeinflusst, weil Erwerbslose, mit deren Vermittlung Dritte beauftragt sind, nicht mehr als arbeitslos gezählt werden. Ohne diese Sondereinflüsse wäre die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit um etwa 30.000 gestiegen.

Banken-Volkswirte werteten die Zahlen dennoch als positiv. "Die Zahlen sind erstaunlich gut ausgefallen, wenn man das Ausmaß der Krise sieht", sagte Peter Meister von der BHF Bank. Die Entlastung durch die Kurzarbeit werde sich aber im Herbst ins Gegenteil umkehren: "Das dicke Ende kommt noch."

Probleme dürfte es namentlich im Maschinenbau geben. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) teilte mit, die Aufträge im Juni seien um 46 Prozent eingebrochen. Sie haben sich damit im Vergleich zum Vorjahresmonat fast halbiert. Die Unternehmen würden 2009 wohl bis zu 60.000 Stellen streichen, sagte Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse. "Bis Mai haben wir einen Abbau von 18.000 Stellen."

In der Branche sind fast eine Million Menschen beschäftigt. Der VDMA vertritt über 3000 Unternehmen mit knapp einer Million Beschäftigten in Deutschland.

Bundesagentur tief in den roten Zahlen

Unterdessen ist die BA tief ins Minus gerutscht: Ende Juli verzeichnete sie ein Defizit von 11,7 Milliarden Euro. Das waren noch einmal 600 Millionen Euro mehr, als in der Planung vorgesehen. Für das Gesamtjahr erwartet die BA nach ihrer jüngsten Prognose eine Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben von 16,5 Milliarden Euro. Dieses Loch kann sie in diesem Jahr gerade noch mit ihren Rücklagen schließen. 2010 droht dann ein Schuldenberg von 22 Milliarden Euro.

yes/Reuters/AP



Forum - Wie sinnvoll ist Kurzarbeit?
insgesamt 201 Beiträge
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diaphoros 27.02.2009
1. Sache der Firmen!
Natürlich kann auch hier wieder unterstellt werden, und danach sieht es jetzt aus, dass ein Teil der Autohersteller schon auf dem Tripp ist, möglichst mit Kurzarbeit und Abwrackprämie sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, obwohl es für Kurzarbeit keine Rechtfertigung geben mag. Die Regierenden sollten sich eher einfallen lassen, wie sie sozial verträglich einige Firmen zum Verschwinden bringen können, wenn es nun mal mehr Autos als Abnehmer gibt. Danach erst kann man über die Gewährung vun Kurzarbeitsubventionen entscheiden. Aber wir haben ja das Wahljahr und da muß man dem Affen Zucker geben anstatt eine Systemkrise zu lösen.
Andreas Heil, 27.02.2009
2.
Zitat von sysopDie Unternehmen schicken Tausende Beschäftigte in Kurzarbeit. Kann so eine höhere Arbeitslosenquote verhindert werden? Oder kaschiert Kurzarbeit nur das wahre Ausmaß der Krise?
Beides. Die Veränderung der Spielregeln hat die große Koalition in einem beispiellosen Verfahren praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit im letzten Quartal 2008 vollzogen, als öffentlich noch in guter Laune gemacht wurde, vielen MdBs das Ausmaß der Krise aber schon schwante (ich war damals auf einer Veranstaltung mit zwei SPD-MdBs und Sven Giegold, der seinen grünen "New Deal" vorstellte und von den Anwesenden relativ eindeutig derjenige war, der überhaupt verstand, was gerade passierte). Im Grunde war das dann auch das indirekte Eingeständnis, dass die Agenda-Politik völlig verfehlt war. Um es beurteilen zu können, muss man die Eckdaten wissen: Bei den Unternehmen wird - bis Kurzarbeit Null - die Nettolohndifferenz zwischen Ist-Lohn und Soll-Lohn gebildet, diese Differenz trägt der Staat in Höhe von 60 bzw. 67 Prozent (also in Höhe von ALG I). Das Unternehmen kann, bspw. aufgrund eines Tarifvertrags dies noch auf bis zu 80 Prozent aufstocken (dies ist nicht SV-pflichtig). Während der Kurzarbeitszeit muss die Urlaubszeit nach wie vor voll vom Unternehmen getragen werden, ansonsten muss es nur die Hälfte der Lohnnebnkosten aus dem Arbeitsverhältnis selber aufbringen. Summa Summarum kostet das Unternehmen diese flexible Anpassung an die Auslastung also nur um die 20 Prozent der ursprünglichen Summe aus Lohn- und Lohnnebnekosten, wenn Arbeitskräfte mangels Auftragsbestands gar nicht gebraucht werden. Teilnehmen kann jedes Unternehmen mit mindestens *einem* Angestellten. Als *Notmaßnahme* ist diese Form antizyklischer Arbeitsmarktpolitik das beste, was die Regierung überhaupt verzapft hat, weil es die Nettoeinkommen und damit die Binnennachfrage einigermaßen stabil hält. Leider *widerspricht* die Maßnahme entweder dem Konzept der Bundesregierung, die Krise zu meistern oder sie beruht auf einer völlig illusorischen Hoffnung. Da keine relevante Konjunkturstützung stattfindet, setzt die Regierung offenbar auf einen erforderlichen Strukturwandel, dann behindert die Maßnahme den dafür notwendigen Umbau. Oder die Regierung hofft, dass die "Konjunkturlokomotive" USA wieder anspringt, dann muss man ihr bescheinigen, dass sie immer noch *nicht im Ansatz verstanden* hat, welches realwirtschaftliche Problem unter der Finanzkrise liegt - was deren eigentliches Fundament ist. Diese Hoffnung muss zwingend enttäuscht werden. Im jedem Fall aber zielt die Maßnahme darauf ab, Stillstand zu finanzieren, was das Realeinkommen (Ausstoß an Gütern und Dienstleistungen der Volkswirtschaft) *zwingend* drastisch vermindern *muss*, während wirksame Konjunkturmaßnahmen das Gegenteil bewirkt hätten: Sie hätten das Realeinkommen der Volkswirtschaft einigermaßen stabil belassen, es aber zumindest erstmal (die Gegenfinanzierung in Zukunft ist ja noch unklar) in Nettokaufkraft der Arbeitnehmer umgewandelt. *Problematisch* ist, dass die Unternehmen (vor allem die großen) zeigen, dass sie so nicht mitmachen und in keiner Weise von ihrem bisherigen Paradigma abrücken. Folglich wird es in wenigen Monaten trotzdem zu Massenentlassungen kommen, wenn die Regierung nicht *mit einem noch tieferen Griff in die Kasse* versucht, die Situation über die Wahl zu retten.
cartman0815 27.02.2009
3.
Zitat von sysopDie Unternehmen schicken Tausende Beschäftigte in Kurzarbeit. Kann so eine höhere Arbeitslosenquote verhindert werden? Oder kaschiert Kurzarbeit nur das wahre Ausmaß der Krise?
Jeder mit etwas mehr Weitblick kann sich die Antwort selber geben. Kurzarbeit macht Sinn Fachkräfte zu halten, um nach der Krise wieder durchzustarten. Ein zu starker Abbau der Kapazitäten könnte bei Anspringen der Konjunktur in Lieferengpässen enden und die Preise nach oben treiben.
Hador, 27.02.2009
4.
Zitat von Andreas HeilBeides. Die Veränderung der Spielregeln hat die große Koalition in einem beispiellosen Verfahren praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit im letzten Quartal 2008 vollzogen, als öffentlich noch in guter Laune gemacht wurde, vielen MdBs das Ausmaß der Krise aber schon schwante (ich war damals auf einer Veranstaltung mit zwei SPD-MdBs und Sven Giegold, der seinen grünen "New Deal" vorstellte und von den Anwesenden relativ eindeutig derjenige war, der überhaupt verstand, was gerade passierte). Im Grunde war das dann auch das indirekte Eingeständnis, dass die Agenda-Politik völlig verfehlt war. Um es beurteilen zu können, muss man die Eckdaten wissen: Bei den Unternehmen wird - bis Kurzarbeit Null - die Nettolohndifferenz zwischen Ist-Lohn und Soll-Lohn gebildet, diese Differenz trägt der Staat in Höhe von 60 bzw. 67 Prozent (also in Höhe von ALG I). Das Unternehmen kann, bspw. aufgrund eines Tarifvertrags dies noch auf bis zu 80 Prozent aufstocken (dies ist nicht SV-pflichtig). Während der Kurzarbeitszeit muss die Urlaubszeit nach wie vor voll vom Unternehmen getragen werden, ansonsten muss es nur die Hälfte der Lohnnebnkosten aus dem Arbeitsverhältnis selber aufbringen. Summa Summarum kostet das Unternehmen diese flexible Anpassung an die Auslastung also nur um die 20 Prozent der ursprünglichen Summe aus Lohn- und Lohnnebnekosten, wenn Arbeitskräfte mangels Auftragsbestands gar nicht gebraucht werden. Teilnehmen kann jedes Unternehmen mit mindestens *einem* Angestellten. Als *Notmaßnahme* ist diese Form antizyklischer Arbeitsmarktpolitik das beste, was die Regierung überhaupt verzapft hat, weil es die Nettoeinkommen und damit die Binnennachfrage einigermaßen stabil hält. Leider *widerspricht* die Maßnahme entweder dem Konzept der Bundesregierung, die Krise zu meistern oder sie beruht auf einer völlig illusorischen Hoffnung. Da keine relevante Konjunkturstützung stattfindet, setzt die Regierung offenbar auf einen erforderlichen Strukturwandel, dann behindert die Maßnahme den dafür notwendigen Umbau. Oder die Regierung hofft, dass die "Konjunkturlokomotive" USA wieder anspringt, dann muss man ihr bescheinigen, dass sie immer noch *nicht im Ansatz verstanden* hat, welches realwirtschaftliche Problem unter der Finanzkrise liegt - was deren eigentliches Fundament ist. Diese Hoffnung muss zwingend enttäuscht werden. Im jedem Fall aber zielt die Maßnahme darauf ab, Stillstand zu finanzieren, was das Realeinkommen (Ausstoß an Gütern und Dienstleistungen der Volkswirtschaft) *zwingend* drastisch vermindern *muss*, während wirksame Konjunkturmaßnahmen das Gegenteil bewirkt hätten: Sie hätten das Realeinkommen der Volkswirtschaft einigermaßen stabil belassen, es aber zumindest erstmal (die Gegenfinanzierung in Zukunft ist ja noch unklar) in Nettokaufkraft der Arbeitnehmer umgewandelt. *Problematisch* ist, dass die Unternehmen (vor allem die großen) zeigen, dass sie so nicht mitmachen und in keiner Weise von ihrem bisherigen Paradigma abrücken. Folglich wird es in wenigen Monaten trotzdem zu Massenentlassungen kommen, wenn die Regierung nicht *mit einem noch tieferen Griff in die Kasse* versucht, die Situation über die Wahl zu retten.
So siehts wohl leider aus. Kurzarbeit kann eine sehr gute Sache sein, einfach weil man sich damit Zeit für weitere Maßnahmen zum Umbau oder der Unterstützung der Wirtschaft erkauft ohne allzuviel kapput zu machen. Leider scheint unsere Regierung immer noch nicht zu verstehen was im Moment eigentlich wirklich passiert und zu glauben man müsse nur irgendwie das nächste halbe Jahr mit möglichst wenig Schaden überstehen dann würde es schon wieder aufwärts gehen und zwar genauso wie vorher....
Zwiebel, 27.02.2009
5.
Zitat von cartman0815Jeder mit etwas mehr Weitblick kann sich die Antwort selber geben. Kurzarbeit macht Sinn Fachkräfte zu halten, um nach der Krise wieder durchzustarten. Ein zu starker Abbau der Kapazitäten könnte bei Anspringen der Konjunktur in Lieferengpässen enden und die Preise nach oben treiben.
Soweit die Theorie. Dennoch ist die Wirtschaftskrise auch eine Bewährungsprobe für alle Unternehmen, weshalb nach der Durststrecke nicht alle weiterhin Personal zum Durchstarten benötigen werden. Oder glauben Sie, dass bei der Rally Dakar auch die Autos noch Sprit brauchen, die mit Motorschaden ausgeschieden sind?
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