Jobs "Die Un-Arbeitslosen sind die wahren Frustrierten"

Sarkasmus im Büro, fehlende Anerkennung, dreister Dienstplanboykott: Laut Volker Kitz sind Arbeitende genauso unglücklich wie Arbeitslose. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Autor, warum viele Angestellte ihre Chefs hassen - und wie man Jobfrust kurieren kann.


SPIEGEL ONLINE: Herr Kitz, in Ihrem Buch zitieren Sie eine Studie, laut der vier von fünf Deutschen von ihrem Job frustriert sind. Das wären mehr als 35 Millionen Menschen. Ist das nicht zu hochgegriffen?

Kitz: Nein. Die Zahl bedeutet ja nicht, dass 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung statt zu arbeiten nur noch SPIEGEL ONLINE lesen. Der Wert umfasst alle Unzufriedenen - die latent Genervten ebenso wie die Hardcore-Resignierten, die ihr Unternehmen von innen heraus zerstören wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist unglücklicher - ein Angestellter oder ein Hartz-IV-Empfänger?

Kitz: Ich will das Problem der Arbeitslosigkeit sicher nicht herunterspielen. Trotzdem: Die meisten Un-Arbeitslosen sind auch unglücklich. Der Arbeitslose hat ein geknicktes Selbstwertgefühl, weil er nichts für die Gesellschaft leistet. Der Arbeitende leidet unter Zwängen, fehlender Anerkennung und enttäuschten Erwartungen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie auch, ein Dax-Chef und ein Bäckerlehrling seien aus denselben Gründen frustriert.

Kitz: Das stimmt. Ein Dax-Chef monierte uns gegenüber, wie sehr sich in seinem Job alles wiederholt. Kennen Sie ein Jahr, kennen Sie alle, sagte er. Kurz darauf wechselte er zu einem anderen Konzern. Jetzt sagt er: Kennen Sie einen Dax-Konzern, kennen Sie alle.

SPIEGEL ONLINE: Mit Verlaub - das lässt sich wohl kaum mit den Problemen vergleichen, die jemand hat, der bei Lidl an der Kasse arbeitet.

Kitz: Was Sie beschreiben, ist etwas anderes. Armut, Dumpinglöhne, unmenschliche Arbeitszeiten: Das sind alles existentielle Nöte. Die sind ganz objektiv ungerecht. Ich verurteile die Missstände ebenso wie Sie. Aber Jobfrust entsteht bei den meisten Menschen nicht aus Existenznot - sondern aus dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum fühlen sich vier von fünf Arbeitnehmern ungerecht behandelt?

Kitz: Viele haben überzogene Erwartungen daran, was ein Job leisten kann. Sie eifern einem Ideal hinterher, das es nicht gibt. Wo Menschen walten, gibt es immer Ungerechtigkeit, denn der Mensch ist kein Gerechtigkeitsautomat. Die Suche nach einem völlig gerechten Ort kann daher immer nur enttäuscht werden.

SPIEGEL ONLINE: Als ungerecht empfinden viele vor allem ihr Gehalt. Ist es wirklich so überzogen, einen angemessenen Lohn zu verlangen?

Kitz: Das nicht. Nur wird uns unser Gehalt immer unangemessen vorkommen. Das ist durch mehrere Experimente erwiesen: So räumte man einer Versuchsgruppe die Wahl ein zwischen einem Gehalt von 60.000 Euro bei einem Durchschnittslohn von 20.000 Euro – und 600.000 Euro bei einem Durchschnittslohn von einer Million. Die große Mehrheit entschied sich für das absolut niedrigere Gehalt, das dafür aber über dem Durchschnitt lag. Offenbar geht es gar nicht darum, besonders viel zu verdienen. Wichtiger ist, mehr zu verdienen als die Menschen, mit denen man sich vergleicht.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für einen Dax-Chef mit sieben- oder achtstelligem Gehaltscheck?

Kitz: Ja, das kann man in regelmäßigem Abstand in der Zeitung nachlesen. Immer wieder gibt es Interviews, in denen Top-Manager beteuern, ihr Millionen-Euro-Salär sei doch mickrig im Vergleich zu dem, was ihre US-Kollegen verdienen. Und sie haben damit ja sogar recht: Wie das Wirtschaftsmagazin "Forbes" berichtet, verdiente Apple-Chef Steve Jobs 2006 rund 647 Millionen Dollar.

SPIEGEL ONLINE: Geld ist nicht alles. Man kann doch auch mit Statussymbolen protzen.

Kitz: Dasselbe Spiel. Wer gerade eine Bahncard 100 für die erste Klasse bekommen hat, schielt schon auf die Limousine mit Privatchauffeur, die der Kollege fährt. Mit Macht ist es genauso: Der Chef fühlt sich vom Aufsichtsrat bevormundet, dieser wiederum hat die Kunden als Chefs. Und selbst Angela Merkel hat in Interviews beklagt, dass der Job der Bundeskanzlerin ihr zu wenig Spielraum für eigene Entscheidungen lasse. Egal, in welcher Position man ist - es gibt immer einen sozialen Aufwärtsvergleich - und der führt zwangsläufig zu Frust.

SPIEGEL ONLINE: Sozialer Aufwärtsvergleich? Man könnte auch sagen: Sie unterstellen den Deutschen, ihre Haupttriebe seien Neid und Missgunst.

Kitz: Im Kern geht es jedem darum, aus der Masse hervorzuragen und als Individuum wahrgenommen zu werden. Wir konkurrieren um Aufmerksamkeit und Anerkennung – auch und gerade am Arbeitsplatz. Das ist ja an sich nichts Schlechtes. Nur kann der Vergleich eben anspornen, aber auch Frust verursachen.

SPIEGEL ONLINE: Krankenpfleger, Umweltaktivisten und Weltverbesserer - alles eitle Selbstdarsteller?

Kitz: Ein Arzt erzählte mir, seine größte Enttäuschung sei gewesen, zu merken, dass es keinen Unterschied macht, ob er einen Patienten behandelt oder jemand anders es tut. Dass es also nicht gerade auf ihn ankam. Es geht auch Weltverbesserern darum, bedeutsam zu sein. Gleichzeitig haben solche Menschen aber tatsächlich ein überdurchschnittliches Bedürfnis, anderen zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Und helfen soll nicht glücklich machen?

Kitz: Nein, weil jeder Weltverbesserer früher oder später merkt, dass seine Macht weit begrenzter ist, als er es sich erträumt hat. Selbst Mutter Teresa war vor dieser Enttäuschung nicht gefeit. Briefe, die nach ihrem Tod veröffentlicht wurden, legen den Schluss nahe, dass sie in ihrer zweiten Lebenshälfte an der schieren Masse der Armen verzweifelte und Gottes Gegenwart nur schwer fühlen konnte.



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