JobTV24 Viva für Erwerbslose

Das hat Hartz-IV-Empfängern gerade noch gefehlt: Die Macher von JobTV24 haben für Arbeitslose einen Sender aus der Taufe gehoben, der in lockerer Atmosphäre bei der Stellensuche helfen soll. Doch das Programm ist noch langweiliger, als in der Arbeitsagentur zu warten.


Hamburg - Die Flotte der kleinen Airbus-Zivilflugzeuge schwebt in hübscher Formation vor hellblauem Himmel, der Eurocopter landet im Schnee und hebt dann irgendwo im Grünen wieder ab, anschließend zischt der Eurofighter durchs Bild. Zwischendurch erscheinen Flugzeugwerke, in denen riesige Flügel und Kabinenteile hin- und hermanövriert werden. Später steht noch ein Mann mit militärgrünem Outfit und Kopfhörern auf einem Flugfeld vor einem Laptop. Er guckt ernst und sieht sehr cool aus - ein bisschen wie bei Top Gun.

JobTV24-Studio: Ein Backsteinstudio und Seemannspullis für die "lockere Atmosphäre"
Klaus Winkler

JobTV24-Studio: Ein Backsteinstudio und Seemannspullis für die "lockere Atmosphäre"

Gleich zwei Filme bekommt der Zuschauer zum Thema EADS in der ersten halben Stunde JobTV24 an diesem Tag zu sehen. Erst seit kurzem ist der neue Kanal per Satellit empfangbar und der Airbus-Mutterkonzern ist einer der ersten, der auf diesem Weg nach neuen Mitarbeitern sucht - sonst wäre Personalmarketingleiter Thorsten Möllmann ja auch nicht ins Studio des Fernseh-Stellenmarkts "Job Fabrik" eingeladen worden.

Wie die Arbeit bei EADS allerdings tatsächlich aussieht, bleibt im Dunkeln. Außer dem Top-Gun-Mann sind in den Kurzfilmen über den Konzern höchstens mal ein paar Mitarbeiter in bunten Overalls zu sehen, die irgendwo herumstehen. Angesichts der spektakulären Luftbilder der Filmbeiträge schleicht sich der Verdacht ein, die Einspieler seien einfach fix aus einem EADS-eigenen Imagefilm zusammengeschnitten worden.

Moderatorin Sylvia zeigt sich dennoch bewegt. Sie sieht ein wenig blass und müde aus, was gut zur düsteren Atmosphäre des Backstein-Studios passt. Dennoch klingt sie begeistert. "Eine beeindruckende Bilanz", jubelt sie Personaler Möllmann entgegen. Der sitzt ihr gegenüber mit hochgezogenen Knien - das dunkelbraune Sofa ist ein wenig zu niedrig für ihn. EADS suche vor allem Ingenieure, sagt er. Gute Studiennoten müssten sie haben und wenn's geht "multikulturell ausgerichtet" sein, also mehrere Sprachen sprechen.

Die "Job Fabrik" soll das zentrale Element des neuen TV-Kanals sein. Mehrere tausend Stellenanzeigen würden in dem Fernseh-Arbeitsamt vorgestellt, hatten die Gründer des Senders zum Start erklärt. Aber "fundierte Tipps und Informationen" für Jobsuchende, wie sie auf der Homepage angepriesen werden? Die geladenen Chefs und Personaler nuscheln von Flexibilität und sozialen Kompetenzen. In den zugehörigen Filmen kommt nicht ein einziger Mitarbeiter zu Wort. Allenfalls sieht man junge Menschen demonstrativ nachdenklich in Computer blicken. Nur auf dem Clubschiff Aida sind auch ein Masseur, ein paar Animateure und ein Kapitän zu sehen, der das Fernglas zum Auge führt.

Man wird das dumme Gefühl nicht los, dass die Beiträge eher ein kleines Dankeschön an die Unternehmen sein sollen. Immerhin - von klassischer Fernseh-Reklame bleibt der Zuschauer an diesem Vormittag verschont. Obwohl der Sender sich nach eigenen Angaben über Werbung und Stellenanzeigen finanziert.

"Mehr dazu im Internet"

In "lockerer Atmosphäre" soll JobTV24 gemacht werden. Ansprechen will man schließlich nicht nur Arbeitslose, sondern auch Schüler, Studierende, Existenzgründer und richtige Karrierehaie. Heraus kam ein düsteres Backsteinstudio mit zwei großen Schreibtischen, an denen sich die Moderatoren - wenn sie gerade nichts sagen müssen - auch mal entspannt in den Stühlen fläzen. Einer trägt Jeans und Seemannspullover. Mit dem angegrauten Schopf und dem Spitzbubenblick sieht er aus wie ein schwer in die Jahre gekommener Viva-Redakteur.

Bei seinen Beiträgen begnügt er sich mit Worthülsen und dem Offensichtlichen - wie eigentlich alle Moderatoren. Schüler sollten bei der Wahl eines Ausbildungsplatzes am besten ein Berufsinformationszentrum der Arbeitsagentur besuchen, erfährt man etwa. Zum Thema Arbeitsvertrag erklärt der in einen gewöhnungsbedürftigen Anzug mit Längsstreifen gehüllte Rechtsexperte Stefan von Zdunowski: "Man muss wissen, was da auf einen zukommen kann, das ist das Geheimnis." Und auf die Frage, bei wem man denn bei Unsicherheit Rat suchen könne, rät er gelassen: Bei einem Rechtsanwalt.

Als es später am Tag in der "Gründer Werkstatt" um die verschiedenen Rechtsformen eines Unternehmens geht, wird es dafür umso komplizierter - immerhin bekommt die ins Schwitzen geratene Moderatorin Anwalt Zdunowski diesmal dazu, außer der eigenen Zunft noch die Industrie- und Handelskammern oder das Internet für Hilfesuchende zu empfehlen. In der "Karriere Lounge" palavert der Chef des Logistikriesen TNT schließlich in einem ebenfalls nicht unvorteilhaften Filmchen noch etwas von Mitarbeiterführung, weil er dafür ja einen Preis gewonnen hat. Der Trick sei, seine Untergebenen richtig zu motivieren.

Tiefer muss man ja auch nicht gehen - schließlich gibt es das Internet, auf das immer wieder gern verwiesen wird. Besonders ärgerlich wird es dann allerdings, wenn die "Netzreporter" mit wortreichen Erklärungen durchs Netz surfen, die virtuellen Ausflüge auf dem Computerbildschirm dabei aber nur unscharf zu sehen sind.

Nicht, dass es manchmal nicht auch interessant oder sogar noch unterhaltsam werden könnte. Wenn etwa der Bewerbungsguru Jürgen Hesse erwähnt, sein erstes Vorstellungsgespräch sei ein reines Desaster gewesen. Doch wer jetzt auf eine menschelnde, tröstende Geschichte von fiesen Fragerunden wartet, hat sich zu früh gefreut. Die Moderatorin geht geflissentlich über die Bemerkung hinweg.

Auch, als in der "Gründer Werkstatt" eine zierliche Berlinerin von ihrer Keksbäckerei und "Traumjobberatung" berichtet, lächelt Reporter Stefan nur ungläubig vor sich hin. Worin genau der Erfolg dieses verwirrenden Geschäftskonzepts liegt, bleibt ungeklärt.

"Wir wollen rund um die Uhr Chancen bieten", hatte Geschäftsführer Rainer Zugehör zum Start des Job-Fernsehens erklärt. Zwar läuft das Programm derzeit nur zwischen 9.30 und 17.30 Uhr. In dieser Zeit hat man dafür alle Chancen der Welt, sich unglaublich zu langweilen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.