Junge Arbeitnehmer "Es gilt hire und fire"

Der Arbeitsmarkt kippt - und darunter leiden besonders Azubis und Berufseinsteiger. Sie fliegen als erstes aus dem Job und landen oft direkt in Hartz IV. Arbeitsmarktexperte Johannes Giesecke fordert deshalb im SPIEGEL-ONLINE-Interview mehr Rechte für die neuen Risikobeschäftigten.


SPIEGEL ONLINE: In einer neuen Studie schreiben Sie, Arbeitnehmer trügen derzeit die größten Kosten der Rezession. Wen meinen Sie genau?

Giesecke: Es geht vor allem um die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Die Hoffnung war doch, gerade den Problemgruppen, den Alten, Jungen und den Geringqualifizierten, zu helfen. Aber nun sehen wir die Schattenseiten: Auch das Entlassen wird hier einfacher. Es gilt eben hire und fire.

SPIEGEL ONLINE: Haben wir mittlerweile Beschäftigung erster und zweiter Klasse?

Giesecke: Zumindest haben wir einen Trend in diese Richtung. Die heute atypisch Beschäftigten - also befristet Beschäftigte und Leiharbeiter - trifft es als erste. Bei diesem Puffer wurde bereits still abgebaut.

SPIEGEL ONLINE: Und das betrifft auch immer mehr junge Arbeitnehmer.

Giesecke: Ja, gerade die kurzen Beschäftigungszeiten werden dann zum Problem. Es gibt mittlerweile zu viele perforierte Erwerbskarrieren. Die Folge ist, dass häufig noch gar kein Anspruch auf Arbeitslosengeld I bestehen kann. Immerhin gibt es bislang keine Anzeichen, dass der Trend zu befristeten Jobs auch bei steigendem Alter bestehen bleibt, also quasi mitwächst.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste man denn ändern?

Giesecke: Das Lohnniveau sollte steigen. Junge Arbeitnehmer müssten eigentlich für ihr besonderes Risiko höher entlohnt werden und nicht niedriger, um im Krisenfall über Absicherung zu verfügen. Außerdem brauchen wir eine allgemeinen Bewusstseinswandel: Die Möglichkeit, sich wie die Stammbelegschaft weiterbilden zu können, wäre ein guter Weg.

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Julia Schäfer / privat / Corbis / Michael Nowak
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SPIEGEL ONLINE: Aber hat die Flexibilisierung nicht im vergangenen Aufschwung den gewünschten positiven Effekt auf die Beschäftigung gehabt?

Giesecke: Da wäre ich skeptisch. Im EU-Vergleich haben die Maßnahmen eher wenig gebracht. Stattdessen sehen wir, dass der ehemalige Goldstandard bei der Beschäftigung - Vollzeit und unbefristet - zunehmend ersetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Wem nutzt denn der derzeitige massive Einsatz der Kurzarbeit?

Giesecke: Zunächst mal den aus Unternehmenssicht besonders Schützenswerten: den Facharbeitern, denen mit viel Spezialwissen. Eben jenen, die man nicht so einfach ersetzen kann.

Das Interview führte Max Haerder



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