Kampf für weibliche Aufsichtsräte: Warum Frauen die Finanzkrise managen sollten

Weibliche Waffen gegen das Finanzdesaster: Monika Schulz-Strelow fordert im SPIEGEL-ONLINE-Interview, im Kampf gegen die Kreditkrise bewusst auf Frauen zu setzen. Gäbe es in Banken mehr weibliche Top-Leute, wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen, sagt die Unternehmensberaterin.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schulz-Strelow, Frauen gelten als sehr viel vorsichtiger als Männer. Mal angenommen, in Banken hätten mehr Frauen das Sagen gehabt - wäre die Finanzkrise glimpflicher verlaufen?

Unternehmensberaterin Strelow: "Die Krise trifft Frauen härter als Männer"

Unternehmensberaterin Strelow: "Die Krise trifft Frauen härter als Männer"

Schulz-Strelow: Studien zeigen, dass Frauen im Geschäftsleben weniger Risiken eingehen. Wenn sie zum Beispiel ein Unternehmen gründen, kaufen sie sich nicht gleich den Oberklassewagen, sobald es gut läuft. Stattdessen sorgen sie sich um die langfristige Zahlungsfähigkeit des Unternehmens. Insofern ist die Vermutung, Frauen hätten auf dem Finanzmarkt weniger gezockt, nicht vollkommen abwegig. Aber das sind Gedankenspiele. Jetzt ist die Krise da und zieht vielen Menschen den Boden unter den Füßen weg, jetzt muss es um Krisenmanagement gehen. Und da sollten Frauen eine wichtige Rolle spielen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, beim Erfolg im Kampf gegen Rezession gibt es geschlechterspezifische Unterschiede?

Schulz-Strelow: Ich glaube zumindest, dass Frauen in Führungspositionen Mitarbeiter besonders gut mitnehmen und motivieren können - auch bei harten Reformen. In Island sind sicher nicht umsonst bei zwei Problembanken jetzt Frauen CEO geworden.

SPIEGEL ONLINE: Die Fähigkeiten, die Sie beschreiben, sprechen vielleicht für mehr Frauen im Management. Im Verein "FidAR - Frauen in die Aufsichtsräte" kämpfen Sie aber ausdrücklich für mehr Frauen in Kontrollgremien. Warum? Aufsichtsräte sollen gegenüber dem Management vor allem durchsetzungsfähig sein - was eher Männern zugeschrieben wird.

Schulz-Strelow: Das ist viel zu schlicht gedacht. Männer sind vielleicht direkter, härter. Aber das grundsätzliche Problem deutscher Aufsichtsräte ist: Sie sind viel zu homogen - in jeder Hinsicht. Ausgerechnet beim Exportweltmeister sitzen kaum Ausländer in den Gremien. Und wenn Frauen vertreten sind, kommen sie fast nur über die Arbeitnehmerseite herein. Deutsche Aufsichtsräte sind die letzten Refugien, in denen altgediente Manager unter sich schalten und walten können. Sie stoßen ja oft auch noch direkt aus dem Vorstand in den erlesenen Zirkel.

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Schulz-Strelow: … und in der Praxis wird diese Vorgabe immer noch zu wenig beachtet. Diese enge Verzahnung bringt Probleme mit sich. Derzeit ist die Gruppe, aus der sich die Aufsichtsräte vieler Großkonzerne rekrutieren, noch überschaubar. Manche der Herren sammeln die Sitze geradezu. Kein Wunder: Ein Aufsichtsratsposten verspricht Reputation.

SPIEGEL ONLINE: Würden Frauen das nicht ganz genauso machen, wenn man es ihnen anbieten würde?

Schulz-Strelow: Wenn Frauen lang genug an der Macht sind, verhalten sie sich vielleicht ähnlich wie Männer. Da fehlen noch die Erfahrungen. Menschen, die wie in Watte gepackt leben, denen die Tür immer aufgehalten wird und die immer ein Wagen mit Chauffeur erwartet, können es sich irgendwann nicht mehr anders vorstellen. Frauen stellen sich aber eher die Frage: Schaffe ich diese Aufgaben überhaupt alle? Insofern würden sie den fünften Aufsichtsratsjob vielleicht eher ablehnen als ein Mann.

SPIEGEL ONLINE: Allein Bescheidenheit reicht aber sicher nicht, um ein guter Aufsichtsrat zu sein.

Schulz-Strelow: Das stimmt. Nehmen Sie die typischen deutschen Aufsichtsräte. Das sind - pauschal gesprochen – oft hemdsärmlige Typen mit hoher Durchsetzungskraft. Ein solches Auftreten fällt Frauen meist schwer. Aber exorbitante Managergehälter etwa hinterfragen Frauen mit Sicherheit sehr viel stärker. Weil sie selbst ihr Eigeninteresse eher dem Unternehmensinteresse unterordnen und dies auch von anderen erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich müssten Unternehmen doch dann sehr interessiert an weiblichen Aufsehern sein.

Schulz-Strelow: Nein. Personalexperten erzählen mir: Als Aufsichtsratskandidaten werden kaum Frauen gesucht, obwohl sie exzellente Qualifikationen mitbrächten. Wahrscheinlich, weil sie die gewohnten Abläufe tatsächlich erst einmal stören.

SPIEGEL ONLINE: Wieso das denn?

Schulz-Strelow: Wenn man die Verhaltensmuster wirklich ändern will, müssen den Gremien mehr als eine weibliche Vertreterin angehören. Das gilt in Aufsichtsräten mehr als in anderen Zirkeln. Weil dort Entscheidungen oft schon im Vorfeld abgestimmt werden. Ich habe das selbst als Aufsichtsrätin erlebt. In den Sitzungen hatte ich profunde Diskussionen erwartet. Tatsächlich war es üblich, dass Entscheidungen einfach durchgewinkt wurden. Die relevanten Hintergründe hatten die Beteiligten schon vorher geklärt. Meine Lehre daraus: Eine Frau allein wird ziemlich hart arbeiten müssen, um in den informellen Zirkel der Entscheider aufgenommen zu werden und um die relevanten Fakten im Vorfeld zu erfahren. Auch um diese Zirkel aufzubrechen fordern wir als FidAR inzwischen auch die Einführung einer Quote.

SPIEGEL ONLINE: Woher wollen Sie die ganzen Frauen für die deutschen Aufsichtsräte nehmen? Es sollten ja schon erfahrene Top-Managerinnen oder Juristinnen sein. Aber auf den Führungsebenen wird es da dünn.

Schulz-Strelow: Die Rufe, es fehlten die geeigneten Kandidatinnen für solche Posten, sind schlicht Ausdruck männlicher Ignoranz. Wir fordern eine Quote von 25 Prozent als kurzfristiges Ziel, das sich erreichen lässt. Allein der Deutsche Juristinnenbund hat im vergangenen Jahr Gerhard Cromme, dem damaligen Vorsitzenden der Regierungskommission für gute Unternehmensführung, eine Liste mit über 400 potentiellen Kandidatinnen übergeben. Da standen hochqualifizierte Frauen drauf, Managerinnen von großen IT-Unternehmen, Top-Juristinnen. Herr Cromme erklärte den Damen auf einer Veranstaltung erst einmal, dass eine Aufsichtsratsitzung kein Kaffeekränzchen sei. Dies hatte auch keine der Anwesenden vermutet.

SPIEGEL ONLINE: Was ist aus der Liste denn geworden? Offenbar hat sich noch nichts getan.

Schulz-Strelow: Das Papier wurde herumgereicht wie eine heiße Kartoffel. Natürlich war die Übergabe vor allem eine Geste - die Kandidatinnen waren nicht etwa von einer Personalberatung vorher geprüft. Aber trotzdem: Wenn man wollte, könnte man etwas daraus machen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Müller hat als Commerzbank-Aufsichtsrat in der aktuellen Krisensituation aber sicher anderes zu tun, als sich für die weibliche Emanzipation starkzumachen.

Schulz-Strelow: Da sind wir wieder beim Ausgangspunkt: Vor allem in der Krise ist es wichtig, endlich mehr auf weibliche Fähigkeiten zu setzen. Nicht nur in Aufsichtsräten übrigens. Mich stört zum Beispiel ungemein, dass vor allem Männer in den Talkshows über die Finanzkrise diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schulz-Strelow: Weil sie natürlich hauptsächlich männliche Ängste thematisieren.

SPIEGEL ONLINE: Frauen haben derzeit andere Ängste als Männer?

Schulz-Strelow: Meiner Ansicht nach trifft die Frauen die Krise sehr viel härter als Männer - zumindest auf dem Arbeitsmarkt. Da auch hochqualifizierte Frauen überdurchschnittlich oft als Wiedereinsteigerin oder Teilzeitbeschäftigte arbeiten oder freiberuflich tätig sind - in der Weiterbildung, als Unternehmensberaterin oder als sonstige Dienstleisterin. Dies sind die Jobs, die als erstes gefährdet sind. Und das bedeutet nicht nur finanzielle Einschnitte, sondern auch häufig größere Abhängigkeit von den Männern, die ihren Vollzeitjob behalten und ihr Karriereziel weiterverfolgen können.

Das Interview führte Anne Seith

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