Kampf gegen Jobabbau Ökonomen verlangen von Arbeitnehmern Lohnverzicht

Weniger Geld für mehr Jobs: Im Kampf gegen den Anstieg der Arbeitslosigkeit fordern Wirtschaftsexperten finanzielle Zugeständnisse der Beschäftigten. Sie sollen auf einen Teil ihres Gehalts verzichten und so kriselnde Unternehmen stützen.


Berlin - Noch bremst die Kurzarbeit den erwarteten Stellenabbau, doch Experten rechnen mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit im Herbst. Jetzt fordern Ökonomen im Kampf gegen den Kahlschlag bei den Jobs Zugeständnisse der Beschäftigten.

Ein Lohnverzicht schütze vor Entlassungen, er mache Arbeit für die Unternehmen billiger und verbessere die Gewinnsituation, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft der "Bild"-Zeitung. Seit Mitte der neunziger Jahre seien durch Lohnzurückhaltung 900.000 Arbeitsplätze gesichert worden.

Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) sagte der Zeitung, Lohnkürzungen seien sinnvoll für die Rettung von Jobs. Es wäre geradezu fahrlässig von Unternehmen, in einer Schieflage diesbezüglich nicht zu reagieren. Allerdings müssen diese Entscheidungen auf betrieblicher Ebene getroffen werden. Nach Ansicht des Konjunkturchefs des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Roland Döhrn, ist Lohnverzicht vor allem bei Maschinenbaufirmen denkbar. Flächendeckende Lohnsenkungen in allen Branchen lehnte er wegen der Gefahr einer Deflation ab.

Der Wirtschaftsexperte Peter Bofinger widerspricht dagegen Forderungen nach Urlaubsverzicht und Lohnsenkungen. Zum Vorschlag des Mittelstands, der den Verzicht auf einen Urlaubstag als Beitrag der Arbeitnehmer gegen die Krise angeregt hatte, sagte Bofinger der "Passauer Neuen Presse": "Wir haben zu wenig Arbeit und führen Kurzarbeit ein, um die Leute in Beschäftigung zu halten. Wenn sie jetzt länger arbeiten sollten, wäre das kontraproduktiv."

Bofinger nannte die Lohnsenkungsidee von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt einen unsinnigen Vorschlag. 1930 seien während der Weltwirtschaftskrise in Deutschland die Löhne für Facharbeiter um 20 Prozent gesenkt worden. "Das Ergebnis dieser Politik ist bekannt. Deutschland in den dreißiger Jahren ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie man es nicht machen sollte", sagte Bofinger.

Der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), Dieter Hundt, hatte in der vergangenen Woche betont, er halte Forderungen nach Lohnkürzungen aus "rein betriebswirtschaftlicher Sicht" für eine "vernünftige Möglichkeit".

Zugleich kritisierte Hundt die zunehmenden Aktivitäten von Spartengewerkschaften sowie die gegensätzlichen Urteile der Gerichte zur Tarifautonomie. "Wir wollen keine Zersplitterung des Tarifsystems", sagte Hundt. Die Arbeitgeber müssten vor Streiks in der Tariflaufzeit sicher sein. Insgesamt gebe es zu diesem Thema ähnliche Ansichten bei den Gewerkschaften, mit denen dazu bereits gesprochen worden sei.

beb/AFP/ddp



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