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Kampf um Jobs: Wie Rumänien Nokia mit einem nagelneuen Industriepark lockt

Von Katharina Lötzsch und Dan Caramidariu, Bukarest

Jubel in Rumänien: Nokia schafft 3500 Arbeitsplätze, Siebenbürgen hofft auf einen Wachstumsschub. Dass im Gegenzug das Werk in Bochum schließen soll, stört hier keinen - schließlich hat man zwei Jahre lang 30 Millionen Euro investiert, um die Finnen hierhin zu locken.

Bukarest - Für Marius Nicoara stellt sich die Lage ganz einfach dar. Er ist Landrat des rumänischen Landkreises Cluj in Siebenbürgen. 2006 wurde er von Vertretern des finnischen Handy-Konzerns Nokia angerufen. Wenige Tage später saßen die Herren bei ihm im Büro.

Nicoara fuhr mit ihnen nach Jucu, einer Gemeinde mit 4200 Einwohnern, rund 20 Kilometer entfernt von der Großstadt Cluj, dem früheren Klausenburg. Er zeigte der Nokia-Gruppe die große Wiese, auf der die Bauern des kleinen siebenbürgischen Dorfes ihr Vieh weideten. Es folgten Gespräche in der Hauptstadt Bukarest, bei der Rumänischen Agentur für Ausländische Investitionen und bei der Regierung, ein Besuch des rumänischen Premierministers Calin Popescu Tariceanu vor Ort und schließlich die Verhandlungen mit dem Konzern.

Seit dieser Woche laufen bei Nokia in Jucu die Produktionstests. Am 11. Februar soll die reguläre Herstellung beginnen.

Dass Rumänien Nokia aus Deutschland weggelockt habe, will sich Nicoara nicht vorwerfen lassen. Der Medienrummel um das Ende des Handy-Werks in Bochum beeindruckt ihn wenig. "Die Kommunalverwaltung und die rumänische Regierung haben in die Erschließung des Nokia-Werkgeländes rund 30 Millionen Euro investiert, alles ohne Unterstützung der Europäischen Union", sagt Nicoara. "Wenn das Werk auf höchster Kapazität gefahren wird und 3500 Arbeitnehmer beschäftigt, kassiert der rumänische Staat von Nokia etwa 100 Millionen Euro Steuern pro Jahr." Er frage sich, wie viele Steuern Deutschland in den vergangenen zehn Jahren, seit Bestehen des Bochumer Werks, von Nokia erhalten habe.

Selbst wenn Nokia in fünf Jahren weiter gen Osten ziehen würde, ginge die Rechnung für Rumänien auf, sagt Nicoara. Mindestens 500 Millionen Euro würden bis dahin in die Haushaltskassen fließen. Im Raum Klausenburg verfüge man dann über qualifiziertes Personal, und das moderne Werk auf der grünen Wiese bei Jucu bleibe auch erhalten - bereit für neue Investoren. So sollten auch die Deutschen denken, empfiehlt Landrat Nicoara, der der nationalliberalen Partei angehört.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung, die Nokia den Kommunalvertretern von Cluj vorlegte, klang einfach zu verlockend. Und die Liste an Forderungen, die der finnische Konzern stellte, war kurz: Die Baugrundstücke im künftigen "Nokia Village" sollten vom rumänischen Staat erschlossen und die Prozedur der Baugenehmigungen vereinfacht werden; der kleine, jahrelang vernachlässigte Flughafen am Ostrand von Cluj sollte ausgebaut werden; das Arbeitsamt sollte bei der Personalsuche behilflich sein. Außerdem: Bis 2010 soll zwischen dem "Nokia Village" und der Stadt Cluj eine Autobahn gebaut werden.

Die ersten Ingenieure arbeiten schon

Der Handyhersteller versprach im Gegenzug, 60 Millionen Euro in das Werk für die Herstellung mobiler Endgeräte zu investieren. Im ersten Jahr will der Konzern 500 Arbeitnehmer beschäftigen, bis 2010 sogar 3500. Im Industriepark "Nokia Village" werden sich außerdem verschiedene Zulieferer ansiedeln und insgesamt mehrere Tausend Arbeitsplätze schaffen. Die Gesamtinvestitionen schätzen die Finnen auf 200 Millionen Euro. Das teilte der Nokia-Aufsichtsratsvorsitzende Veli Sundbäck bei der Unterzeichnung des Kooperationsvertrags mit den rumänischen Behörden im Frühjahr 2007 mit.

Sogar ein Forschungszentrum gehört zu den ehrgeizigen Plänen von Nokia. Schon kurz nach der Gründung des Standortes wurden die ersten Ingenieure angestellt. "Die Ansiedlung ist eben kein Beispiel für Rumänien als verlängerte Werkbank", sagt Marko Walde, der Geschäftsführer der deutsch-rumänischen Außenhandelskammer in Bukarest. "Eine Reihe von Faktoren wie die Größe des rumänischen Marktes, das Investitionsklima und das gut ausgebildete Personal in der Region bieten die günstigsten Standortbedingungen in ganz Europa."

Die 350.000 Einwohner zählende Stadt Cluj ist nicht nur Siebenbürgens größte Metropole, sondern auch eine Universitätsstadt von gutem Ruf. 100.000 Studenten pauken hier auf Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Im näheren Umland leben weitere 400.000 Menschen. Insgesamt blickt die Stadt auf eine reiche multikulturelle Tradition zurück, für Rumänen wie für die starke ungarische Minderheit ist sie das geistige Zentrum Siebenbürgens.

Pläne seit langem bekannt

Nur ein Problem gab es bis vor kurzem: Zwölf Jahre lang wurde die Stadt von einem rumänischen Nationalisten regiert, der Bänke und Zäune in den Farben der rumänischen Trikolore streichen ließ, Pläne zur Entfernung ungarischer Kulturdenkmäler aus dem Stadtbild hegte und ausländische Investoren in die Wüste schickte. Cluj, so sein Motto, sollte rumänisch bleiben. Doch seit 2004 hat sich die Stimmung gewandelt. Die Stadt und der gleichnamige Landkreis werden nun von Liberalen und Christdemokraten in Allianz mit dem Verband der ungarischen Minderheit regiert.

Seither erlebt Cluj einen nie da gewesenen Boom. Seit 2007 ist es Rumäniens zweitreichste Stadt nach Bukarest. Die meisten Neuwagen werden hier gekauft, allein im vergangenen Jahr wurden zwei neue Einkaufszentren gebaut, zwei weitere sind in Planung. Und der Industriepark, in dem sich Nokia angesiedelt hat, ist bereits der dritte, den das Landratsamt und die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren eingerichtet haben, so groß ist die Nachfrage der Investoren.

"Nokias große Pläne in Cluj waren seit Monaten bekannt, nur die Verlagerung der Kapazitäten aus Bochum kam überraschend", sagt Marko Walde. Die Entscheidung finde er aber keineswegs verwerflich. Sie sei lediglich ein Ausdruck von Chancengleichheit und Wettbewerb in Europa.

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Nokia in Rumänien: Neues Werk auf der grünen Wiese

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