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Kampf um neue Finanzarchitektur: Kapitulation vor dem Monopoly-Monster

Ein Kommentar von Wolfgang Kaden

Es ist der Skandal des Jahres: Die Investment-Banker, die fast die Welt in den finanziellen Abgrund gerissen hätten, spielen wieder ihr Billionen-Monopoly. Wir erleben jetzt den Showdown zwischen einer globalen Geld-Oligarchie und der Politik - in dem die USA, Großbritannien und China eine fatale Rolle spielen.

Banken-Skyline in Frankfurt am Main: Die "Masters of the Universe" haben wieder das Sagen Zur Großansicht
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Banken-Skyline in Frankfurt am Main: Die "Masters of the Universe" haben wieder das Sagen

Das war doch mal eine richtig gute Nachricht. Josef Ackermann sieht für seine Deutsche Bank Chart zeigen die Chance, ab 2011 einen Jahresgewinn von zehn Milliarden Euro "aus dem operativen Geschäft" zu holen. Es sieht so aus, als wenn wir uns um unsere Banken keine Sorgen mehr machen müssen.

Natürlich lassen sich zehn mal tausend Millionen nicht mit langweiligen, althergebrachten Bankgeschäften verdienen, mit schlichten Unternehmenskrediten oder solider Vermögensverwaltung. Wer solche Renditen erwirtschaften will, der braucht schon die ganz große Geldmaschine, das Investmentbanking - er braucht:

  • Mega-Transaktionen mit Wertpapieren jedweder Art,
  • den sogenannten Eigenhandel, also die Spekulation auf eigene Rechnung,
  • Derivate, also die Kreation und den Verkauf abgeleiteter Wertpapiere.

Und natürlich alles, was es sonst noch so gibt in der wunderbaren neuzeitlichen Finanzwelt. Spätestens seit der frohgemuten Verlautbarung Josef Ackermanns wissen wir: Sie sind wieder da, die Investmentbanker, die Masters of the Universe. Wahrlich, es ist das Comeback des Jahres.

Und zugleich der Skandal des Jahres, wenn nicht der ganzen Epoche.

Just jene Spezies, die um ein Haar die ganze zivilisierte Welt in den Abgrund gerissen hätte mit ihren abenteuerlichen Geldgeschäften, erstrahlt wieder in alter Herrlichkeit. Während die Realwirtschaft sich nur mühsam nach dem Tiefschlag der Finanzkrise aufrappelt und die Arbeitslosenzahlen allerorten weiter steigen, melden die großen Investmentbanken Rekordgewinne und verteilen fröhlich dicke Boni.

Die Politiker schauen dem Treiben zu

Geradezu absurd, dass die Verursacher der Krise nun die dicken Gewinner sind. Sie profitieren von dem Notenbankgeld, das es für sie praktisch zum Nulltarif gibt. Sie sind es, die all die Schuldscheine der Regierungen an die Investoren weiterreichen und satte Provisionen bei diesem Geschäft einstreichen.

"Ich bin wirklich schockiert, wie wenig sich geändert hat", sagte kürzlich kein Geringerer als Ed Yardeni, der ehemalige Chefstratege im Investmentbanking der Deutschen Bank, dem SPIEGEL. Scheinbar machtlos schauen die Politiker und die Steuerbürger diesem Treiben zu.

Vergebens also die Hoffnung, das "Monster", wie Bundespräsident Horst Köhler das Investmentbanking nannte, zähmen zu können?

Illusorisch die Erwartung, die Jahrhundertkrise werde immerhin dafür sorgen, dass die Politik wieder die Vormachtstellung über die Finanzmärkte zurückgewinnt?

Dies sind Wochen einer historischen Weichenstellung. Es wird sich spätestens Anfang 2010 erweisen müssen, ob die Staaten und ihre Bürger tatsächlich hilflos einer global agierenden Finanz-Oligarchie ausgeliefert sind, wie es derzeit den Anschein hat. Oder ob die Regierungen die Kraft aufbringen, die selbst ernannten Herren des Universums einzugrenzen und zu entmachten.

Gewinne von geradezu obszönen Dimensionen

Wir sind derzeit Zeuge, wie eine kleine Clique von Geldhändlern die Regierenden und die gewöhnlichen Steuerbürger regelrecht vorführt und verhöhnt. Dies seien "die profitabelsten Zeiten, die es jemals gegeben hat", sagt ohne jedes Zeichen von Scham Bill Winters, der Chef des Investmentbanking von J.P. Morgan.

Lloyd Blankfein, der Chef der Über-Bank Goldman Sachs Chart zeigen, darf sich im dritten Quartal über 3,2 Milliarden Dollar Gewinn freuen; kann seinen Mitarbeitern im Schnitt (!) 800.000 Dollar Jahressalär überweisen; und darf das alles dann mit dem Willen des Allmächtigen legitimieren: "Ich bin bloß ein Banker, der Gottes Werk verrichtet."

Wir wollen nicht Gott bemühen, sondern nur unseren Menschenverstand und unsere geerbten Wertvorstellungen. Und die sagen uns: Es ist auch in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit ihren systemrelevanten Einkommensunterschieden nicht dauerhaft hinnehmbar, dass eine kleine Gruppe von Zeitgenossen Gewinne von geradezu obszönen Dimensionen einstreicht; eine Gruppe zumal, die kein eigenes Geld riskiert und keinerlei reale Werte schafft.

Und noch unerträglicher ist es, dass uns diese Finanzaristokratie mit ihrem Billionen-Monopoly, wie derzeit allenthalben befürchtet wird, erneut in ein das System sprengende Bankendesaster treibt - dann allerdings eines, in dem die Regierungen gleich mit in die Zahlungsunfähigkeit rauschen würden, mangels weiterer Kreditwürdigkeit.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 211 Beiträge
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1.
Hador, 22.12.2009
Sehr schöner Artikel....allein ändern wird das alles nichts. Wenn die letzten Monate eines gezeigt haben, dann dass es wirklich den kompletten Zusammenbruch des Systems braucht bevor sich etwas ändert. Für alles andere ist die Menschheit (oder zumindest diejenigen, welche die Entscheidungen treffen) anscheinend zu blöd. Und das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass mit jedem Mal indem sich das System irgendwie aus der Krise rettet, der endgültige Zusammenbruch nur noch drastischer werden wird.
2. Wahrheiten die weh tun
Callimero 22.12.2009
Sehr gut auf den Punkt gebracht, Wahrheiten die weh tun. Und niemand kann etwas daran ändern.
3. Monopoly-Monster
w.o. 22.12.2009
Die innerhalb des derzeitigen kapitalistischen Systems sehr rational handelnden Banker als Monster zu bezeichnen, führt auf die moralische Ebene und lenkt vom Problem ab. Das System ist das Problem; es gibt ebenso wenig ein bisschen Kapitalismus wie es ein bisschen Schwangerschaft gibt. Solange die grundlegenden Strukturen nicht geändert werden, wird es zwangsläufig immer Menschen geben, deren wesentlichstes Ziel des wirtschaftlichen Handelns die eigene Profitmaximierung ist. In diesem Punkt hat sich seit Karl Marx nichts Wesentliches geändert.
4. Wo ist das Problem
indosolar 22.12.2009
da keine Korrektur erfolgte, wird der Markt es regeln, spaetestens nach der naechsten Krise. Vielleicht reicht ein einfaches Gesetz z.B. so:Wer den Interessen des Staates aus Gruenden der privaten Gewinnmaximierung entgegen handelt, verwirkt jeglichen Schutzanspruch des Staates und seiner Institutionen. Die Verlagerung der Geschaeftstaetigkeit aus dem Bereich der Verfassung fuehrt gleichfalls zum Verlust der durch die Verfassung garantierten Rechte. Simpel aber wirksam!
5. Wir brauchen wohl erst...
Erdenbuerger, 22.12.2009
...den Untergang, bevor wir uns endlich bewegen und einer gerechten Zukunft, in dem nicht Geld das Maß der Dinge ist, die Entfaltung ermöglich. Kurz vor der Wahl sah ich ein tolles Video einer Band namens EinZ ( http://www.youtube.com/watch?v=BxfAiP2F1Zk oder, falls Links nicht erlaubt sind: Euer Auftrag - einfach mal nach googlen), wo Künstler endlich mal den Mund aufgemacht haben! Davon brauchen wir VIEL MEHR!!! Frohe Weihnacht! Ein Erdenbuerger
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Zum Autor
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Wolfgang Kaden leitete ab 1979 das Ressort Wirtschaft des SPIEGEL und übernahm dort 1991 die Chefredaktion. Von 1994 bis Juni 2003 war er Chefredakteur des manager magazins.

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